Erstellt am 18. Dezember 2014, 17:56

von APA/Red

Prozess gegen Viagra-Fälscherbande in Wien. Sechs mutmaßliche Mitglieder einer international tätigen Arzneimittel-Fälscher-Bande stehen seit Donnerstag vor Gericht.

Die Beschuldigten sollen laut Anklage mit gefälschten Potenzmitteln mindestens 120.000 Personen betrogen und einen Schaden von 9,8 Millionen Euro verursacht haben. Die Beschuldigten bekannten sich teilweise schuldig. Die Verhandlung wurde am späten Nachmittag vertagt.

Die Verhandlung wird voraussichtlich am 22. Jänner fortgesetzt. Ob da bereits ein Urteil gefällt wird, ist unklar. Höchstwahrscheinlich wird noch ein weiterer Verhandlungstag notwendig sein. Am Donnerstagnachmittag wurden die Anträge auf Enthaftung der Angeklagten abgelehnt.

Den Beschuldigten - fünf Israelis und ein Österreicher - wird schwerer gewerbsmäßiger Betrug teilweise als Beitragstäter, Geldwäsche und Vergehen nach dem Arzneimittelgesetz vorgeworfen. Fünf der sechs Beschuldigten bekannten sich vor dem Schöffengericht (Vorsitz: Helene Gnida) nur zum letzten Vorwurf schuldig.

Jegliche Schuld von sich gewiesen

Mit dem Betrug und der Geldwäsche wollen sie nichts zu tun haben. Sie hätten lediglich "Serviceleistungen" vollzogen, nichts ahnend, dass es sich bei den Tabletten um "minderwertige Nachahmungen, die weniger oder einen anderen Wirkstoff wie angegeben bzw. wie das Originalprodukt enthielten", handelt, wie Staatsanwalt Simon Stürzer zum Beginn der Verhandlung ausführte. Der sechste Angeklagte wies jegliche Schuld von sich.

Im Sommer 2012 wurde der Hauptangeklagte Raphael T. (37) in Israel von drei Verbindungsmännern, deren Identität der Justiz nicht bekannt ist, angeworben, um für eine Gruppierung zu arbeiten, die auf mehreren Internetseiten vorgibt, Online-Apotheken zu betreiben und originale Potenzmittel zu vertreiben. Tatsächlich würden jedoch nur Fälschungen an die Kunden ausgeliefert werden, wie Staatsanwalt Stürzer in seinem Eröffnungsplädoyer ausführte. Mit der Aussicht einer "verlockenden Provision" sollte er von Wien aus die Verpackung und den Versand der gefälschten Pillen organisieren. Aufgrund von Spielschulden in der Höhe von einer Million Euro nahm T. das Angebot an.

Dabei wurde Kunden auf rund 50 Internet-Seiten - darunter , und - Potenzmittel wie Viagra, Cialis und Levitra zu besonders günstigen Preisen angeboten. Die Angeklagten sollten die Bestellungen bearbeiten, die ihnen von ihren Hintermännern beinahe täglich an eine Email-Adresse übermittelt wurden. Die Ware wurde über eine Spedition in ein Lager in Simmering gebracht, wo sie sicher versteckt wurde. Anschließend wurde sie verpackt und an die Kunden ausgeliefert.

"Habe Tabletten selber genommen"

Sie "betreuten" auch vier eigens bei heimischen Geldinstituten eingerichtete Bankkonten, auf welchen die Zahlungen für die vermeintlichen Potenzmittel eingingen. Ein großer Teil des Geldes wurde in weiterer Folge laut Anklage auf zypriotische Bankkonten verschoben. "Ich habe so viele Bankpapiere (...) unterschrieben, dass ich gar nicht mehr weiß, wie viele Konten das gewesen sind", sagte ein Helfer der Bande, der gegen Geld seinen Namen für die Kontoeröffnung hergab.

Zunächst weihte T. nur seinen 33-jähren Schwager in die Machenschaften ein. Da das Interesse aufgrund der günstigen Preise enorm war, halfen laut Staatsanwalt auch bald sein älterer Bruder, seine Schwester und zwei Freunde mit. Die sechs verfügten bald über beachtliche Einkommen, T. soll mit dem Versand laut Staatsanwalt über 9.300 Euro monatlich verdient haben.

"Ich wusste, dass es keine Originale sind", sagte der Hauptbeschuldigte Rafael T., er habe jedoch geglaubt, dabei handle es sich um Imitate. "Gefälscht heißt, dass es nicht von der Originalfirma kommt, aber ich wusste nicht, dass es nicht wirkt", sagte der 37-Jährige. "Ich bin kein Betrüger", erklärte T. "Ich habe die Tabletten ja selber genommen. Nicht ein Mal, sondern zehn Mal, 20 Mal", meinte der Angeklagte, der sich mit vier weiteren Beschuldigten in U-Haft befindet.

"Wir waren nur ein Rädchen"

"Es war klar, dass wir nur Mittelsmänner waren", meinte sein Schwager. "Ich habe gleich gesagt, dass ich die Chefs nicht kenne, wir waren nur ein Rädchen", so der 33-Jährige, der nicht nur seine Frau zum Verpacken der Pillen eingeteilt haben soll, sondern auch seine zwölfjährige Stieftochter. "Hätte ich gewusst, dass es kriminell ist, hätte ich es nicht gemacht."

Aufgeflogen war die Sache durch einen Zufall. Als Absender für die Sendungen wählten die Beschuldigten tatsächlich existierende Apotheken in Wien. Da aber einige Kuverts nicht ausreichend frankiert waren, wurden die gefälschten Potenzpillen an eine Apotheke im Wiener Bezirk Landstraße retourniert. Die Mitarbeiter wunderten sich über den Inhalt und informierten die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), die wiederum die Kriminalpolizei einschaltete. Anfang September wurde die Gruppierung im Zuge der "Operation Vigorali" zumindest teilweise zerschlagen.