Erstellt am 09. Oktober 2014, 18:09

Literaturnobelpreis an Patrick Modiano. Patrick Modiano (69) erhält den Literaturnobelpreis 2014.

Der Franzose bekommt die Auszeichnung "für die Kunst der Erinnerung, mit der er die unfassbarsten menschlichen Schicksale wachgerufen und die Lebenswelt der Besatzungszeit vor Augen geführt hat", begründete die Königlich-Schwedische Akademie die Entscheidung am Donnerstag in Stockholm. Modiano selbst zeigte sich über die Ehre sehr erfreut.

30 Werke in 40 Jahren Schriftstellerkarriere verfasst

In Modianos Büchern geht es um Erinnern, Vergessen, Identität und Schuld. Angesiedelt sind sie oft in dem von Deutschen besetzten Paris während des Zweiten Weltkriegs. Dass Modiano in den vergangenen Jahren auch im deutschsprachigen Raum über eine anwachsende Fangemeinde verfügte und die Auflagen der Übersetzungen fünfstellige Zahlen erreichten, dafür ist auch Peter Handke verantwortlich. Er gilt als Entdecker Modianos für den deutschsprachigen Raum und übersetzte etwa dessen Romane "Die kleine Bijou" und "Eine Jugend".

Bekannte Werke von Modiano sind auch "Der Horizont", "Place d'Étoile" und "Sonntage im August". Der Hanser Verlag kündigte an, dass Modianos neuer Roman "Gräser der Nacht" bereits in einigen Tagen, deutlich früher als geplant, ausgeliefert werden soll.

Modiano, der in seiner mehr als vierzigjährigen Schriftstellerkarriere rund 30 Werke verfasst hat, lebe völlig zurückgezogen und mache den Literaturbetrieb nicht mit, sagte seine Hanser-Lektorin Tatjana Michaelis. "Ich denke, wir sollten das respektieren." Entsprechend schwierig gestaltete sich auch der Versuch, ihn von seinem Glück zu unterrichten. "Wir konnten noch keine Verbindung zu ihm herstellen, aber wir hoffen, ihn bald zu erreichen", musste der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, Peter Englund, nach der Verkündung in Stockholm zugeben.

Modiano zeigt sich bescheiden, aber "sehr glücklich"

Er nannte den Preisträger einen "Marcel Proust unserer Zeit", der "sehr elegante Bücher" schreibe, die "nicht schwierig zu lesen" seien. Als der französische Verleger Antoine Gallimard seinem Autor schließlich telefonisch zum Literaturnobelpreis gratulieren konnte, sei der Autor "sehr glücklich" gewesen, berichtete Gallimard, habe aber "mit seiner üblichen Bescheidenheit" geantwortet: "Das ist bizarr."

Am späteren Nachmittag zeigte sich Modiano bei einer Pressekonferenz am Gallimard-Verlagssitz bewegt und verwundert über die Auszeichnung. Er sei auf die Begründung der Akademie gespannt, ausgerechnet ihn ausgesucht zu haben - "zumal ich den Eindruck habe, seit 45 Jahren dasselbe Buch zu schreiben". Er wolle den Preis seinem schwedischen Enkel widmen.

Freude herrschte bei Modianos Landsleuten. Er ist der bereits 15. Literaturnobelpreisträger der Grande Nation, zuletzt war 2008 Jean-Marie Gustave Le Clézio ausgezeichnet worden. Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande würdigte Modianos Werk als subtil: "Er führt seine Leser bis in die tiefen Wirren der dunklen Besatzungsperiode." Der französische Autor erforsche, was an der Erinnerung untergründig und an der Identität kompliziert sei. Und er versuche zu verstehen, "wie das, was geschieht, die Individuen dazu bringt, sich zu verirren oder sich zu offenbaren". Premierminister Manuel Valls bescheinigte dem Schriftsteller einen knappen und treffsicheren Stil.

Tod des jüngeren Bruders prägte sein Schaffen

Der Autor wurde am 30. Juli 1945 in Boulogne-Billancourt bei Paris als Sohn eines jüdischen Kaufmanns und einer flämischen Schauspielerin geboren. Beide hatten sich während der deutschen Besatzungszeit kennengelernt. Modiano wuchs zunächst bei den Großeltern auf und verbrachte seine Jugend später im Internat. Der Tod seines zehnjährigen Bruders Rudy war ein Schock für ihn. Viele von Modianos frühen Arbeiten sind dem jüngeren Bruder gewidmet.

Die frühe Erfahrung von seelischem Leid und tiefen Verletzungen ist es auch, die die Atmosphäre vieler seiner Bücher prägt. Meist sind es dabei belanglose Details, die Modianos Geschichten in Gang setzen wie ein Früchtekorb in "Vorraum der Kindheit" (auf deutsch: 1992) oder eine Zeitungsannonce in "Dora Bruder" (1998). Mit seiner präzisen und teilweise kargen Sprache erschafft er fast unwirkliche Stimmungen. Er entwirft in seinen Texten Geschichten und Bilder von Sinn- und Glückssuchern. Modiano wurde mehrfach preisgekrönt. Im Jahr 1978 erhielt er für "Die Gassen der dunklen Läden" den begehrten französischen Prix Goncourt. In Österreich wurde er 2012 mit dem Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet.

Damit wurde es auch diesmal nichts aus dem erst zweiten Literaturnobelpreis für einen Schwarzafrikaner. Der Kenianer Ngugi wa Thiong'o war am Ende Top-Favorit der Buchmacher. Doch auch der Österreicher Peter Handke kletterte bei den Wettquoten zuletzt nach oben. Im vergangenen Jahr hatte die kanadische Kurzgeschichten-Autorin Alice Munro den Literaturnobelpreis erhalten. Der Literaturnobelpreis wird seit 1901 vergeben. Er ist wie die anderen Nobelpreise mit 8 Millionen schwedischen Kronen (rund 880.000 Euro) dotiert. Verliehen wird er traditionell am 10. Dezember, dem Todestag des schwedischen Preisstifters und Industriellen Alfred Nobel (1833-1896).