Erstellt am 25. August 2016, 07:40

Schon 250 Tote bei Erdbeben in Mittelitalien. Nach dem verheerenden Erdbeben in Italien hat die Regierung den Notstand ausgerufen.

Zugleich gab der Ministerrat bei einer Krisensitzung am Donnerstagabend die ersten 50 Millionen Euro für die Unterstützung der Menschen frei, die vielfach alles verloren haben und vor den Ruinen ihrer Existenz stehen. Damit soll Erdbebenopfern in den betroffenen Regionen schnell und unbürokratisch geholfen werden.

Bei einem der verheerendsten Erdbeben in der jüngeren Geschichte Italiens sind mindestens 250 Menschen ums Leben gekommen und weitere 365 verletzt worden. In mehreren Ortschaften in Zentralitalien wurden jahrhundertealte kulturhistorische Bauwerke beschädigt oder zerstört. Die Zahl der Todesopfer könnte nach Angaben des Zivilschutzes noch steigen.

Das Beben könne "noch schlimmere Dimensionen erreichen als jenes in L'Aquila" im Jahr 2009, warnte der Chef des Zivilschutzes, Fabrizio Curcio. Damals starben 309 Menschen. Nach Angaben der Feuerwehr wurden bisher mindestens 215 Menschen lebend aus den Trümmern gerettet. Etwa 6.000 Helfer kämpften unermüdlich gegen die Zeit. Aber einen Tag nach dem Beben einer Magnitude von mehr als 6 schwand mit jeder weiteren Stunde die Hoffnung, noch Überlebende zu finden.

Das Beben hatte übereinstimmenden Medienberichten zufolge in der Nacht auf Mittwoch um 3.36 Uhr begonnen und länger als zwei Minuten gedauert - genau 142 Sekunden. Bis Donnerstagabend gab es mehr als 460 teils starke Nachbeben, die die Arbeiten erschwerten. Gleichzeitig kam neue Kritik am Umgang des Landes mit dem Erdbebenschutz auf.

Die meisten Toten gab es in den Orten Amatrice und Accumoli in der Region Latium und in der Gegend um Pescara del Tronto in den Marken. Wie viele Menschen noch verschüttet oder vermisst sind, war am Abend noch immer unklar.

"Es ist unmöglich, eine Zahl der Vermissten zu nennen", sagte Zivilschutzchef Curcio. Viele seien auf der Durchreise oder im Urlaub in den betroffenen Orten gewesen. Sie liegen zwischen den Regionen Latium, Umbrien, den Marken und den Abruzzen. Vor allem viele Italiener machen dort Urlaub.

Aber auch Ausländer kamen ums Leben, die Außenministerien in Madrid und Bukarest bestätigten den Tod eines spanischen und fünf rumänischer Staatsbürger. Von deutschen Opfern ist bisher nichts bekannt. Das Auswärtige Amt in Berlin stand mit der Botschaft in Italien in Kontakt.

Die Rettungsarbeiten waren die ganze Nacht mit Taschenlampen, Baggern und Spürhunden weitergegangen. Immer wieder wurden Leichen geborgen, die Zahl der Opfer stieg fast stündlich. Zahlreiche Nachbeben versetzten nicht nur die Überlebenden in Panik, sondern ließen auch Gebäude weiter einstürzen.

In Italien wurden an vielen öffentlichen Gebäuden die Fahnen auf halbmast gesetzt. Die Regierung in Rom hatte dies als Zeichen der Trauer und zum Gedenken landesweit angeordnet.

Rufe nach besseren Vorsorgemaßnahmen wurden laut, Italien müsse erdbebensicher werden, forderte etwa der frühere Regierungschef Romano Prodi. Denn das Land ist hoch erdbebengefährdet, weil unter dem Apennin-Gebirgszug die afrikanische und die eurasische Platte aufeinanderstoßen.

"Es wäre nötig, alle privaten Häuser auf Erdbebensicherheit zu überprüfen", sagte Gianpaolo Rosati, Direktor des Mailänder Polytechnikums. "Aber die Aufrüstung kostet oft mehr, als ein komplett neues Haus zu bauen. Deshalb schaffen es viele Privatleute nicht."

Tausende Menschen in den betroffenen Orten sind obdachlos, nachdem ihre Häuser eingestürzt sind. In Notunterkünften wie Zelten verbrachten viele die Nacht. Andere zogen es vor, in ihren Autos zu übernachten, so der Zivilschutz.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und der französische Präsident François Hollande drückten Italien ihre Solidarität aus und boten Hilfe bei den Rettungsarbeiten an. "Wir können Italien alle möglichen Hilfsmittel zur Verfügung stellen, wenn das Land uns darum bittet, denn es können noch Leben gerettet werden", sagte Hollande. "Solche Katastrophen zeigen wieder einmal unsere Verwundbarkeit, aber auch, was Solidarität bedeuten kann."

Die italienische Regierung hat ihren vollen Einsatz für die Restaurierung der im Erdbebengebiet in Mittelitalien Kunstschätze versprochen. "Wir wollen versuchen, die zerstörten Gemeinden so aufzubauen, wie sie waren und zugleich Gebäude mit antiseismischen Standards garantieren", berichtete Kulturminister Dario Franceschini am Donnerstag. 295 Kulturgüter wurden im Erdbebengebiet beschädigt, 50 davon sind eingestürzt. "Die Bilanz wird noch steigen", sagte der Minister bei einer Pressekonferenz am Donnerstag. In Macerata fast 100 Kilometer nordöstlich des Epizentrums wurde am Donnerstag die Kathedrale San Giuliano gesperrt, deren Fundamente aus dem 10. Jahrhundert stammen.

In der Geburtsstadt des Heiligen Benedikt (geb. 480), in Norcia, wurde der Dom in Mitleidenschaft gezogen. Auch in Cascia, Heimatort der Heiligen Rita, wurden Monumente beschädigt. Das Kolosseum in Rom soll auf mögliche Schäden überprüft werden.

Der Bürgermeister des hart getroffenen Ortes Accumoli, Stefano Petrucci, machte den Überlebenden Mut. "Jetzt gibt es einen Moment der Verzweiflung, aber wir glauben an uns. Wir sind hartnäckige Bergbewohner und wir werden das schaffen."