Erstellt am 30. Juni 2015, 14:57

Knapp 50 weitere Gefährdete von Amokfahrt registriert. Zehn Tage nach der Amokfahrt eines 26-jährigen Mannes in Graz ist die Zahl der Opfer immer noch am Steigen: Neben den drei Toten und 36 Verletzten zählen die Ermittler bisher knapp 50 weitere Opfer, die gefährdet waren und sich teilweise nur durch einen Sprung zur Seite retten konnten.

 |  NOEN, APA

Rund 250 Zeugen haben sich bisher gemeldet, hieß es am Dienstag auf Anfrage. Etwa 160 Zeugen wurden bisher von den Ermittlern vernommen. Sie berichteten vom Verhalten des Lenkers und anderen Beobachtungen, erklärte Maximilian Ulrich von der Landespolizeidirektion Steiermark.

Aus dem LKH Graz gab es nach wie vor keine Entwarnung bezüglich der beiden Opfern in kritischem Zustand. Die Identität der etwa 25 Jahre alten Frau, die bei der Wahnsinnstat ums Leben kam, ist ebenfalls noch nicht geklärt. Eine Veröffentlichung eines Fotos von ihrem Gesicht steht im Raum, muss aber von der Staatsanwaltschaft Graz genehmigt werden, sagte Ulrich.

Der Polizeisprecher bestätigte auch die Angaben der Ehefrau des 26-Jährigen, die in einem Montag ausgestrahlten ORF-Interview von Schlägen und Morddrohungen ihres Noch-Mannes erzählte. Sie hatte alle diese Angaben bereits am 11. Juni bei einer umfassenden Einvernahme gegenüber der Polizei ausgesagt. Die Niederschrift wurde an das zuständige Gericht weitergegeben und war somit zum Zeitpunkt der Amokfahrt in Bearbeitung.

Vorwürfe gegen den Beamten der zuständigen Polizeiinspektion ließ Ulrich nicht zu: "Es wurde rechtlich alles richtig gemacht." Alle Anzeigen, die sich auf den 26-Jährigen oder seine Eltern bezogen, wurden an die Behörden - entweder die Staatsanwaltschaft oder die Bezirkshauptmannschaft Graz-Umgebung - weitergegeben. Ab da seien diese zuständig. Er wolle damit die Verantwortung nicht abschieben, aber "es gibt Vorgaben, innerhalb derer wir uns bewegen können". Die Frau sei mittlerweile nicht nur von der Polizei, sondern auch vom Landesamt für Verfassungsschutz befragt worden.

Der Grazer Staatsanwaltschaftssprecher Christian Krosch erklärte indes, dass am Montag eine neuerliche Hausdurchsuchung im Elternhaus des 26-jährigen Amokfahrers stattgefunden hat. Diese habe keine wesentlichen Funde gebracht. Er bestätigte die Polizei-Angaben, dass nach der Niederschrift der Angaben der Ehefrau des mutmaßlichen Täters am 11. Juni der Akt bereits bei der Staatsanwaltschaft war.

Die Ermittlungen würden sich seither nicht nur mit dem Ehemann, sondern auch mit seinen Eltern befassen: Sie könnten ebenfalls gefährliche Drohungen gegen ihre Schwiegertochter gerichtet haben und an einer Freiheitsentziehung beteiligt gewesen sein. Die Behörden würden die angezeigten Delikte prüfen. Die Eltern hätten die Taten jedenfalls bisher bei den Befragungen abgestritten, sagte Kroschl.

Die Polizei-Einsatzleiterin zur Zeit der Amokfahrt schilderte am Mittwoch noch einmal die Festnahme: "Er hat sein Tempo extrem verringert" und habe dann vor den Polizisten der Inspektion Schmiedgasse gestoppt, so Leutnant Ursula Auer am Rande einer Pressekonferenz in Graz. Allerdings: "Er hätte seine Fahrt wohl fortsetzen können, wenn er das vorgehabt hätte".

Ein Ereignis wie dieses werde in Phasen bearbeitet, sagte Auer: "Die erste ist die Chaosphase, die es so rasch wie möglich zu beenden gilt. Durch die Funksprüche und die Notrufe haben wir relativ rasch erkannt, dass es sich um ein 'Ereignis' großen Ausmaßes handelt und entsprechend gehandelt". In der zweiten Phase gehe es um eine geordnete Abarbeitung, vor allem angesichts der vielen Tatorte.

Auer schilderte auf Befragen noch einmal die Festnahme des 26-Jährigen am Samstag vergangener Woche: "Durch die gerade aus der Polizeiinspektion Schmiedgasse kommenden Beamten hat der Mann sein Tempo extrem verringert und als er sie gesehen hat, gestoppt. Er wurde dann aufgefordert, das Fahrzeug zu verlassen. Dem ist er ohne Widerstand nachgekommen", so die Polizeioffizierin, die persönlich mit den Polizisten gesprochen hatte.

"Es muss aber auch gesagt werden, hätte der Mann vorgehabt, seine Amokfahrt fortzusetzen, so wäre ihm dies wahrscheinlich gelungen", so Auer. Der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl sagte in diesem Zusammenhang, noch beim wenige Dutzend Meter entfernten Landhaus sei der Mann mit hoher Geschwindigkeit vorbeigefahren.

Im Fall der Weiterfahrt des 26-Jährigen hätte man die für solche Fälle vorbereiteten Sperrkreise aktivieren müssen, Kontrollen und Straßensperren an neuralgischen Punkten, an denen ein Flüchtiger vorbeikommen müsste. "Es ist aber schwierig, ein Auto zu stoppen, wir hätten Stachelbänder und quer gestellte Fahrzeuge wie Lkw verwenden müssen", so Auer, ebenso wie Schusswaffen. Zum Glück gebe es in Graz eine "Dichte an Polizeiinspektionen" und auch das Einsatzkommando Cobra Süd.