Erstellt am 07. Mai 2014, 18:44

Großes Rätselraten am Naschmarkt. Wien / Großes Rätselraten am Mittwoch auf dem Wiener Naschmarkt: Jean Claude Juncker, Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei (EVP) zur EU-Parlamentswahl, traf im Rahmen seines Wahlkampfs auch seine österreichischen Parteikollegen.

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Während Dutzende Parteifreunde, Wahlkämpfer und Medienvertreter großes Interesse zeigten, kannte die Mehrheit der Besucher am Naschmarkt den Politiker nicht.

"Ist das nicht der von der ÖVP?", meinte eine junge Frau auf ÖVP-Chef Vizekanzler Michael Spindelegger deutend. Auch Othmar Karas, EU-Spitzenkandidat der ÖVP, wurde von Plakaten vereinzelt wiedererkannt.

EVP-Spitzenkandidat vielen Besuchern unbekannt

Den Namen "Juncker" hatten die meisten Naschmarktbesucher dagegen noch nie gehört. "Ist der bekannt?", fragte ein junge Mann skeptisch. "Doch, den kenne ich", zeigte sich eine BWL-Studentin überzeugt, verwechselte jedoch Juncker mit dem EU-Spitzenkandidaten der SPÖ, Eugen Freund. "Hier haben die Leute Zeit zum Plaudern", zeigte sich eine junge ÖVP-Wahlkämpferin wenig enttäuscht, dass Juncker noch keine Bekanntheit unter den Naschmarktbesuchern genießt.

"Wenn ich Zeit habe, gehe ich hin, aber nur wenn ich Zeit habe", meinte eine Verkäuferin, ob sie an der EU-Wahl am 25. Mai teilnehmen werde. "Wo kann man wählen gehen, gibt es da Information?", fragte ein weiterer Verkäufer. "Ja zur EU-Wahl wollen wir gehen", meinten schwedische Touristen.

"Die Konkurrenz will einkaufen", versuchte ein Mitglied der Grünen ihr Fahrrad durch die Menge zu schieben, um an einen Falafel-Stand zu kommen. Dort verköstigten Juncker und Spindelegger gerade im Blitzlichtgewitter die Kichererbsen-Bällchen. "Ach ja, es ist Wahlkampf und da kommen die Politiker auf den Naschmarkt und machen auf Multi-Kulti", verdrehte eine junge Frau die Augen.

Juncker und Spindelegger luden zum Pressegespräch

Im Anschluss an den Spaziergang luden Juncker und Spindelegger zum Pressegespräch in ein Naschmarkt-Lokal. Wenn man in der Ukraine-Krise reagieren wolle, gebe es zwei Möglichkeiten: Krieg zu führen oder Sanktionen, die die nächste Stufe seien. Für "knallharte Wirtschaftssanktionen" müsse eine "innereuropäische Solidarität" organisiert werden, da manche Länder von diesen durch ihre Beziehungen mit Russland stärker betroffen wären.

Mittels einer Energieunion, -effizienz und Diversifizierung solle die "Abhängigkeit von Russland" durchbrochen werden. Er sei jedoch nicht der Meinung, dass man "Europa total auf Atomenergie umstellen" müsse, so Juncker.

Während Spindelegger die langjährige Erfahrung des ehemaligen luxemburgischen Premiers in der Politik lobte, kritisierte letzterer, dass sein sozialdemokratischer Herausforderer Martin Schulz, "konsens- und lösungssüchtig" sei. "Konsens ist nicht immer die Lösung."

Dass die Staats- und Regierungschefs der EU Juncker und Schulz ignorieren und jemand anderen zum EU-Kommissionspräsidenten bestellen könnten, weist Juncker zurück. "Ich laufe mir nicht die Beine krumm, dass jemand etwas in einem Hinterzimmer plant". "Das wäre nur vorstellbar, wenn einer der beiden Kandidaten zurücktritt", meinte Spindelegger, sonst würde den "Wählern etwas vorgegaukelt".

Hinsichtlich der Anpassungsprogramme meinte Juncker, es gebe "erhebliche Probleme", die Empfängerländer zu Solidarität und Anwendung der Programme zu überzeugen. In Griechenland habe die Schuldenpolitik gestoppt werden müssen. "Heute erklären alle Klugscheißer, was falsch war", schlug Juncker einen harschen Ton an. Es seien zwar Fehler passiert, aber wenn nichts unternommen worden wäre, wäre Griechenland aus der Eurozone ausgetreten.

Und noch einmal wird Juncker deutlich: Das Hamburger Magazin "stern" berichtet in seiner am Donnerstag erscheinenden Ausgabe über neue Enthüllungen in der Geheimdienstaffäre. "Es ist reiner Zufall, dass der 'stern' das publizieren wird und hat mit dem Wahlkampf nichts zu tun." Zudem habe das Magazin zu wenig Zeit zur Beantwortung von Fragen eingeräumt.

Juncker soll laut "stern" der Justiz Geheimdienstinformationen über das Schwarzgeldkonto eines Staatschefs vorenthalten haben. Juncker ließ laut dem Magazin Fragen zu dem Konto und seiner Rolle in der Sache unbeantwortet. Wegen der Geheimdienstaffäre erlitten Junckers Christdemokraten bei vorgezogenen Parlamentswahlen im Oktober Verluste und wurden durch eine Mitte-Links-Regierung abgelöst.