Erstellt am 24. August 2016, 13:44

Türkischer Vormarsch nach Syrien. Nach dem Beginn von Luftangriffen auf die Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" im Grenzort Jarablus in Nordsyrien hat die türkische Armee auch eine Bodenoffensive - genannt "Schutzschild Euphrat" - gestartet.

 |  APA/dpa

Türkische Panzer sowie Militärfahrzeuge der von der Türkei unterstützten Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) drangen Richtung Jarablus vor und nahmen dabei eine Ortschaft ein.

FSA-Kämpfer eroberten den Ort Kekliya, rund fünf Kilometer östlich von Jarablus, meldete die staatsnahe türkische Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi am Mittwoch. Die Agentur veröffentlichte zudem Fotos, die Rebellen zeigen, wie sie die Ortschaft offenbar ohne Widerstand erobern. Laut türkischen Medienberichten sollen sich rund 1.500 FSA-Kämpfer in der Region aufhalten.

Die Offensive sei um 4.00 Uhr Lokalzeit gestartet worden, erklärte Präsident Recep Tayyip Erdogan in Ankara. Ziel ist es nach Angaben von Erdogan, sowohl den IS aus Jarablus zu vertreiben als auch ein weiteres Vorrücken kurdischer Milizen zu verhindern. Diese müssten sich auf Positionen östlich des Euphrats zurückziehen, forderte Außenminister Mevlüt Cavusoglu nach Beginn des Einsatzes.

Bisher kontrollieren die Kurden im Norden Syriens ein Gebiet auf einer Länge von etwa 400 Kilometern - von der irakischen Grenze bis zum Euphrat. Zudem halten sie ein kleineres Gebiet im Nordwesten Syriens. Insgesamt hat die Türkei eine rund 900 Kilometer lange Grenze mit Syrien. Die Türkei, die keinen Unterschied zwischen der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK sowie der Kurden-Partei PYD und ihrem bewaffneten Arm, den kurdischen Volksschutzeinheiten YPG in Syrien, macht, will unter allen Umständen verhindern, dass der Norden Syriens komplett unter kurdische Kontrolle kommt.

Jarablus ist eine der letzten größeren IS-Bastionen an der Grenze zur Türkei. Der Ort liegt rund 35 Kilometer nördlich der Stadt Manbij, die erst kürzlich von einem Bündnis unter Führung der syrischen Kurden-Miliz YPG zurückerobert worden war. Die Kurdenmiliz ist ein wichtiger Verbündeter der USA im Kampf gegen den IS in Syrien. Allerdings hat die Türkei mehrfach vor einem weiteren Vorrücken der Milizen gewarnt.

Heftige Kritik an der türkischen Offensive kam am Mittwoch auch postwendend vom Co-Vorsitzenden der syrischen Kurdenpartei PYD, Salih Muslim. "Die Türkei ist im syrischen Sumpf", schrieb er auf Twitter. "Sie wird besiegt werden wie Daesh." Daesh ist die arabische Abkürzung für die Terrormiliz IS.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu drohte auch den Kurden. Der syrischen Kurden-Partei PYD und ihren Milizen warf er vor, den Kampf gegen den IS nur als Vorwand zu benutzen, um ein eigenes Herrschaftsgebiet in Syrien aufzubauen. "Wir werden diese geheime Agenda durchkreuzen", sagte Cavusoglu am Mittwoch in Ankara. In Erwiderung auf den PYD-Co-Vorsitzenden Salih Muslim erklärte Cavusoglu: "Unsere Absicht ist es, den Sumpf trockenzulegen."

Syriens Regierung hat indes die türkische Militäroffensive scharf verurteilt. Bei dem Einsatz handle es sich um einen offenen Verstoß gegen die Souveränität Syriens, hieß es am Mittwoch aus dem syrischen Außenministerium. Es gehe nicht darum, den Terrorismus zu bekämpfen, sondern ihn durch einen anderen zu ersetzen. Der Kampf gegen den Terrorismus in Syrien dürfe nur in Abstimmung mit der Regierung und Armee des Landes erfolgen.

Am Mittwochvormittag traf US-Vizepräsident Joe Biden zu politischen Gesprächen in der türkischen Hauptstadt Ankara ein. Biden ist der erste westliche Spitzenpolitiker, der das Land seit dem gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli besucht. Die Beziehungen zwischen den USA und ihrem wichtigen NATO-Partner Türkei stecken derzeit in einer tiefen Krise.

Ein zentrales Thema bei den Gesprächen wird das Auslieferungsgesuch der türkischen Regierung für den islamischen Prediger Fethullah Gülen sein, der seit 1999 im Exil in Pennsylvania lebt und lange Jahre ein enger Vertrauter des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan war. Ankara macht den 75-jährigen Gründer der einflussreichen Hizmet-Bewegung für den Umsturzversuch verantwortlich, obwohl er jede Verwicklung bestreitet. Washington fordert konkrete Beweise für eine Auslieferung.