Erstellt am 21. Mai 2015, 22:45

IS enthauptet Menschen in Palmyra - 17 Tote. Die Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) hat nach Angaben der syrischen Opposition in der Stadt Palmyra mindestens 17 Menschen getötet.

Syrien: IS kontrolliert gesamte Stadt Palmyra  |  NOEN, APA (epa)

Darunter seien Mitglieder der syrischen Sicherheitskräfte und Zivilisten, gab die in Großbritannien ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Donnerstag bekannt. Einige der Opfer seien enthauptet worden.

Die sunnitische IS-Miliz hatte Palmyra am Mittwoch erobert. Zuvor tötete sie der Beobachtungsstelle zufolge bei ihrem Vorrücken insgesamt 49 Menschen in der Umgebung der historischen Stadt. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) kontrolliert nun rund die Hälfte der Fläche des Landes. Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte rückten die IS-Kämpfer am Donnerstag nach tagelangen Kämpfen in den Bezirk mit den berühmten antiken Ruinen Palmyras vor. Experten befürchten nun ihre Zerstörung.

Die Regierungstruppen hätten sich von allen Positionen in der Stadt und ihrer Umgebung zurückgezogen, erklärten die Beobachtungsstelle und andere Aktivisten am Donnerstag. Mit dem Vormarsch der Extremisten wächst die Sorge um die rund 2.000 Jahre alten historischen Stätten aus den ersten Jahrhunderten nach Christus, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen.

"Enormer Verlust für die Menschheit"

Die UNESCO-Chefin Irina Bokowa äußerte sich "sehr besorgt"über den IS-Vormarsch in Palmyra. Eine Zerstörung der archäologischen Stätten wäre ein "enormer Verlust für die Menschheit", erklärte sei und rief den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen auf, sich des Themas anzunehmen. "Wir brauchen die totale Mobilisierung der internationalen Gemeinschaft."

Aktivisten aus der Stadt erklärten, bisher habe es keine Zerstörungen durch die Islamisten, die bereits im Irak Denkmäler der Antike verwüstet haben, gegeben. Der Leiter der syrischen Museums- und Altertumsbehörde, Mamun Abdul-Karim, sagte, hunderte Statuen seien vor dem IS-Einmarsch an einen sicheren Ort gebracht worden, andere Exponate wie antike Gräber könnten hingegen nicht abtransportiert werden.

Palmyra ist zentraler Verkehrsknotenpunkt

Mit der Einnahme Palmyras gelang es den Kämpfern des IS erstmals, einen Ballungsraum direkt von Regierungskräften zu erobern. Palmyra ist auch aus militärischer Sicht wichtig, da die Stadt ein zentraler Verkehrsknotenpunkt ist. Bisher kontrolliert der IS überwiegend dünn besiedelte Gebiete im Norden und Osten Syriens. Die syrischen Streitkräfte haben sich auf die Verteidigung der großen Städten an der Küste und an der Grenze zum Libanon konzentriert, darunter die Hauptstadt Damaskus.

Der aus Palmyra stammende Aktivist Mohammed Hassan al-Homsi berichtete über den IS-Vormarsch, die Regierungstruppen hätten aufgegeben und sich ohne Widerstand von ihren Positionen zurückgezogen. Stützpunkte des Militärgeheimdienstes in der Wüste sowie der Militärflughafen und das Gefängnis der Stadt seien aufgegeben worden, hieß es vonseiten der Beobachtungsstelle. Die Jihadisten seien in der Nacht in die Haftanstalt eingedrungen.

Die Einnahme des Gefängnisses von Palmyra ist von großer Symbolik, weil die Haftanstalt vielen Syrern als Ort des Terrors gilt. Die syrische Regierung ließ dort Hunderte Gefangene hinrichten, insbesondere während der Amtszeit des früheren Präsidenten Hafez al-Assad in den 1980er Jahren, dem Vater des heutigen Staatschefs Bashar al-Assad. Nach Angaben der Beobachtungsstelle ließ die Regierung die Häftlinge in den vergangenen Tagen in andere Gefängnisse bringen. Bei den Insassen handle es sich vor allem um Deserteure.

Grenzübergang in Händen des IS

Abdel Rahman zufolge zogen sich die meisten Soldaten nach Homs zurück, der Hauptstadt in der Provinz, zu der auch Palmyra gehört. Nach seinen Angaben flüchtete auch ein Teil der Bevölkerung Palmyras nach Homs, der Rest sei in der Stadt geblieben.

Der IS brachte am Donnerstag den letzten noch von Regierungstruppen gehaltenen Übergang an der Grenze zwischen Syrien und Irak unter seine Kontrolle. Mit der Einnahme des Übergangs Al Walid Tanef besetzen die Jihadisten einen Großteil der Grenzlinie zwischen Syrien und dem Irak. "Syrien hat seinen letzten Übergang nach Irak verloren, nachdem sich Regierungstruppen aus dem Gebiet zurückgezogen hatten", sagte Rami Abdel Rahman, Leiter der in London ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Ein Teil der Grenze im Nordosten wird von kurdischen Einheiten kontrolliert.

Der IS kontrolliere nach der Eroberung Palmyras nun mit 95.000 Quadratkilometern die Hälfte Syriens, teilte die Beobachtungsstelle weiter mit. Auch seien fast alle Öl- und Gasfelder in der Hand der Extremisten. Der IS hat in den von ihm kontrollierten Teilen Syriens und des Irak ein Kalifat ausgerufen. Am Sonntag eroberte er in der irakischen Provinz Anbar die Stadt Ramadi. Dort bereiten Regierungskräfte eine Gegenoffensive vor, um die Stadt zurückzuerobern.

40 Tote bei Luftangriffen

Bei Luftangriffen auf die Metropole Aleppo sind nach Angaben von Aktivisten mindestens 40 Kämpfer islamistischer Brigaden getötet worden. Wie die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Donnerstag mitteilte, hatten Kampfflugzeuge das Hauptquartier der Rebellen mit Raketen und international geächteten Fassbomben bombardiert. Bei dem Angriff seien auch drei Kommandeure der Islamisten ums Leben gekommen. In Syrien sind eine Reihe islamistischer Rebellengruppen aktiv, die nicht mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verbündet sind.

Die Regierungstruppen von Bashar al-Assad setzen nach Erkenntnissen von Menschenrechtlern regelmäßig Fassbomben gegen Aufständische ein. Dabei handelt es sich um Metallbehälter, die mit Sprengstoff und Metallteilen gefüllt sind. Laut Amnesty International sind in Syrien durch diese Waffe seit 2012 mehr als 11.000 Menschen getötet worden.