Erstellt am 15. November 2015, 21:10

Kurzzeitige Panik auf Platz der Republik in Paris. Nach den mörderischen Anschlägen vom Freitag liegen die Nerven in der französischen Hauptstadt blank. Auf dem Pariser Platz der Republik brach am Sonntagabend kurzzeitig Panik aus. Die dort versammelten Menschen verließen den Platz fluchtartig, wie ein dpa-Fotograf beobachtete. Nach Angaben der Polizei handelte es sich um einen falschen Alarm.

Falscher Alarm auf dem Place de la Republique  |  NOEN, APA (AFP)

Der Platz ist eine der Haupt-Anlaufstellen für Menschen, die in der französischen Hauptstadt der Mordserie vom Freitag gedenken. Wenig später zeigten Fernsehbilder Menschen, die auf den Platz zurückkehrten. Im Osten der Stadt verließen zahlreiche Menschen hektisch die Metrostation Belleville. Schwer bewaffnete Polizisten eilten herbei, gaben aber bald Entwarnung. Einer von ihnen sagte einer dpa-Reporterin, Auslöser sei ein "schlechter Scherz" gewesen. Nach ersten Meldungen und Gerüchten über die Vorfälle schlossen Ladenbesitzer in der Gegend rasch ihre Geschäfte.

Nach der schlimmsten Anschlagsserie in der Geschichte Frankreichs mit fast 130 Todesopfern soll mindestens einem Terrorkommando die Flucht gelungen sein. Ermittler stellten am Sonntag ein Auto östlich von Paris sicher. Nach Einschätzung der Polizei bedeutet das, dass eines der drei Terrorkommandos fliehen konnte, wie der Sender Europe 1 berichtete. In dem Auto wurden auch Waffen gefunden. Der sichergestellte schwarze Seat soll laut Ermittlern von jenen Terroristen benutzt worden sein, die vor mehreren Cafes und Restaurants im Zentrum von Paris wahllos Menschen erschossen. Unklar blieb, ob der oder die Täter weiter auf der Flucht sind, oder bereits am Samstag in Belgien gefasst wurden.

Zwei der getöteten Attentäter von Paris dürften zuletzt im Großraum Brüssel gelebt haben. Es handle sich um zwei Personen mit französischem Pass, wie die Brüsseler Staatsanwaltschaft am Sonntag nach Angaben der belgischen Nachrichtenagentur Belga mitteilte. Außerdem seien zwei der bei den Anschlägen verwendeten Autos belgische Mietwagen. In dem Fahrzeug der Terroristen fanden Ermittler auch Waffen. Das berichtete der Sender BFMTV am Sonntag ohne nähere Angaben zur Art der Waffen.

Wie sich am Sonntagabend herausstellte, waren nach Ermittlerangaben drei Brüder in die Pariser Anschläge verwickelt. Einer sei bei den Attentaten selbst ums Leben gekommen, während sich ein zweiter derzeit in Belgien in Polizeigewahrsam befinde, verlautete am Sonntag aus Ermittlerkreisen in der französischen Hauptstadt. Beim dritten Bruder sei nicht klar, ob er einer der Selbstmordattentäter war oder auf der Flucht ist.

Die USA kündigten ebenfalls am Sonntagabend an, gemeinsam mit Frankreich die Angriffe auf die Islamisten-Miliz IS in Syrien und im Irak verstärken zu wollen. Die USA stünden "Schulter an Schulter" mit Frankreich, um auf die Anschläge von Paris zu reagieren, sagte der Sicherheitsberater des US-Präsidialamtes, Ben Rhodes, am Sonntag dem US-Fernsehen am Rande des G-20-Gipfels in der Türkei. Es sei offensichtlich, dass Frankreich seine Anstrengungen bei den militärischen Aktionen intensivieren wolle. Mit den Angriffen werde dem IS klargemacht, "dass es keine sicheren Rückzugsgebiete für diese Terroristen gibt." Die USA greifen seit Längerem den IS im Irak und Syrien an. Frankreich fliegt seit September eigene Angriffe in Syrien.

Frankreichs Präsident Francois Hollande will den nach den Anschlägen verhängten Ausnahmezustand auf drei Monate verlängern. Das Parlament müsste für eine Verlängerung über zwölf Tage hinaus ein Gesetz beschließen, hieß es aus Parlamentskreisen.

Einem Bericht der französischen Sportzeitung "L'Equipe" zufolge haben zwei der Attentäter versucht, ins Stadion beim Fußball-Testspiel Frankreich gegen Deutschland zu gelangen. Beide sollen aber entgegen anderslautender Berichte keine Tickets für die Partie im gehabt haben und deswegen auch nicht ins Stade de France gekommen sein, schrieb das Blatt am Sonntag. Um 21.05 Uhr am Freitagabend und damit etwa fünf Minuten nach Anpfiff soll dem Bericht zufolge einer der Attentäter im Sektor Ost, der andere im Sektor Nord vergeblich versucht haben, in den Stadionbereich zu kommen.

Das "Wall Street Journal" hatte dagegen am Samstag berichtet, dass mindestens ein Attentäter ein Ticket für das Spiel gehabt haben sollte. Er sei von einem Ordner beim Sicherheitscheck aber aufgehalten worden, berichtete die Zeitung unter Berufung auf einen anderen Ordner und einen Polizisten. Beim Versuch zu entkommen, habe der Mann den Sprengstoff zur Explosion gebracht.

Die Massaker mit 129 Todesopfern und mehr als 350 Verletzten vom Freitagabend waren nach ersten Ermittlungen eine minutiös koordinierte Kommandoaktion von Anhängern der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Sie wurde von einer noch unbekannten Zahl islamistischer Attentäter verübt. Die drei Terrorkommandos schlugen an sechs Orten in der französischen Hauptstadt nahezu gleichzeitig zu, schossen auf Menschen in Cafes und Restaurants, in der Konzerthalle "Bataclan" und sprengten sich während des Länderspiels Frankreich gegen Deutschland in der Nähe des Stadions in die Luft. Ein Terrorist wurde von der Polizei erschossen, die anderen zündeten ihre Sprengstoffgürtel. Zunächst war von acht getöteten Attentätern die Rede gewesen.

Ermittler nahmen weitere Angehörige der getöteten Selbstmordattentäter aus dem Konzertsaal "Bataclan" in Polizeigewahrsam, wie der französische Fernsehsender BFMTV am Sonntag berichtete. Dort hatten die Angreifer während eines Konzerts mindestens 80 Menschen getötet.

Womöglich wollten die Attentäter sogar ein noch größeres Blutbad anrichten. Nach einem Bericht des "Wall Street Journal" könnte ein Anschlag direkt in dem mit knapp 80.000 Fans besetzten Stadion geplant gewesen sein, in dem die deutsche Fußballnationalmannschaft gegen Frankreich spielte. Die Attentäter zündeten während des Spiels mehrere Sprengsätze in der Nähe des Stade de France.

Frankreichs Präsident François Hollande sprach von einem "Kriegsakt" des IS und kündigte "angemessene Entscheidungen" an. Premierminister Manuel Valls sagte am Samstagabend dem Sender TF1: "Ja, wir sind im Krieg." Frankreich werde handeln, um diesen Feind zu zerstören. "Wir ergreifen daher außergewöhnliche Maßnahmen. Und diesen Krieg werden wir gewinnen", schrieb Valls auf Twitter.

Im Internet war eine zunächst nicht verifizierbare Erklärung aufgetaucht, in der sich der IS zu den Anschlägen bekennt. Darin hieß es: "Eine treue Gruppe der Armee des Kalifats (...) griff die Hauptstadt der Unzucht und Laster an." Frankreich wird außerdem angedroht: "Dieser Überfall ist nur der erste Tropfen Regen und eine Warnung."

Der Pariser Staatsanwalt François Molins sagte, die Terroristen hätten bei ihren Taten Syrien und Irak erwähnt und seien in getrennten Kommandos vorgegangen. "Wahrscheinlich sind es drei koordinierte Teams von Terroristen, auf die diese Barbareien zurückgehen." Die Attentäter benutzten Sturmgewehre des Typs Kalaschnikow. Außerdem hätten sie die absolut gleiche Art von Sprengstoffwesten getragen, sagte Molins - "darauf ausgelegt, ein Maximum an Opfern zu erzeugen durch den eigenen Tod".

Im Irak und in Syrien beherrscht der IS große Gebiete. Frankreich fliegt Angriffe gegen Stellungen der Extremisten. Das Weiße Haus teilte mit, Sicherheitsberater von Präsident Barack Obama sähen nichts, was der französischen Einschätzung widersprechen würde, dass der IS für die Terrorserie verantwortlich sei.

In Belgien wurden bei einer Razzia der Polizei im Brüsseler Einwanderer-Stadtteil Molenbeek mehrere Menschen festgenommen. Einer soll am Freitagabend in der französischen Hauptstadt gewesen sein. Details nannte die Staatsanwaltschaft nicht. Die Pariser Behörden hätten in vier konkreten Fällen um Amtshilfe gebeten. Unter anderem sei es dabei um Informationen zu einem in Belgien angemeldeten Mietwagen gegangen, der in der Nähe des Pariser "Bataclan" gefunden wurde.