Erstellt am 04. September 2015, 13:13

Hunderte Migranten aus Lager in Süd-Ungarn geflohen. Die Lage aufgrund der Flüchtlingskrise in Ungarn ist am Freitag weiter zugespitzt geblieben.

 |  NOEN, APA
Die Lage aufgrund der Flüchtlingskrise in Ungarn ist am Freitag weiter zugespitzt geblieben. Vom Budapester Ostbahnhof (Keleti palyaudvar) aus marschierten gegen Mittag rund 3.000 Migranten Richtung Westgrenze. Aus dem südungarischen Erstaufnahmelager Röszke brachen unterdessen rund 300 Flüchtlinge aus. Auf der Bahnstation Bicske traten zahlreiche Flüchtlinge in den Hungerstreik.

Die Krisensituation hatte am gestrigen Donnerstag begonnen, als zahlreiche Migranten auf dem Budapester Ostbahnhof einen nach Westen fahrenden Zug bestiegen, von dem sie dachten, er bringe sie nach Deutschland. Der Zug wurde jedoch in Bicske, ca. 40 km nach Budapest, von den Behörden gestoppt. Die Flüchtlinge sollten in das dortige Flüchtlingslager gebracht werden. Die Migranten weigern sich allerdings nach wie vor, die Garnitur zu verlassen. Viele lehnten am Freitag die Getränke- und Essenslieferungen durch die Polizei ab, wie eine APA-Journalistin berichtete.

Unterdessen machten sich in den Mittagsstunden rund 3.000 Migranten in Budapest zu Fuß Richtung Westen auf. Sie skandierten beim Aufbruch "Austria, Austria". Das Ziel der meisten von ihnen sei allerdings Deutschland, sagte ein Teilnehmer. Die ungarischen Polizeibehörden schritten nicht dagegen ein, sondern sicherten den Weg der Flüchtlinge - darunter zahlreiche Kinder - quer durch die ungarische Hauptstadt.

Unterdessen kam es auch im Erstaufnahmelager im südungarischen Röszke zu einer dramatischen Situation. Gegen Mittag stürmten rund 300 Migranten aus dem Lager und rannten über die Felder davon. Viele von ihnen wurden von den Polizisten im Umfeld der Autobahn Richtung Serbien aufgegriffen. Der Grenzverkehr über die Autobahn M5 wurde deshalb vorübergehend gesperrt. Auch danach blieb die Lage angespannt, es waren Dutzende Polizisten am Ort. Laut Medienberichten hatten sich die Flüchtlinge offenbar über die Langsamkeit der Bearbeitung ihrer Fälle beschwert. Aus dem Erstaufnahmelager in Röszke werden die an der serbisch-ungarischen Grenze aufgegriffenen Flüchtlinge laut Medienberichten üblicherweise innerhalb von 24 Stunden an andere Stellen weitergeleitet.

Die Direktverbindungen der Bahn zwischen Budapest und Wien blieben auch am Freitag unterbrochen. Die Züge würden nur bis zur Grenzstation Hegyeshalom geführt, dort müssten internationale Reisende in andere Züge umsteigen, teilten die ungarischen Staatsbahnen (MAV) auf ihrer Internetseite mit. Ähnliche Unterbrechungen gab es auch auf den Strecken Richtung Westslowakei.

Das ungarische Parlament hat unterdessen am Freitag die neuen Gesetzesbestimmungen über den illegalen Grenzübertritt beschlossen. Demnach ist die Überquerung der gerade in Errichtung befindlichen Grenzsperren strafbar. Unmittelbar im Grenzstreifen sollen auch neue "Transitzonen" eingerichtet werden. Das Gesetz soll mit 15. September in Kraft treten.

Premier Viktor Orban warnte in einem Interview mit dem staatlichen Sender MR1-Kossuth Radio davor, dass bald "mehrere zehn Millionen" Migranten nach Europa kommen könnten. Doch wenn man alle hereinlasse, "ist das das Ende von Europa".

Am Freitagnachmittag kamen die Regierungschefs de Visegrad-Gruppe (V4) - Ungarn, Slowakei, Tschechien, Polen - in Prag zusammen, um über eine gemeinsame Linie in dieser Frage zu beraten. Die EU-Außenminister sprechen am Freitagnachmittag in Luxemburg über die Flüchtlingskrise. "Die Situation ist dramatisch in Ungarn", sagte der ungarische Außenminister Peter Szijjarto. "Wir haben Migranten, die sich der Kooperation mit den ungarischen Behörden widersetzen."

Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) sprach sich für einen EU-Sondergipfel zum Thema Flüchtlinge noch im September aus. Als es um Griechenland ging, hätten sich die Staats-und Regierungschefs "laufend getroffen und jetzt nicht", so Faymann am Freitag in einer Aussendung. Gleichzeitig sprach sich der Kanzler erneut für faire, verpflichtende Flüchtlingsquoten innerhalb der EU aus. Faymann hatte zuvor den ungarischen Botschafter Janos Perenyi ins Kanzleramt zitiert.

Nach der Dublin-Verordnung muss Ungarn alle über seine EU-Außengrenze ankommenden Flüchtlinge registrieren. Viele von ihnen weigern sich allerdings, die Registrierung durchführen zu lassen, da sie eigentlich in westeuropäischen Ländern - vor allem in Deutschland - Asyl beantragen wollen. Sie befürchten, dass sie sonst wieder nach Ungarn abgeschoben werden, da nach der Dublin-Verordnung das erste EU-Land, das ein Flüchtling betritt, für das Asylverfahren zuständig ist.