Erstellt am 03. Juni 2015, 10:05

von APA Red

Klug hofft auf "sorgsamen" Umgang mit WM-Boykott. Die Vergabe zur Austragung der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar ist skandalumwittert. Auch die Lage der Menschen- und Arbeitsrechte hinsichtlich der WM-Vorbereitungen an Ort und Stelle lassen zu wünschen übrig.

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Mit einem Boykott sollte man aber "sehr sorgsam" umgehen, sagte Verteidigungs- und Sportminister Gerald Klug (SPÖ) am Dienstag vor Journalisten in Wien.

In der Regel treffe es mit einem Spiele-Boykott "die Falschen", in diesem Fall die Athleten. Das erklärte der Minister auf die Frage, ob Österreich aufgrund von Korruption bei der Vergabe von Spielen oder angesichts gravierender Menschen- und Arbeitsrechtsverstöße bei Vorbereitungen den Wettkämpfen fernbleiben solle.

Vor dem Hintergrund der skandalumwitterten WM-Austragungsvergaben an Russland und an Katar forderte Klug vonseiten des Weltfußballverbands FIFA eine "lückenlose" Aufklärung. "Korruption hat im Sport keinen Platz."

Die Wahrung der Menschen- und Arbeitsrechte sowie Umweltschutz und Sicherheit müssten zudem auch im internationalen Sport berücksichtigt werden. "Wir wollen Wettkämpfe, bei denen die Leistungen der Athleten im Vordergrund stehen", nicht Gelder für Stadien oder die Ausbeutung von Arbeitskräften, erklärte Klug. Deshalb soll die Umsetzung von großen Sportereignissen "demokratischer, transparenter und auch für Kandidatenländer leistbarer gestaltet werden", wie er forderte.

Für einen politischen Schulterschluss und ein gemeinsames Vorgehen der EU plädierte Klug. "Die EU sollte hier geschlossen auftreten." Er habe seine EU-Kollegen dazu aufgefordert, auf die Sportverbände zuzugehen, zudem habe er EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker um Unterstützung gebeten. Reformen sollten aktiv angepackt werden - denn es gehe auch um die Glaubwürdigkeit des Sportes.

"Sport hat Macht und Sport hat Macht, die Gesellschaft zu verändern", sagte Klug. Seiner Ansicht nach stehe der Sport in der Pflicht, diese gesellschaftliche Verantwortung auch wahrzunehmen. Falls Russland und Katar Austragungsländer der 2018 und 2022 bevorstehenden Fußballweltmeisterschaften blieben, forderte Klug Maßnahmen zur Verbesserung der Menschen- und Arbeitsrechte in den beiden Ländern. In Russland halte er aber "eine Kurskorrektur für etwas schwieriger", da die Spiele schon in drei Jahren stattfänden. "Bei Katar würde ich ein neues Vergabeverfahren unterstützen", erklärte der Minister.

Über die sozialen Auswirkungen der Fußball-Weltmeisterschaften in Brasilien, Russland und Katar berichteten die Vertreterin des Netzwerks "Nosso Jogo", Ute Mayerhofer, und der Internationale Sekretär des Österreichischen Gewerkschaftsbunds, Marcus Strohmaier. Als die "drastischste" Auswirkung der Spiele 2014 in Brasilien und der in dem südamerikanischen Land 2016 bevorstehenden olympischen Sommerspiele bezeichnete Mayrhofer Vertreibungen.

Bis zu 250.000 Menschen seien aufgrund der Neubauten und dem Ausbau der Infrastruktur zwangsumgesiedelt worden, erklärte sie. Zum Teil wohnten sie nun in Gebieten, die mehrere Stunden von ihrem einstigen Zuhause entfernt lägen und kaum Infrastruktur böten. Viele hätten ihren Arbeitsplatz im Zuge der Vertreibung verloren, zahlreiche Betroffene hätten keinen Zugang zu medizinischer Versorgung in Ermangelung von Spitälern - und Kinder könnten zum Teil nicht in die Schule gehen, da es in ihren neuen Wohnvierteln schlicht und einfach keine Bildungseinrichtungen gebe.

Über verheerende Arbeitsbedingungen an Baustellen zur Vorbereitung und Errichtung der WM-Austragungsorte berichtete Strohmaier, der am Sonntag aus Russland zurückkam. Die Situation dort sei "inakzeptabel", erklärte der Gewerkschafter. Die Baustellen erhielten Sonderregelungen, womit das in Russland geltende Arbeitsrecht ausgehöhlt werde. Die Arbeiter, die vorwiegend aus den zentralasiatischen Ländern kämen, würden mit rund 50 Euro Monatslohn ausgebeutet.

In Katar sei die Situation "ganz erbärmlich", erklärte Strohmaier, der 2014 bei seinem Aufenthalt in dem Golfstaat sowohl Baustellen als auch Unterkünfte für Arbeiter besichtigte. Das Emirat respektiere weder Menschenrechte noch Umweltschutz.

Die Arbeitsbedingungen für die Bauarbeiter - zumeist aus Bangladesch, Nepal und Indien - in dem reichen Golfstaat sind laut Strohmaier prekär: Sie müssten rund zwölf Stunden arbeiten, verfügten über keine Sicherheitshelme und hausten in Baracken ohne Fenster. Laut Strohmaier stirbt täglich mindestens ein Mensch auf den Baustellen für die WM in Katar. "Wenn das so weiter geht, sind bis 2022 rund 4.000 Menschen wegen der Weltmeisterschaft gestorben." Das sei inakzeptabel, sagte er und forderte die FIFA dazu auf, Druck auf das Emirat auszuüben.

Für Hoffnung sorgten Unternehmen wie Porr, die auch in Katar auf Arbeitsstandards setzten. Die österreichische Firma halte diese auch ein, sagte Strohmaier.