Erstellt am 18. September 2016, 09:10

Schönborn fordert "Marschallplan" für Afrika. Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn fordert angesichts der Flüchtlingskrise in Europa einen "Marshallplan" für Afrika.

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Ein solches Hilfsprogramm sei dringlicher als etwa die von der Regierung geplante Notverordnung, die Flüchtlingen Einreise und Asylanträge erschweren soll. Zugleich sprach sich Schönborn in der Ausländerfrage gegen das Schüren von Vorurteilen und Hass aus.

"Wir müssen an die Wurzeln der Krise gehen. Warum gibt es diese vielen Flüchtlinge? Die Frage ist nicht zuerst, kann man das mit Notverordnungen lösen, sondern wann gibt es einen Marshallplan für Afrika, wann hören die Waffenlieferungen in den Mittleren Osten auf? Wir müssen radikal an die Wurzeln. Flüchtlingsströme werden wir durch Notverordnungen vielleicht ein bisschen aufhalten können, aber wir gehen das Problem damit nicht an", sagte Schönborn im Interview mit der APA.

Seit dem Beginn der großen Fluchtbewegungen vor einem Jahr sei "viel Gutes" passiert. "Viele Hunderte, Tausende Flüchtlinge wurden in Pfarren, Gemeinden und bestehenden Netzwerken aufgenommen. Da geschieht unglaublich viel an Integration und Hilfe. Wir haben berechtigterweise aber auch wachsende Sorgen erlebt, weil sich zu recht viele fragen, wie das weitergehen soll, wenn das so weitergeht", meinte der Kardinal.

"Wir sind noch lange nicht am Ende dieser dramatischen Entwicklungen. Der Klimawandel ist eine Realität. Die Klimaflüchtlinge sind eine Realität. Gleichzeitig sind wir mit dem wirtschaftlichen Wachstum an eine Grenze gekommen." Es gebe die "ganz reale Sorge, dass der Reallohn der Mehrzahl der Menschen in unserem Land sinkt und dass das Vermögen sich immer mehr in einem immer kleineren Bereich konzentriert." Europa stehe vor großen Herausforderungen. "Statt einer Kultur des Egoismus brauchen wir eine Kultur der Solidarität. Nur so wird es möglich sein, außer wir stürzen uns in Bürgerkriege und Gewaltexzesse."

Die Ausländer- und Fremdenfrage sei ein "Test für die Echtheit des Christentums". Darauf habe er schon bei seinem Amtsantritt 1995 hingewiesen. "Die Regierung und Gesetzgebung müssen das gerechte Maß zwischen den Möglichkeiten des Landes und den Notwendigkeiten der Flüchtlinge finden. Nichts gefährdet dieses gerechte Maß mehr als das Schüren von Vorurteilen und Hass."

Schönborn hatte vergangene Woche mit seiner Predigt bei der Maria-Namen-Feier für einiges Aufsehen gesorgt. Der Kardinal hatte darauf hingewiesen, dass Europa dabei sei, sein christliches Erbe zu verspielen. "Wird es jetzt einen dritten islamischen Versuch der Eroberung Europas geben? Viele Muslime denken das und wünschen sich das", so Schönborn anlässlich des 333. Jahrestags des Endes der Zweiten Türkenbelagerung von 1683. In Sozialen Medien wurden Schönborns Aussagen als Kampfansage an Muslime und Flüchtlinge interpretiert. "Das ist eindeutig ein Missverständnis", sagte der Bischof nun. Ihm sei es darum gegangen, auf den universalen Missionsauftrag des Islam hinzuweisen. "Das Christentum und der Islam sind beide missionarische Religionen."

"Ich habe nichts gegen den Islam gesagt, und ich habe überhaupt nicht von Flüchtlingen gesprochen. Ich habe nur gesagt, dass das Christentum in Europa in Gefahr ist, sein Erbe zu verlieren. Die Antwort darauf ist sicher nicht, dass wir eine neue Aufrüstung brauchen, dass wir uns mit Waffengewalt gegen andere Religionen und Kulturen wehren müssen. Wir brauchen nicht Angst zu haben vor dem Islam, wir müssen eher fürchten, dass das Christentum schwächelt. Jeder hat das Recht, für seine Religion zu werben. Ich verstehe Muslime, die sagen, diesem dekadenten Europa täte unsere Religion gut."

Schönborn gehe es vielmehr um die Rückbesinnung Europas auf ein glaubwürdiges Christentum. "Gelebtes Evangelium ist erstaunlicherweise weltweit überzeugend. Das hat man bei Mutter Theresa gesehen. Die war bei Moslems beliebt, bei Hindus, bei Buddhisten und bei Atheisten. Warum? Weil sie glaubwürdig war. Ein glaubwürdiges Christentum braucht den Islam nicht zu fürchten." Die Sorge mancher Österreicher verstehe er. "Ich sehe das auch mit Sorge, aber die Rückfrage geht an uns, nicht an die Muslime. Wir können den Muslimen nicht vorwerfen, dass sie von ihrer Religion überzeugt sind. Wir müssen uns die Frage stellen, warum sind bei uns so viele Christen lau geworden."

Als Beispiel nannte der Kardinal etwa die Fastenrituale. "Inzwischen weiß in Österreich jeder, was der Ramadan ist. Aber wer von uns Österreichern weiß noch vom Freitagsfasten. Da dürfen wir uns nicht wundern, wenn es Muslime gibt, die verständlicherweise sagen, dieses Europa ist so dekadent und so schwach geworden, und dass sie sagen, unsere Religion ist kräftiger." Im Dialog mit dem Islam und dem neuen Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich will Schönborn weiter die Gemeinsamkeiten der beiden Religionen betonen. "Wir müssen jene unterstützen, die diesen gemeinsamen Weg gehen wollen. Es wird natürlich immer auch einseitige Fanatiker geben, ich glaube aber, dass sie in Österreich - und ich hoffe auch in Europa - in der Minderheit sind."

Dass FPÖ-Bundespräsidentschaftskandidat Norbert Hofer für den Fall seiner Wahl, das von Ex-Bundespräsident Heinz Fischer eingeführte traditionelle Fastenbrechen für Muslime in der Hofburg streichen will, hält der Kardinal - in der diplomatischen Sprache der Kirche - für kein gutes Zeichen: "Ich finde es ein gutes Signal, dass Bundespräsident Fischer wirklich den Kontakt zu allen Religionsgemeinschaften sehr gut gepflegt hat. Ich glaube, für einen Bundespräsidenten, der der Bundespräsident aller Österreicherinnen und Österreicher ist, wird es - in welcher Form auch immer - gut und richtig sein, mit allen Religionsgemeinschaften unseres Landes gute Beziehungen zu pflegen."

Dieser Beziehungspflege dient auch eine neue Broschüre, die in diesen Tagen von der Bischofskonferenz gemeinsam mit dem Integrationsfonds herausgegeben wird. "Grüß Gott in Österreich - Eine Einführung in ein Land mit christlichen Wurzeln" lautet der Titel des Werks, von dem 34.000 Exemplare Deutsch/Arabisch und Deutsch/Farsi gedruckt wurden. "Wir wollen Flüchtlingen positiv sagen, das sind unsere Werte, das ist unsere Tradition, das sind unsere christlichen Wurzeln", so Schönborn.