Erstellt am 06. Juli 2014, 13:55

von APA/Red

Sieg für Rubinowitz, Publikumspreis für Klemm. Der in Österreich lebende Autor und Zeichner Tex Rubinowitz gewinnt den Ingeborg-Bachmann-Preis 2014. Die in Baden geborene und in Pfaffstätten lebende Gertraud Klemm holte sich für "Ujjayi" den mit 7.000 Euro dotierten Publikumspreis.

Unter den – nach krankheitsbedingtem Ausfall von Karen Köhler – 13 Teilnehmerinnen und Teilnehmern hatte sich nach den Lesungen kein eindeutiger Favorit herauskristallisiert.

Auf die Shortlist schafften es schließlich neben Rubinowitz Michael Fehr, Katharina Gericke, Anne-Kathrin Heier, der aus Sri Lanka stammende Senthuran Varatharajah sowie Gertraud Klemm und Roman Marchel aus Österreich. Im Vorjahr gewann Katja Petrowskaja mit "Vielleicht Esther" den Bachmann-Preis.

Humor wurde belohnt

Humor ist normalerweise ein Ausschließungsgrund dafür, bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt erfolgreich zu sein. Der am 5. Dezember 1961 in Hannover geborene Rubinowitz hat diese ungeschriebene Regel durchbrochen und sich mit einem Text voll Pointen zum Bachmann-Preisträger gemacht.

Eigentlich heißt er ja Dirk Wesenberg. Er verbrachte seine Jugend in Lüneburg, brach 1978 die Schule ab und arbeitete anschließend in verschiedenen Berufen, jobbte in einer Molkerei, absolvierte seien Militärdienst und übersiedelte 1984 nach Wien.

Sein Kunststudium bei Oswald Oberhuber dauerte seinen Angaben zufolge genau eine Woche. Dann begann er, für den "Falter" zu zeichnen. Als Cartoonist ist er bis heute tätig, seine schriftstellerischen Ambitionen sind indes weniger bekannt.

Zuletzt trat er mit seinem Reisebuch "Rumgurken" und seinen Listen "Die sieben Plurale von Rhabarber" in Erscheinung. "Es ist wunderbar, dass ich dort sein kann", meinte er über den Bachmann-Wettbewerb im APA-Gespräch vor dem Wettbewerb. Am Tag vor der Preisverleihung stapelte er noch tief und meinte, Humor werde üblicherweise in Klagenfurt nicht belohnt, es sei ihm auch nicht wichtig, ob er einen Preis bekomme.

Das Wettlesen in Klagenfurt hat er seit Jahren begleitet, gemeinsam mit seinen Kollegen vom Kollektiv "Höfliche Paparazzi". Dass er zum Wettlesen nach Klagenfurt gekommen ist, war ein wenig Zufall, so stellt er es jedenfalls dar.

"Klagenfurt ist im Ausnahmezustand"

Sein Text über eine erste Liebe zu einem Mädchen aus Litauen, das Probleme mit Sex hat und an Batterien lutscht, könnte, so kündigte er an, Teil eines Romans werden. Träume habe er längst aufgegeben, daher habe er auch keinen langfristigen Plan für eine Karriere als Schriftsteller.

Der Bachmann-Preis ist für Rubinowitz jedenfalls etwas ganz Besonderes, seine Analyse fiel schon im Vorfeld wie immer ironisch-humorig aus: "Klagenfurt ist in dieser Zeit in einem komischen Literaturausnahmezustand, der von den Klagenfurtern selbst gar nicht mitbekommen wird. Die interessieren sich halt für den 'Iron Man' oder das GTI-Treffen", schmunzelte der Autor.

"Und dann landen dort diese Stubenhocker, die blassen Typen, die wie ferngesteuert durch Klagenfurt wandeln und - wenn sie aus Norddeutschland kommen - vielleicht nicht mal die Sprache verstehen und dann ganz verblüfft sind, wie hübsch dieser Ort ist." Zudem bekomme man bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur "hoch konzentrierte Literatur" serviert. "Das ist richtige Arbeit. Die Juroren sind danach immer ganz erschöpft."

Klemm gewinnt Publikumspreis

Nach dem Bachmann-Preis für Rubinowitz hat es am Sonntag noch eine weitere Auszeichnung für eine österreichische Teilnehmerin gegeben.

Die Niederösterreicherin (geboren in Baden, wohnhaft in Pfaffstätten) lebende Gertraud Klemm holte sich für "Ujjayi" den mit 7.000 Euro dotierten Publikumspreis. Dieser bedingt zudem eine Einladung, 2015 als Stadtschreiberin den Sommer in Klagenfurt zu verbringen.


Stimmen der Jury nach der Lesung:
 
"Sehr österreichisch – man hört Bernhard und Jelinek darin. Sehr witzige, pointierte Szenen." (Hubert Winkels)
 
"Ein sehr kunstvoller rhythmisierter Text, eine atemlose Anklage. Ganz großartige Bilder, die einen überraschen, weil sie aus dem Hinterhalt kommen. Ich bin glücklich mit solchen Texten." (Daniela Strigl)
 
"Ein Stück Wutliteratur, entzündet an einem Muttertagsfiasko – sehr gut gemacht." (Hildegard Keller)
 
"Gratulation! Wir freuen uns mit der Autorin", so auch die Droschl-Verlegerin Annette Knoch in einem ersten Statement. "Ich sehe den Preis auch als Bestätigung – dieser wütende, sarkastische Ton, diese präzisen und treffenden Formulierungen liest man auch in ihrem Debütroman, in "Herzmilch", – das hat uns überzeugt und es ist so schön, dass Gertraud Klemm auch die Jury und das Publikum hier in Klagenfurt überzeugt hat.
Gratulationen!!"


Michael Fehr, der Rubinowitz im Stechen um den Bachmann-Preis unterlegen war, gewann den mit 10.000 Euro dotierten Kelag-Preis für seinen Text "Simeliberg". Der in Sri Lanka geborene Senthuran Varatharajah wurde für seinen ersten literarischen Versuch – er hat noch keinen Text veröffentlicht – mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet (7.500 Euro).

Gericke gewinnt 5.000 Euro

Mr. Heyn´s Ernst-Willner-Preis geht an Katharina Gericke. Die in Berlin lebende Autorin bekommt 5.000 Euro. Sie war auf Einladung von Juryvorsitzendem Burkhard Spinnen nach Klagenfurt gekommen. Spinnen, der seit 2008 den Juryvorsitz innegehabt hatte, gab nach der Preisverleihung seinen Rückzug aus der Jury bekannt. "Er wird uns fehlen", war der einhellige Tenor im Publikum.

Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) gratulierte Rubinowitz zum Gewinn des Bachmann-Preises: "Ein schöner Erfolg für den in Österreich lebenden Deutschen, ein schöner Tag für die österreichische Literatur", so der Minister, der sich darüber freut, dass die Auszeichnung nach Gert Jonke (1977), Franzobel (1995) und Maja Haderlap (2011) "zum vierten Mal nach Österreich" gegangen sei.

Lesen Sie aus dem Roman von Gertraud Klemm: Ein Auszug aus "Ujjayi":

Das rote Billet in halber Herzform ist sichtlich von Kinderhand ausgeschnitten worden, Franziska klappt es auf, auch die Zeichnung lässt keine Zweifel offen, in der Mitte des Herzens eine Art Qualle, das soll wohl sie sein, sie wird das Billett auf die Küchenablage stellen, wo es sich einen feinen Fettfilm zulegen darf, bevor sie es im Sommer in die Aufbewahrungsbox legen wird, auf die ersten Handabdrücke in Fingerfarbe, die kleinen Wollküken und die invaliden Kastanientiere, sie heben alles auf, was Manuel im Kindergarten produziert, die sogenannten Zeichnungen, auch wenn da gar nichts ist außer eine zornige Linienführung, am Monatsende erfolgt die Übergabe an die Mutter, kein großer Künstler, sagte die Pädagogin unlängst lapidar, wie fast alle Buben, sie sieht Manuel, die Faust trotzig um den Stift geschlossen, wie er auf das Papier einsticht und dabei ist, es aufzuschlitzen, käme nicht die geübte Pädagoginnenhand ins Bild und sorgte dafür, dass es auch wirklich eine Zeichnung wird, jetzt muss sie aber erst einmal sitzen bleiben, das mit dem Frühstück hat schon ganz gut geklappt, Tom hat sich bemüht, er tut es noch, er trägt das schmutzige Geschirr einzeln zum Küchenblock, wie viel Zeit er mit seiner Umständlichkeit vergeudet, und er trägt die Teller schief, eine mehrspurige Bröselbahn hinter sich herziehend, Franziska ist angehalten worden, heute sitzen zu bleiben und endlich einmal Zeitung zu lesen, sie kann ihnen natürlich auch beim Arbeiten zusehen, also erfreut sie sich entschlossen an ihrer Familie, sie hört die Stimme ihrer Mutter, Franziska hat einen sportlichen Tiroler geheiratet, der sich als liebevoller Ehemann herausgestellt hat und, was noch wichtiger ist, als leidenschaftlicher Vater, und sie versucht gnädig zu sein mit ihrer Mutter, wann, wenn nicht heute.

Er übernimmt die Aufgaben, die sie versucht, auf ihn zu übertragen, Stück für Stück, nie sieht er das große Ganze, leider, aber geht es nicht ums Einander-Verzeihen, ums Hinwegsehen über die kleinen Hügel der Inkompatibilität, hinter ihnen eine abendstimmige Vergangenheit, vor ihnen eine sanft morgengerötete Zukunft, doch, das können sie ganz gut, aber reicht es, um sie von der Notwendigkeit eines zweiten Kindes, jetzt, zu überzeugen, keine Babysehnsucht, leider, ist ein Kind nicht genug, denkt sie, nein, da legt sich der Tiroler in Tom quer, mindestens zwei zur Arterhaltung, ab drei wird es erst eine richtige Familie, Bergbauernkind, Tom steckt die Teller in den Geschirrspüler, ohne sie vorher abzuspülen, während Manuel mit dem Bobby Car um den Küchenblock rast, und die Teller stecken nicht parallel, das sieht man doch schon von hier, aus der Perspektive der abkommandiert faul bei Tisch Sitzenden, natürlich keine Katastrophe, sondern einfach ein Ärgernis, ein kleines Versagen, ein weiteres Argument gegen ein zweites Kind, jetzt, Manuels Lärm an- und abschwellend, eine Kreissäge, sie filetiert ihre Gedanken, von hier sieht sie auch die glänzenden Flächen des Küchenblocks, Tapp- und Schmierspurenformen einen milchigen Gürtel, der das Lackfurnier umspannt, die Vormittagssonne sieht alles, ihre Bulthaup Küche, dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, das Prestigeobjekt in ihrem Haus, erst Manuels Gehhilfe und dann Aktionsfläche für seine speichelreichen Küsse, immer hat sie Bluthaupt gelesen und sich gedacht, was für ein geschäftsschädigender Name, es würde doch schon reichen, die Notwendigkeit eines zweiten Kindes zumindest anzuzweifeln, und immer nur reden sie über ein zweites Kind, jetzt, das Schlimmste ist zwar schon vorbei, die Zeiten, als Manuel halbzerkaute Nahrungsreste und Speichel mit der ganzen Hand zu einem Brei verrieb, auf dem Holzboden, auf den Glastüren, der Gedanke an eine Neuauflage des Schwarzbuchs Kind, plus Verdoppelung von allem, was immer an den Frauen hängen bleibt, Wäsche, Windeln, wache Nachtstunden, Okkupation im Bett, am Schoß, der heute immer noch selbstverständliche Griff in Franziskas Ausschnitt, obwohl Manuel schon vor Jahren abgestillt werden wollte, eine kleine Panik bäumt sich auf, und dazu eine Wut auf Tom und seinen anmaßenden Lebensplan, sie veratmet beides, Ujjayi, die siegreiche Atmung durch die Stimmritzen, der Ozean in ihrem Kopf rauscht sanft, Manuel hilft mit, beherzt trägt er seinen Becher hinter Tom her, Tom lächelt, sieh her, heißt dieses Lächeln, das kann er schon, man kann nie früh genug beginnen, oder, und sie lächelt zurück und denkt, ein Tag im Jahr ist nicht genug, und auch jedes Wochenende wäre nicht genug, es ist nie genug, Schatz, und wir werden wieder darüber diskutieren, wie so oft in letzter Zeit, Abende, die mit einer guten Flasche Wein beginnen und auf eine harmonische Zweisamkeit zulaufen, werden auf halber Strecke entgleisen, jede Familie hat so ihr Thema, bei ihnen war es der Altersabstand der Kinder, Toms Blick wird wieder weinerlich werden, weil der Altersabstand sich bedrohlich vergrößert, während sie darüber diskutieren, wächst die Kluft zwischen den Geschwistern, die er immer mit ausgebreiteten Armen nachgestikuliert, ist das nicht ein Justament von ihm, wenn ich nun nicht nur kein zweites Kind, jetzt, will, denkt sie, sondern gar kein zweites mehr, man müsste dankbar sein für seine Fruchtbarkeit, man müsste die Arme ausbreiten und das Leben einfangen, sie sieht sich den brüllenden Manuel in seinem Stubenwagen mustern, wie sie ihn nicht schon wieder anlegen kann und ihn nicht herumtragen will, wie sie nicht auf diesem schrecklichen Gymnastikball wippen will wie eine Schwachsinnige, so steht sie vor dem Stubenwagen und starrt in das dunkelviolette, vibrierende Loch hinein, aus dem sie die Schallwellen kommen sehen kann, wie sich die Luftmoleküle unter dem Gebrüll verschreckt zusammenpressen und in den Raum geschleudert werden, wie das Gebrüll sich in jedes Eck des Hauses verbreiten wird und immer neues Gebrüll nachproduziert wird, ausgehend von der Bauchmuskulatur ihres Kindes, das irgendein Problem hat, aber immer noch Kraft, sie sieht sich das Kind aus dem Stubenwagen nehmen und es weit von sich strecken, die Arme werden ihr schwer von den dreieinhalb Kilo, die sie nicht in Berührung bringen will mit ihrem eigenen Körper, lachhaft, es ist schon lange nicht mehr ihr Körper, es ist jedermanns Luststätte, Labstelle, Raststätte, Brutraum, und mittendrin der glasklare Gedanke, ihn einfach fallen zu lassen, um endlich schlafen zu können, und ein paar Momente später die Reue mit einer Schärfe, als hätte sie es wirklich getan, der Wunsch nach Selbstzüchtigung, als er drei Wochen alt war, sechs Wochen, der kleine rosa Brüllapparat, der Parasit, sein gerillter Gaumen hatte sich an ihrer Brust festgebissen, die zwar schon unempfindlicher war, aber immer noch durch eine opake Nabelschnur Milch abstottern musste, Schreibaby heißt der Fachbegriff lapidar, Tom verstand, dass Schreibabys schreien müssen, Franziska nicht, sie konnte mit den guten Ratschlägen, die in der Schreibabyambulanz am Fließband ausgegeben wurden, nichts anfangen, sie war eine dieser Frauen, die wie Zombies in den Gängen wandelten und ihre defekten Kinder hilfesuchend von Psychologinnen und Kinderärzten inspizieren ließen, einzig die Säuglingsschwester, die in der Aufnahme saß und die Daten einklopfte, hatte ein bisschen Mitgefühl für sie, von ihr war auch der Tipp mit der Stimmritzenatmung, sie legte ihre fleischige Hand auf Franziskas Schulter, vier ein, zwei halten, vier aus, zwei halten, Franziska nickte und atmete und wollte ihren Kopf in den weichen Schoß der Schwester
legen, heulen und alles gestehen, was fast passiert wäre, sie wollte, dass die Schwester mit dem zu engen Mäntelchen sie an die Hand nahm und mit ihr den Abgrund begutachtete, den Franziska und nur Franziska gesehen hatte, und dann hätte die Schwester ihre Grübchen lachen können und sagen:
Das ist doch ganz normal, und glauben Sie mir: Sie werden Ihrem Kind nichts antun. Und gerade als Manuel ein bisschen robuster war, als er endlich mit dem Schreien aufhörte, als er ordentlich trinken konnte und ihr dabei in die Augen sah, als die Liebe über das schiere Gewährleisten des Überlebens hinauszugehen schien, spuckte er die Brust aus, drehte den Kopf weg und begann sich rückwärts schiebend die Welt untertan zu machen, immer weg von Mama. Das Argument mit der schlafenden Dissertation zieht nicht bei Tom, so vieles ginge zu Hause, Abendstunden, die vor dem Fernseher versickern, wollen genutzt werden, in Arbeit oder zumindest Beziehungsarbeit investiert werden, ein zweites Kind, jetzt, denkt sie, und wie der Tag sich wird dehnen müssen, um für ein zweites Kind und ein Studium Platz zu schaffen, mit Dehnung wäre es nicht getan, Einschnitte wären es, zwischen den Wundrändern könnte man dem Tag kleine Zeitportionen abtrotzen, ein klaffendes Leben, das nur die Jahre heilen könnten, Zigtausende von überquellenden Windeln passen hinein und Fehlversuche, rudernde Arme in Ärmel zu stecken und Schuhe über bockige Fersen zu ziehen, Franziska kann nicht anders, Essen und Ausscheiden, Wischen und Waschen, Nachtwache und Unschlaf, sie sieht Tom dabei zu, wie er jetzt zum Beispiel Manuels Hinterkopf hält, während er endlich die Reste von Ei und Marmelade aus den Mundwinkeln wischt, für alles kann man ein Feuchttuch verwenden, findet Tom, für das
Marmeladegesicht und fäkalienverklebte Hoden, für die Reinigung der Klobrille und wenn das Kind ins Auto gekotzt hat, null Reinigungskompetenz, man kann ihm keinen Vorwurf machen, ihm nicht und den meisten Männern nicht, sie sehen die Angelegenheit mit den Wohnungen und Küchen und Kindern nur aus einer Zuschauerperspektive, sie schaffen den Sprung auf die Bühne nicht, sie applaudieren gerne und sie zahlen den Eintritt, aber wenn die Bühne leer bleibt, sehen sie sich um und werden nervös, bis eine Mutter oder Schwiegermutter den Mama-Part übernimmt, man muss als Mutter schon sterben oder langfristig verschwinden, damit so ein Mann wahrhaftig an die Stelle einer Mutter tritt, mit hängenden Schultern und viel Empathie aus dem Publikum.