Erstellt am 02. Oktober 2014, 13:29

von APA Red

Immer mehr Mediziner wandern ins Ausland ab. Nur mehr 60 Prozent der Absolventen eines Medizinstudiums sind auch in Österreich als Arzt tätig. Immer mehr Mediziner wandern ins Ausland ab, 2013 arbeiteten 2.700 heimische Ärzte in Deutschland.

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Auf dieses medizinische Braindrain wurde am Donnerstag beim European Health Forum Gastein (EHFG) aufmerksam gemacht. Bisher galt Österreich als "Empfängerland" bei der Migration medizinischen Personals.

Generell sind die Aussichten vor allem für west- und nordeuropäische Länder düster: "Sie stehen vor einem doppelten demografischen Problem, einer alternden Bevölkerung stehen gleichzeitig alternde Fachkräfte im Gesundheitswesen gegenüber", erklärte James Buchan von der Queen Margaret Universität Edinburgh.

Bis zum Jahr 2020 werden Schätzungen der Europäischen Kommission zufolge etwa eine Million Ärzte, Pflegepersonen und andere im Gesundheitswesen tätige Personen fehlen, so Buchan - die Lücke zwischen verfügbaren Arbeitskräften und vorausgesagter Nachfrage nach Gesundheitsprofis werde weiter wachsen, es sei denn, die Politik ergreife rechtzeitig Gegenmaßnahmen.

Diese Entwicklung führt zu einem zunehmenden Wettbewerb um qualifiziertes Gesundheitspersonal innerhalb der EU. Bisher konnten westliche und nördliche Mitgliedsstaaten die Lücken durch Zugänge aus Ost- und Südeuropa füllen. Aktuelle Migrationsdaten zeigen allerdings, dass der Anteil emigrierender Gesundheits-Fachkräfte in den neuen EU-Ländern nie höher als drei Prozent der gesamten Fachkräfte sein werde, so Buchan.

"Besseres Einkommen ist beileibe nicht das einzige Motiv"

Auch die Richtung von Migrationsströmen und deren Veränderung sei zunehmend schwierig vorhersehbar, so der Experte. "Kein Land kann es sich leisten, diese Mobilität zu ignorieren oder sich 'sicher' zu wähnen. Ein- und dasselbe Land kann heute von der Zuwanderung von Fachkräften im Gesundheitsbereich profitieren und morgen selbst Gesundheitspersonal an andere Destinationen verlieren."

Als Gründe, sich für einen Wechsel in ein anderes Land zu entscheiden, gebe es mehrere Schlüsselfaktoren: "Ein besseres Einkommen ist ein, aber beileibe nicht das einzige Motiv. Man darf hier natürlich nicht zu sehr vereinfachen, denn jedem Einzelfall liegt eine unterschiedliche Dynamik zugrunde. Doch der wichtigste Ansporn, sein Land zu verlassen, sind meist schlechte oder relativ gesehen schlechte Rahmenbedingungen und Aussichten. Zu wichtigen Motiven zählen auch Karrierechancen, Ausbildungsmöglichkeiten für die Kinder oder die politische Stabilität des Ziellandes."

Möglichkeit von bilateralen Abkommen mit Zielländern prüfen?

Die Regierungen betroffener Länder seien aufgerufen, die Faktoren zu analysieren, die zur Abwanderung von Angehörigen der Gesundheitsberufe führen, so Buchan. "Dann kann man mit angemessenen politischen Maßnahmen darauf reagieren. Diese Länder werden vielleicht nicht immer mit den Zielländern mithalten können, was das Gehaltsniveau betrifft, doch sie können versuchen, als Strategie gegen die Abwanderung die Rahmen- und Arbeitsbedingungen insgesamt zu verbessern."

Eine sinnvolle Option könne es auch sein, die Möglichkeit von bilateralen Abkommen mit Zielländern zu prüfen und sicherstellen, dass sich Anwerbeländer an den "WHO-Kodex für die grenzüberschreitende Anwerbung von Gesundheitsfachkräften" halten. "So kommen Quell- und Zielländer in einen politischen Dialog, um dem sogenannten medizinischen Braindrain zu begegnen", sagte Buchan.