Erstellt am 07. Oktober 2014, 15:03

Kurden demonstrieren europaweit gegen IS. Kurdische Demonstranten haben am Montagabend in mehreren Städten Europas, darunter Wien, Bregenz, Innsbruck und Graz, mit Protestaktionen und Besetzungen auf die verzweifelte Lage in der umkämpften syrischen Grenzstadt Kobane aufmerksam gemacht.

Die islamistische Terrormiliz IS versucht derzeit, Kobane gegen den erbitterten Widerstand kurdischer Kämpfer unter ihre Kontrolle zu bringen. Gegen 21.00 Uhr hatten sich etwa 300 Personen vor dem Parlament in Wien zu einer spontanen Kundgebung versammelt und den Verkehr am Ring für einige Stunden zum Erliegen gebracht. Sie protestierten laut Polizei "'gegen die Untätigkeit des Westens'" und die Angriffe des "Islamischen Staats" (IS) gegen Kobane. "STOP ISIS - FREE KOBANE" sei auf Transparenten zu sehen gewesen. Die Protestveranstaltung sei "absolut friedlich" verlaufen, sagte Polizei-Pressesprecher Paul Eidenberger am späten Abend.

Die Sympathisanten der kurdischen Kämpfer forderten während der Kundgebung laut Polizei eine Aussprache mit Nationalratsabgeordneten. Wie auf bei Twitter veröffentlichten Bildern zu sehen war, kam es in der Folge zu Gesprächen zwischen ihnen und SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder sowie der Grünen Nationalratsabgeordneten Berivan Aslan. Über die Gesprächsinhalte wurden zunächst keine Details bekannt, danach zogen sich die Demonstranten aber auf den Gehsteig vor dem Parlament zurück.

Auch in Bregenz, Innsbruck und Graz sind am Montagabend Dutzende Menschen auf die Straßen gegangen, um gegen den Vormarsch der Terrormiliz "Islamischer Staat" in der syrisch-kurdischen Stadt Kobane zu demonstrieren. In Bregenz wurden kurze Zeit vor der Demo die Glastür und zwei Fenster des türkischen Generalkonsulats mit Steinwürfen beschädigt, teilte die Polizei am Dienstag mit.

Rund 50 Menschen beteiligten sich an der Kundgebung in Bregenz, die sich über die Arlbergstraße in Richtung Innenstadt bewegte, informierte die Landespolizeidirektion Vorarlberg. Die unangemeldete Demonstration endete um 02.30 Uhr am Kornmarktplatz. In Innsbruck gingen gegen 23.50 Uhr etwa 70 Personen auf die Straße und blockierten die Grassmayrkreuzung. Diese Kundgebung dauerte 15 Minuten, hieß es von der Landespolizeidirektion Tirol. Ebenfalls friedlich verlief eine unangemeldete Kurden-Demonstration in Graz, wie ein Sprecher der Landespolizeidirektion Steiermark der APA am Montag in der Früh auf Anfage mitteilte.

Den Behörden zufolge sei der Auslöser der Protestveranstaltung in Wien ein "Aufruf auf Twitter" gewesen, "dem auch Kurden in Hamburg, Berlin und anderen europäischen Städten gefolgt sein dürften". Auf Twitter waren Bilder von Demonstrationen in der Schweiz und in den Niederlanden gegen IS und zur Solidarisierung mit Kobane zu sehen. Weiteren Twitter-Einträgen zufolge, fanden auch in Paris, London, Bern, Stockholm, Den Haag, Berlin und Ankara großteils friedliche Proteste statt. In Istanbul hingegen kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei. Im asiatischen Teil der Stadt habe die Polizei am Dienstag Tränengas und Wasserwerfer eingesetzt, berichtete die Nachrichtenagentur DHA. Dabei sei ein Anwalt am Kopf verletzt worden. Davor wurden Molotow-Cocktails auf die Polizei geworfen und zwei Busse in Brand gesteckt. Der Sender CNN Türk meldete, in der südöstlichen Stadt Adana seien am Montagabend zwei Menschen verletzt worden, als ein Unbekannter auf eine Gruppe Demonstranten geschossen habe.

In Den Haag etwa erstürmten Berichten zufolge Dutzende Kurden das Parlament, um gegen IS zu protestieren. Rund 100 Menschen besetzten den Hauptsaal des Gebäudes und hielten Transparente mit Aufschriften wie "Stop Kobani" in die Höhe. "Die Situation in Kobane gerät außer Kontrolle. IS hat die Stadt erstürmt und viele Zivilisten wurden ermordet. Wir wollen, dass der Westen mehr dafür tut, damit diese Situation in Syrien beendet wird", sagte einer der Demonstranten der Nachrichtenagentur Reuters.

Auch in das Europaparlament in Brüssel drangen mehrere Dutzend kurdische Demonstranten ein. Die Protestteilnehmer schwenkten kurdische Fahnen und ließen sich im Gebäude zu einem Sit-in nieder. Während Bereitschaftspolizisten die Demonstranten umstellten, trafen sich mehrere Europaabgeordnete mit ihnen. Parlamentspräsident Martin Schulz zeigte sich schließlich bereit, eine Delegation der Kurden zu empfangen. Schulz habe klar gemacht, dass die Vorgehensweise der Demonstranten "nicht die Beste" sei, hieß es aus Parlamentskreisen. Er habe den Kurden aber "die Unterstützung des Europäischen Parlaments für die internationalen Anstrengungen zugesagt, IS zu stoppen". Die Demonstranten verließen das Gebäude den Angaben zufolge nach dem Treffen mit Schulz friedlich.