Lichtenwörth , Neustift-Innermanzing

Erstellt am 13. November 2016, 22:44

von APA Red

Gelungener Finals-Auftakt für Thiem trotz Niederlage. Gelungene Premiere für Dominic Thiem im Kreis der besten Spieler 2016. Der 23-jährige Lichtenwörther verlor zwar am Sonntag sein Auftakt-Match bei den mit 7,5 Millionen Dollar dotierten ATP-Finals in der Londoner O2-Arena, zeigte aber beim 7:6(10),0:6,2:6 in 2:02 Stunden gegen Novak Djokovic vor allem im Auftakt-Satz großartiges Tennis.

Thiem feierte den ersten Satzgewinn gegen Djokovic  |  APA (AFP)

Vor 17.800 Zuschauern in der eindrucksvollen Arena, in die Thiem nach toller visueller Aufbereitung der Organisatoren einmarschiert war, zeigte der Weltranglisten-Neunte, warum er in diesem Jahr in die Top Ten vorgestoßen ist. Der Debütant in der Gruppe "Ivan Lendl" musste sich nach mitreißendem ersten Satz aber doch der weit größeren Routine des zuletzt vierfachen Siegers dieses Events und als Nummer 2 gesetzten Serben beugen.

"Mit Abstand die größte Kulisse, vor der ich bisher gespielt habe"

"Wenn man da im Rauch reingeht, das war ein unglaubliches Gefühl. Ich war auch sehr nervös und es hat natürlich geholfen, dass ich einen guten Start erwischt habe", beschrieb Thiem seine Premiere an einem der wohl stimmungsvollsten Schauplätze der Tennis-Szene. "Es war mit Abstand die größte Kulisse, vor der ich bisher gespielt habe, bei den US Open war es damals nicht so voll. Also ich habe natürlich Gänsehaut gehabt."

Im vierten Duell mit dem zwölffachen Grand-Slam-Sieger erstmals einen Satz gewonnen zu haben, war eine weitere wichtige Erfahrung für den Lichtenwörther. "Ich war auch ein bisschen unschlüssig, weil die letzten Turniere sehr schwach waren und hätte ich heute so eine Leistung gebracht, dann wäre das eine ganz böse Klatsche geworden", gestand Thiem. Deswegen war er froh, dass er gut begonnen hat.

Vor allem im ersten Satz lag in der auf einer Halbinsel im Südosten Londons gelegenen O2-Arena eine möglichen Sensation in der Luft. Denn dieser erste Durchgang war hochdramatisch. Djokovic nahm beim Stand von 2:1 eine medizinische Auszeit, um sich seinen rechten Daumen behandeln zu lassen (Djokovic gab später Entwarnung, nur ein kleiner Schnitt, Anm.). Thiem glich in der Folge mit seinem dritten Ass zum 2:2 aus - wie überhaupt seine Aufschlagleistung vor allem im ersten Durchgang über weite Strecken stark war.

"Jetzt geht's los"- und "Gemma"-Schreie aus dem Publikum

Djokovic brachte seine Service-Games allerdings leichter durch, auch wenn er im gesamten ersten Satz keinen Breakball gegen den Niederösterreicher bekam. Thiem hingegen schon: Bei 5:5, 30:40 brodelte die 02-Arena, in der nicht nur Thiems Eltern Karin und Wolfgang, sondern u.a. auch Manchester-United-Trainer Jose Mourinho eine spannende Fortsetzung sahen.

Das Match ging nach dem vierten Ass von Thiem ins Tiebreak, in dem der Schützling von Günter Bresnik ein Wechselbad der Gefühle erlebte. Großartige Passierschläge, ein Rückhandwinner und "Jetzt geht's los"- und "Gemma"-Schreie aus dem Publikum wechselten mit doch großer Nervosität. Nicht weniger als drei Doppelfehler beging Thiem in dieser Phase. Bei 6:3 hatte der French-Open-Halbfinalist zunächst drei Satzbälle, doch zwei Doppelfehler en suite brachten den "Djoker" zurück.

In der Folge fand der Weltranglisten-Zweite bei 9:8 selbst einen Satzball vor, doch Thiem wehrte ihn ab und erst bei 11:10 und nach 68 Minuten nützte er unter dem Jubel der Fans seinen siebenten Satzball.

Nach dem ersten Satz wurde die Pause für eine Aktion anlässlich der neuen Partnerschaft der ATP mit der UNICEF genützt. Mit blauen und weißen Plastiktaschen auf den Sitzen der Zuschauer wurde in der Arena die Nachricht "Together for children" ("Zusammen für Kinder") verbreitet.

So sehr der erste Satz das Publikum mitgerissen hatte, so enttäuschend verlief der zweite . Thiem gab sofort seinen Aufschlag zweimal ab und geriet rasch mit 0:3 in Rückstand, ab dem Zeitpunkt schien sich der Weltranglisten-Neunte schon in Richtung Entscheidungssatz zu fokussieren. Nach wenig Gegenwehr und nur 23 Minuten war Satz zwei mit 0:6 verloren.

Coach Günter Bresnik: "Ich bin heilfroh mit der Vorstellung"

"Sicher war ich sehr froh über den ersten Satz. Aber ich habe danach ein bisschen Energie verloren, die man gegen Novak aber braucht", sagte Thiem, der in der Folge nur noch zwei Games machen sollte. Nach dem glatt verlorenen Satz habe er versucht, noch alles in den dritten Durchgang hineinzuwerfen. "Im dritten Satz habe ich einfach nicht das Level vom ersten Satz erreichen können, obwohl es noch gut begonnen hat." Ein frühes Break zum 2:1 und dann ein weiteres zum 5:2 stellten die Weichen zum Sieg des insgesamt fünffachen Triumphators beim ATP-Saison-Abschlussturnier.

Djokovic, der nach dem verlorenen ersten Satz mit einer Frust-Reaktion Dampf abgelassen hatte, war zufrieden mit seiner Leistung. "Ich habe im ersten Satz nicht viel falsch gemacht. Im ersten Satz hat sich die hohe Qualität seines Spiels durchgesetzt. Ich wusste, dass ich stark in die ersten paar Games im zweiten Satz starten musste", sagte der Serbe.

Auch Thiems Innermanzinger Trainer Bresnik war mit dem Auftritt zufrieden. "Ich bin heilfroh mit der Vorstellung. Er hat in den Trainings sehr unterschiedlich gespielt und war vor der Aufgabe außergewöhnlich nervös", freute sich Bresnik. Denn wie sein Schützling damit umgegangen ist, hat den Langzeit-Coach Thiems beeindruckt. "Er war extrem nervös und hat extrem gut gespielt. Das war Extraklasse."

Dennoch sei mehr möglich gewesen, wenn er im Tiebreak schneller die Entscheidung gemacht hätte. "Es ist ein grober Fehler gewesen, dass er es nicht früher ausgemacht hat, sondern zwei Doppelfehler in Folge macht. Wenn das Tiebreak 7:3 oder 7:4 ausgeht, behaupte ich, dass der zweite Satz anders anfängt. Da war er dann komplett 'Banane'."

Nach tollem Debüt geht es nun auf Monfils

Unterdessen wurde Milos Raonic am Sonntagabend im zweiten Spiel der Thiem-Gruppe "Ivan Lendl" seiner Favoritenrolle gerecht. Der als Nummer vier gesetzte Kanadier besiegte den Franzosen Gael Monfils (6) nach 1:24 Stunden mit 6:3,6:4 und führt damit die Wertung an.

Thiem trifft damit im Debütanten-Duell am Dienstag (nicht vor 15.00 Uhr MEZ/live ORF Sport +) auf Monfils, Raonic bekommt es mit Titelverteidiger Djokovic zu tun. Monfils ist der einzige Gruppen-Gegner Thiems, gegen den der Niederösterreicher eine positive, weil 1:0-Bilanz in bisherigen Aufeinandertreffen zu Buche stehen hat.

Der Weltranglisten-Zweite Djokovic zollte Thiem im Nachhinein Respekt. "Dominic hat sich beeindruckend gezeigt, vor allem wenn man weiß, dass das sein Debüt bei den Word Tour Finals war", sagte Djokovic. "Es hat gar nicht so ausgesehen, als wäre er überwältigt von der Bühne oder des Ereignisses. Er ist rausgekommen und hat darauf losgefeuert und hat wirklich großartiges Tennis gespielt."

Und beim zweiten Mal wird Thiem schon etwas lockerer auf den Platz gehen. Es sind genau diese Erfahrungen, die für Thiems Zukunft Gold wert sind. Der große Aufwand, samt großer Gala auf einem Schiff, eigener Kabine, eigenem Chauffeur usw., ist nicht spurlos an Youngster vorbeigegangen.

"Es hat mich extrem beeindruckt. Ich bin nicht der einzige Debütant da", sagte er mit Verweis auf seinen nächsten Gegner Gael Monfils, "aber natürlich merkt man schon den Unterschied, wenn jemand das zum allerersten Mal erlebt im Vergleich zu Djokovic oder Murray. Für die ist das normaler", gestand Thiem. Um sich gleich wieder dem wirklich Wichtigen zuzuwenden: "Es ist eh nur das Rundherum, aber im Endeffekt: der Platz ist gleich groß und man geht wieder nur rein und versucht zu gewinnen wie bei jedem anderen Turnier."

Die Tatsache, dass Thiem seine Form von der ersten Saisonhälfte nicht voll durchziehen konnte, überraschte ihn nicht. "Dann wäre ich jetzt sogar als Fünfter da. Es ist normal, dass ich die Form nicht so hochhalten habe können. Das ist ein Ziel für das nächste oder das übernächste Jahr", legte sich Thiem fest. Im Vergleich zu den vergangenen Jahren sei er um einiges konstanter geworden.

Thiem weiß, hätte er das Level gegen Djokovic halten können, dann wäre auch die Sensation möglich gewesen. "Ich möchte zwei weitere gute Matches spielen, dann sehe ich, was dabei rauskommt. Aber vor allem ist es eine gute Erfahrung für mich, drei Matches gegen Top-Ten-Spieler zu spielen", sagte der siebenfache Turniersieger.

"Der ist extrem frisch. Er hat jetzt länger nicht gespielt"

Sein nächster Gruppen-Gegner ist nun am Dienstag also Gael Monfils. Gegen den Franzosen hat Thiem als einzigen in der Gruppe "Ivan Lendl" eine positive 1:0-Bilanz. Schon vor Turnierbeginn konnte man Thiem gegen den quirligen Showman wohl am ehesten den Sieg zutrauen.

"Der ist extrem frisch. Er hat jetzt länger nicht gespielt. Er serviert auch sehr gut und ist wahrscheinlich der beste Athlet im Tennis", blickte Thiem voraus. "Er hat nicht wirklich eine Schwäche. Manchmal kann man hoffen, dass er auch ein paar Löcher hat und er zu viel auf Show spielt."

Für seinen Coach hat sich an der Ausgangslage nichts verändert. Auch wenn Monfils vom Ranking her näher liegt und auch wenn Thiem schon gegen ihn gewonnen hat. "Er ist gegen alle drei Spieler krasser Außenseiter", beharrte Bresnik.

Monfils tat sich gegen Raonic in der Night Session beim 3:6,4:6 erwartet schwer. Zudem habe er nur drei, vier Vorbereitungstage gehabt, weil er sich von seiner Rippenverletzung erholt hat. Als Monfils von der APA erfuhr, dass er nun gegen Thiem spielen wird, meinte er.

"Das wird hart. Ich habe nicht viel Zeit, mich zu erholen", sagte Monfils, der sich nicht auf seinem besten Fitnesslevel fühlt. "Nach zwei, dreimal laufen, hat mein Herz zu pumpen begonnen und meine Beine sind schwer geworden", gestand der Weltranglisten-Sechste. Schon unmittelbar nach dem Match fühlte er sich ein bisschen wund, gab er an. "Das ist kein gutes Zeichen. Ich hoffe, ich kann mich heute Abend und morgen gut erholen."

Darum wird er den Hauptfokus bis Dienstag auf seine Erholung legen. "Dominic ist ein fantastischer Spieler. Er spielt mehr von der Grundlinie", stellte Monfils fest. Gegen Thiem erhoffe er sich auf dem Platz "etwas mehr Zeit" als gegen Super-Aufschläger Raonic.