Erstellt am 11. Mai 2015, 08:32

von APA/Red

22 Tote nach Polizeieinsatz gegen Albaner in Mazedonien. Mazedonien ist von schweren Kämpfen nahe der Grenze zum Kosovo erschüttert worden.

 Bei einem Feuergefecht zwischen Polizisten und einer "terroristischen Gruppe" in der Stadt Kumanovo wurden seit Samstagfrüh acht Polizisten und 14 Kämpfer getötet, wie das Innenministerium am Sonntagnachmittag mitteilte. Demnach kann sich die Zahl der Opfer noch erhöhen.

37 Polizisten zum Teil schwer verletzt

Bei dem Einsatz seien auch 37 Polizisten zum Teil schwer verletzt worden, sagte Innenministeriumssprecher Ivo Kotevski. 30 Männer seien verhaftet worden. Das Ministerium bezifferte die Zahl der Bewaffneten auf bis zu 70, Regierungschef Nikola Gruevski sprach von 40 Bewaffneten. "Zutiefst besorgt"über die Ereignisse zeigte sich EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn. Aus den Nachbarländern und der NATO kam der Aufruf, jede weitere Eskalation zu vermeiden.

Die Zusammenstöße hatten Samstagfrüh mit einer Razzia in einem mehrheitlich von ethnischen Albanern bewohnten Viertel der rund 40 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Skopje gelegenen mazedonischen Stadt Kumanovo begonnen. Die Polizei verdächtigte eine bewaffnete Gruppe, einen "Terroranschlag" auf staatliche Einrichtungen zu planen. Gruevski sprach sogar von der Planung von "Massenmorden". Laut dem Regierungschef waren Angriffe auf Einkaufszentren sowie Sportveranstaltungen geplant, was zum Tod von bis zu 8.000 Personen führen hätte können.

Beim Polizeieinsatz wurden Ein- und Ausfahrten mit gepanzerten Fahrzeugen blockiert. Über der Stadt kreisten Hubschrauber und Drohnen. Die Polizei evakuierte Teile der Bevölkerung und durchkämmte Haus für Haus in dem Viertel. Über einigen Hausdächern stieg dichter Rauch auf. Laut der Polizei war die Gruppe schwer bewaffnet und hatte in Kumanovo Unterstützer.

Gruppe aus einem Nachbarland eingedrungen

Bei der Razzia wurde die Polizei von Heckenschützen beschossen und mit Granaten und automatischen Waffen angegriffen. Laut Kotevski war die Gruppe aus einem Nachbarland nach Mazedonien eingedrungen. Dem Innenministerium zufolge stammten deren Mitglieder überwiegend aus dem Ausland und setzte sich mutmaßlich aus ethnischen Albanern aus dem Kosovo, Albanien und aus Mazedonien zusammen. Medien schrieben vom Kosovo als Herkunftsland.

Aus der mazedonischen Opposition wurde die Regierung in Skopje beschuldigt, den Konflikt inmitten einer politischen Dauerkrise gezielt angeheizt zu haben. Der frühere mazedonische General Ilija Nikolovski sah Söldner hinter den Kämpfen in der drittgrößten Stadt des Balkanlandes: "Ich weiß nicht, wer der Organisator ist und wer die Krise kontrolliert, aber ich habe den Eindruck, dass ihm die Ereignisse außer Kontrolle geraten sind".

Tausende Menschen flohen aus Kumanovo ins benachbarten Serbien. Auch dort lebt eine albanische Minderheit, die oft auf Konfrontationskurs mit der Regierung in Belgrad geht. Serbien entsandte Spezialpolizei an die Grenze. Die mazedonische Regierung kam am Sonntag in Skopje zu einer Sondersitzung zusammen und rief eine zweitägige Staatstrauer aus. Der geplante Skopje-Marathon wurde abgesagt.

Albanien und Kosovo verurteilten die Gewalt

Albanien und der Kosovo verurteilten die Gewalt in Kumanovo. Das Außenministerium in Tirana rief zur Zurückhaltung auf, um eine weitere Verschärfung der Situation zu verhindern, die "der demokratischen Stabilität und dem Wohlstand nicht förderlich ist". Das Außenministerium in Prishtina (Pristina) forderte "alle Seiten auf, eine Lösung durch einen politischen Dialog zu finden".

Hahn äußerte sich nicht nur "zutiefst besorgt"über die Gewalt in Mazedonien, sondern forderte dazu auf, jede weitere Eskalation zu vermeiden. Hahn rief die Behörden und die politischen Anführer zur Kooperation auf, um die Ruhe wiederherzustellen und eine vollständige und transparente Untersuchung der Ereignisse einzuleiten. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg forderte am Sonntag in einer Erklärung alle Beteiligten "im Interesse des Landes und der ganzen Region" zur Zurückhaltung auf.

Unter den "Terroristen" seien Kämpfer gewesen, die Kriegserfahrungen im Nahen und Mittleren Osten gesammelt hätten, erläuterte Regierungschef Gruevski. Sie seien auch für den Überfall auf eine mazedonische Grenzstation vor zwei Wochen verantwortlich. Die Kämpfe in Kumanovo seien keinesfalls ein Konflikt zwischen der slawischen Mehrheitsbevölkerung des Landes und der albanischen Minderheit.

Schon 2001 Aufstand ethnischer Albaner

Kumanovo hat einen hohen albanischen Bevölkerungsanteil. Die Albaner stellen insgesamt schätzungsweise bis zu 30 Prozent der zwei Millionen Einwohner Mazedoniens. Im Jahr 2001 hatte es im Norden Mazedoniens einen Aufstand ethnischer Albaner gegeben. Er endete mit einem Abkommen, das den Albanern mehr Rechte zusagte. Die Beziehungen zwischen den Volksgruppen in Mazedonien blieben aber weiterhin angespannt. Rund ein Viertel der 2,1 Millionen Einwohner der früheren jugoslawischen Teilrepublik sind ethnische Albaner.

Erst vor drei Wochen hatten 40 Kosovo-Albaner die Kontrolle über eine Polizeiwache an der mazedonischen Grenze übernommen und die Bildung eines albanischen Staates in Mazedonien gefordert. Die Gewalt in Kumanovo droht die ohnehin angespannte politische Situation im Land weiter zu verschärfen. Die Regierung ist mit einem Korruptionsskandal konfrontiert und sieht sich Vorwürfen der Opposition ausgesetzt, illegal 20.000 Menschen abgehört zu haben.