Erstellt am 07. Oktober 2014, 17:33

von APA Red

Jihadisten eroberten Stadtteile von Kobane. Kämpfer der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) sind trotz internationaler Luftschläge und massiver Gegenwehr kurdischer Milizionäre in die strategisch wichtige syrische Grenzstadt Kobane eingedrungen.

Wie Menschenrechtsbeobachter am Dienstag berichteten, übernahmen IS-Kämpfer mindestens drei östliche Stadtteile, in denen sie auf mehreren Gebäuden die schwarze Jihadistenflagge hissten.

Einnahme der Stadt wäre für den IS strategisch wichtig

Nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten sind bei den Kämpfern bereits mehr als 400 Menschen getötet worden. Kurdische Volksschutzeinheiten erklärten Kobane (arabisch: Ayn al-Arab) zur "Militärzone" und brachten die noch verbliebenen Zivilisten an die nahe gelegene türkische Grenze. In zahlreichen österreichischen und europäischen Städten kam es zu Protestaktionen kurdischer Gruppen.

Die Einnahme der Stadt Kobane wäre für den IS strategisch wichtig: Die Terrormiliz würde damit nicht nur ein großes zusammenhängendes irakisch-syrisches Gebiet, sondern auch weite Teile der Grenze zur Türkei kontrollieren. Die im syrischen Bürgerkrieg stark gewordene Terrormiliz beherrscht inzwischen weite Landstriche in Syrien und im Irak.

Nach Angaben syrischer Menschenrechtsbeobachter übernahmen die sunnitischen IS-Extremisten in Kobane ein Industriegebiet sowie die östlichen Stadtteile Kani Araban und Makatal al-Jadida. Gleichzeitig sei es den PKK-nahen kurdischen Volksschutzeinheiten aber gelungen, IS-Kämpfer aus einigen Straßenzügen zu vertreiben. Es gebe schwere Kämpfe um jede Straße. Im Südwesten Kobanes habe die IS-Terrorgruppe mehrere Gebäude am Stadtrand übernommen.

Bisher keine Anzeichen für eine türkische Intervention

Im Süden und Osten der Stadt soll es Luftschläge der von den USA geführten internationalen Koalition gegen die Terrormiliz gegeben haben. Nach Berichten der syrischen Menschenrechtsbeobachter wurden mindestens drei Gruppen von IS-Kämpfern im Süden von Kobane getroffen.

Bei den meisten der 412 bekannten Opfer der Kämpfe um Kobane handelt es sich um Kämpfer beider Seiten, teilte die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Dienstag mit. Den Angaben zufolge starben seit Beginn der Kämpfe 219 IS-Jihadisten, 173 kurdische Kämpfer sowie 20 Zivilisten. Nach Angaben der Beobachtungsstelle liegt die Opferzahl vermutlich weit höher. Inmitten der Kämpfe sei es jedoch schwierig, Todesfälle zu dokumentieren.

Kobane ist die letzte Bastion in einer Enklave, die bisher von den kurdischen Volksschutzeinheiten kontrolliert wurde. IS-Jihadisten haben seit September schon mehr als 300 Dörfer im Umland von Kobane eingenommen, rund 185.000 Menschen flohen in die Türkei. Etwa 5000 Kurden stellen sich derzeit den IS-Extremisten entgegen.

Obwohl der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu vergangene Woche angekündigt hat, alles zu unternehmen, um die Eroberung Kobanes durch den IS zu verhindern, gibt es bisher keine Anzeichen für eine türkische Intervention. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bekräftigte allerdings seine Forderung nach einer Bodenoffensive zur Bekämpfung der IS-Jihadisten.

"Der Terror wird mit Luftangriffen nicht aufhören", sagte Erdogan am Dienstag beim Besuch in einem Flüchtlingslager im südtürkischen Gaziantep. Notwendig sei eine Kooperation von Truppen am Boden. Bereits bei einer Parlamentssitzung Anfang Oktober hatte der Präsident betont, dass Luftangriffe nur eine vorübergehende Lösung darstellten.

Demos: Zusammenstöße mit der Polizei in Istanbul

Davutoglu erklärte unterdessen, die Türkei sei "zu allem" im Kampf gegen die IS-Extremisten in Syrien bereit, stellte aber Bedingungen. Notwendig sei eine abgestimmte Strategie gegen den syrischen Machthaber Bashar al-Assad, sagte Davutoglu dem US-Nachrichtensender CNN. Ankara werde nur Truppen entsenden, wenn "andere ihren Anteil leisten".

Im ORF-Mittagsjournal forderte am Dienstag die Grüne Nationalratsabgeordnete Berivan Aslan mehr Unterstützung für die Kurden, die von Völkermord bedroht seien. Bei einem Fall von Kobane drohe in der Türkei ein "Bürgerkrieg" mit den Kurden, warnte die türkisch-kurdisch-stämmige Tirolerin.

In zahlreichen österreichischen und europäischen Städten gingen am Montagabend Tausende auf die Straßen, um auf die verzweifelte Lage in Kobane aufmerksam zu machen. Protestaktionen kurdischer Demonstranten gab es in Wien, Bregenz, Innsbruck und Graz.

Auch in Den Haag, Brüssel, Paris, Straßburg, Basel und im EU-Parlament in Brüssel fanden Solidaritätsaktionen statt. In Istanbul kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei. Auf der zentralen Einkaufsstraße Istiklal warfen in der Nacht zum Dienstag Demonstranten laut Augenzeugen Steine, die Polizei setzte Tränengas ein.

Fünf Serben der Beteiligung an IS-Aktionen angeklagt

Einem Medienbericht zufolge wurde ein 25-Jähriger am Dienstag bei Zusammenstößen mit der Polizei in der vor allem von Kurden bewohnten Stadt Varto im Osten des Landes erschossen.

Die Polizei habe in die Menge geschossen. Zwei weitere Menschen seien verletzt worden. Auch in anderen Städten des Landes kam es seit Montagabend zu Demonstrationen. Der Sender CNN Türk meldete, in der osttürkischen Provinz Mardin habe der Gouverneur eine Ausgangssperre in sechs Distrikten verhängt.

UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon rief in New York zum Schutz der Zivilbevölkerung in Kobane auf. Wie ein Sprecher Bans am Montag (Ortszeit) mitteilte, appellierte der Generalsekretär dringend an alle, die die Mittel dazu hätten, sofort zum Schutz der Bevölkerung zu handeln.

Unterdessen wurden fünf Bürger Serbiens am Dienstag angeklagt, sich an Terroraktionen der Jihadistengruppe "Islamischer Staat" (IS) in Syrien beteiligt zu haben. Drei Angeklagte befinden sich seit März in Untersuchungshaft, nach zwei weiteren wird noch gefahndet, berichtete der staatliche TV-Sender RTS.

Die Angeklagten stehen unter Verdacht, sich Anfang 2013 in "Serbien und in anderen Staaten zur Finanzierung von Terrorismus, Ausbildung und Anheuerung" von Freischärlern vereinigt zu haben, hieß es weiter.

Vier der Angeklagten sammelten laut Medien das Geld für ihre Aktionen außer in Serbien auch in Bosnien, Kroatien, Österreich, Deutschland und Luxemburg. Demnach habe die Gruppe die Entsendung "mehrerer Bürger Serbiens und anderer Staaten" in die Freischärler-Ausbildungszentren nach Syrien organisiert. Ihre genaue Zahl wurde in Medienberichten nicht angegeben.