Erstellt am 24. September 2015, 16:52

von APA/Red

VW-Konzern gibt im Dieselskandal weitere Manipulationen zu. Das Abgas-Desaster bei Volkswagen wird immer größer: Der Konzern räumte laut dem deutschen Verkehrsminister Alexander Dobrindt ein, auch in Europa bei Tests die Abgaswerte von Dieselfahrzeugen manipuliert zu haben.

Verkehrsminister Alexander Dobrindt  |  NOEN, APA (epa)

"Es wurde uns mitgeteilt, dass auch in Europa Fahrzeuge mit 1,6 und 2,0-Liter Dieselmotoren von den in Rede stehenden Manipulationen betroffen sind", sagte der CSU-Politiker in Berlin.

Dobrindt ließ offen, ob die VW-Fahrzeuge nun aus dem Verkehr gezogen werden müssten. Die genaue Zahl der betroffenen Pkw sei noch unbekannt. Zugleich kündigte der Verkehrsminister an, die angeordneten Abgas-Nachprüfungen würden auch auf andere Marken als VW ausgedehnt.

Die Anzahl der in Österreich von der Abgasaffäre bei Volkswagen betroffenen Autos ist offen. "Die Zahl steht noch nicht fest", sagte ein Sprecher der Porsche Holding Salzburg, die hierzulande auch die Kommunikation für Volkswagen innehat, am Donnerstag. Wenn man die entsprechende Information vom VW-Sitz im deutschen Wolfsburg erhalte, werde man die Zahl kommunizieren.

Nachdem der Skandal rund um abweichende Abgaswerte zu den VW-Werksangaben bekannt geworden war, teilte Volkswagen mit, dass weltweit etwa elf Millionen Fahrzeuge betroffen sind.

Weitere Verantwortliche müssen Unternehmen verlassen

Wegen des zuerst in den USA aufgedeckten Skandals war Konzernchef Martin Winterkorn zurückgetreten. Insidern zufolge sollen weitere Köpfe rollen: Der Aufsichtsrat werde am Freitag weitere Verantwortliche nennen, die das Unternehmen verlassen müssten. "Das wird so kommen. Jetzt geht es um die technische Verantwortung", sagte eine Person aus dem Umfeld des Aufsichtsrats. VW lehnte einen Kommentar dazu ab.

Der Aufsichtsrat will auch über einen Nachfolger für Winterkorn entscheiden. Die besten Karten hat Insidern zufolge Porsche-Chef Matthias Müller. Winterkorn hatte am Mittwoch erklärt, er übernehme die Verantwortung für die Unregelmäßigkeiten. Er tue dies im Interesse des Unternehmens, obwohl er sich keines Fehlverhaltens bewusst sei.

Die Krise bei VW hat auch personelle Konsequenzen bei den Töchtern Porsche und Audi. Der für Forschung zuständige Porsche-Vorstand Wolfgang Hatz muss gehen, wie die Deutsche Presse-Agentur am Donnerstag aus Konzernkreisen erfuhr. Auch Audi-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg muss seinen Posten räumen. Zuvor hatten bereits "Bild" und "Spiegel Online" darüber berichtet.

Der Porsche-Manager Hatz war von 2001 bis 2009 im VW-Konzern als Motorenentwickler tätig - zunächst bei Audi, später bei Volkswagen selbst. Seit Februar 2011 ist er Mitglied im Vorstand der VW-Tochter Porsche. Ein Porsche-Sprecher sagte, man äußere sich nicht zu Personalspekulationen.

Laut "Spiegel" ebenfalls ausscheiden soll nach dem Willen der Aufsichtsräte Hackenbergs Nachfolger als Entwicklungsvorstand bei Volkswagen, Heinz-Jakob Neußer.

Wegen eines Berichts über angeblich ebenfalls erhöhte Abgas-Werte bei Dieselfahrzeugen brach unterdessen die BMW-Aktie zeitweise um mehr als neun Prozent ein. BMW wehrt sich gegen die Vorwürfe. "Bei der BMW Group wird nicht manipuliert und wir halten uns selbstverständlich in jedem Land an die gesetzlichen Vorgaben und erfüllen alle lokalen Testvorgaben", teilte der Münchner Konzern am Donnerstag mit. "Das heißt: Bei unseren Fahrzeugen wird in der Abgasbehandlung nicht zwischen Rollen- und Straßenbetrieb unterschieden."

Die "Auto-Bild" berichtete vorab über angeblich überhöhte Abgaswerte bei einem BMW-Dieselfahrzeug; der X3 xDrive 20d habe bei Straßentests des International Council on Clean Transportation (ICCT) die europäische Abgasnorm um mehr als das Elffache überschritten, schrieb das Blatt.

Diese Ergebnisse seien BMW "bisher nicht bekannt und daher für uns derzeit weder nachvollziehbar noch erklärbar", teilte der Konzern mit. "Wir werden den ICCT kontaktieren und um Aufklärung des durchgeführten Straßentests bitten." Nach zwei Studien des ICCT erfüllten sowohl der X5 als auch 13 weitere getestete BMW-Fahrzeuge die gesetzlichen Anforderungen.

Versuchte Rückrufaktion im April

Unterdessen wurde bekannt, dass VW bereits im April in den USA versucht hat, die Abgas-Manipulationen durch einen verdeckten Rückruf von Dieselautos zu beheben. Der Konzern forderte Halter von VW- und Audi-Fahrzeugen in einem Brief auf, ihre Autos in die Werkstätten zu bringen, um eine neue Software aufzuspielen. Diese sollte die Abgas-Emissionen optimieren und die Effizienz des Motors steigern. Ein Sprecher der kalifornischen Emissionsschutzbehörde sagte, das Schreiben sei Teil einer landesweiten Rückrufaktion von VW gewesen.

VW war bereits im Mai vergangenen Jahres von Umweltschützern und US-Behörden wegen Abweichungen bei Abgaswerten kritisiert worden. Am vergangenen Freitag hatte die US-Umweltbehörde EPA mitgeteilt, sie habe herausgefunden, dass VW in Modellen der Jahre 2009 bis 2015 eine Software zur Umgehung von Emissionskontrollsystemen verbaut habe. Das Programm erkennt, ob das Auto auf einem Teststand läuft und reguliert den Motor so, dass die Grenzwerte eingehalten werden. Im Normalbetrieb liegen die Werte jedoch bis zu 40 Mal höher als vorgegeben.

VW hatte die Abgasmanipulationen in den USA daraufhin zugegeben und sich dafür entschuldigt. Für den Konzern könnte dies nach Angaben der US-Umweltbehörde EPA eine Strafe von bis zu 18 Milliarden Dollar nach sich ziehen. Bei internen Untersuchungen stellte sich zudem heraus, dass weltweit bis zu elf Millionen Fahrzeugen von Unstimmigkeiten in den Messwerten betroffen sein könnten. VW stellt für die Rückrufe rund 6,5 Milliarden Euro zurück und kündigte an, seine Gewinnziele zu kappen. Die VW-Aktie verlor massiv an Wert.

Seit Bekanntwerden des Skandals sind in den USA mindestens zwei Dutzend Klagen in sieben Bundesstaaten eingereicht worden. Die Anwälte argumentieren damit, dass VW die Kunden getäuscht habe, die mehr gezahlt hätten, um vermeintlich umweltfreundliche Autos zu fahren. Ein Anwalt will die Klagen bei einem US-Bundesgericht in Kalifornien zusammenfassen. Das Gericht von Bezirksrichter Fernando Olguin hat Erfahrung mit Klagen gegen Autobauer: Toyota erklärte sich 2012 in einem Vergleich zur Zahlung von 1,1 Mrd. Dollar (986,6 Mio. Euro) bereit, um eine Sammelklage wegen Problemen mit Fußmatten und klemmenden Gaspedalen beizulegen. Hyundai und Kia zahlten 255 Mio. Dollar, weil sie einen zu niedrigen Benzinverbrauch angegeben hatten.