Erstellt am 08. Juli 2014, 10:11

Manager-Festnahme bringt Licht in Ticketskandal. Mit der Festnahme eines Topmanagers des FIFA-Vertragspartners Match Services kommt Licht ins Dunkel um den groß angelegten Schwarzmarkthandel mit WM-Tickets.

Im Blitzlichtgewitter der Fotografen wurde der 64-jährige Brite Raymond Whelan vor einem Luxus-Hotel direkt an der Prachtstraße Avenida Atlantica in Rio de Janeiro abgeführt. Wenig später befand er sich wieder auf freiem Fuß.

Eine Richterin in Rio de Janeiro habe am Dienstag nach zwölfstündiger Untersuchungshaft die Freilassung des Briten angeordnet, meldete die Online-Ausgabe der Zeitung "O Globo". Whelan habe seinen Pass abgegeben und stehe der Justiz weiter zur Verfügung, sagte einer seiner Anwälte dem Blatt. Er steht im Verdacht, mit dem bereits festgenommenen Algerier Lamine Fofana WM-Tickets entgegen vertraglichen Regelungen zu erhöhten Preisen weiterverkauft zu haben.

82 Tickets beschlagnahmt

Whelan ist langjähriger Direktor der Match Services AG, dem Vertragspartner der FIFA für den Ticketvertrieb. In seinem Zimmer im Hotel Copacabana Palace wurden nach Polizei-Angaben 82 Tickets für WM-Spiele, ein Computer, ein Handy und Dokumente beschlagnahmt. Grundlage für die Festnahme ist Artikel 41-G der brasilianischen Fan-Statuten, der die Besorgung, Abzweigung und den Verkauf von Eintrittskarten für einen höheren Preis als dem aufgedruckten ahndet.

Mehrere Tage hatte die FIFA jeden Verdacht gegen einen eigenen Mitarbeiter abgestritten. Whelan ist auch kein Angestellter des Fußball-Weltverbandes, aber ein Spitzenmann eines ökonomisch enorm wichtigen Partners. Die Verbindungen zwischen der Match Services AG und Match Hospitality, dem Vertriebspartner für die lukrativen VIP-Pakete, sind eng. Hier führen familiäre Verbindungen direkt in die FIFA-Spitze. Phillippe Blatter, Neffe von FIFA-Boss Joseph Blatter, ist Geschäftsführer bei Infront Sports and Media, einem Anteilseigner an Match Hospitality.

Aggressive Strategie und Knebelverträge

Inhaber von Match Services und Match Hospitality sind die Gebrüder Jaime und Enrique Byrom aus Mexiko, die 2007 mit der FIFA einen Deal über 240 Millionen Dollar (176,57 Mio. Euro) zur Vermarktung der WM-Turniere 2010 und 2014 abschlossen hatten. Vor vier Jahren in Südafrika beschwerten sich zahlreiche Hotelbesitzer über die aggressive Strategie und Knebelverträge der FIFA-Partner, die auch den prestigeträchtigen Ryder Cup der Golfer im Portfolio haben. Für die WM vermarktete Match AG mit 445.000 Tickets fast ein Sechstel aller Turnierkarten.

Enrique Byrom sagte der Nachrichtenagentur AP in der vergangenen Woche, als Verdachtsmomente aufkamen, er werde jeden an illegalen Machenschaften beteiligten Mitarbeiter "an die Wand nageln". Nun ist einer seiner Topleute unter dringendem Verdacht.

Auch die Hospitality-Rechte der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 sind für eine unbekannte Summe an die Match AG gegangen. Ob die FIFA diesen Vertrag nun im Lichte des Ticketskandals wirklich aufrechterhalten will oder einfach muss, war vorerst unklar. Man werde mit den Behörden weiter eng zusammenarbeiten, hieß es in einer Pressemitteilung. Und: "Die FIFA möchte ihre klare Haltung gegen jede Form des Bruchs von Gesetzen oder Ticketregeln betonen."

Schon der Vertrag mit einem vorigen Vertriebspartner endete für die FIFA in einem PR-Desaster. Die ISL ging pleite, Schmiergeldzahlungen an Spitzenfunktionäre von mehr als 100 Millionen Euro wurden Jahre später von einem Schweizer Gericht bestätigt. Ex-FIFA-Chef Joao Havelange gab seinen Titel als Ehrenpräsident auf.

"Hatten noch nie so viele Anfragen für Tickets"

Wie eng die Verbindungen mit den Byrom-Brüdern heute sind, belegt ein Interview von FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke auf der Homepage deren Firma vom 20. Mai. Auf die Frage, wie viele Karten es noch gibt, antwortet der Franzose: "Für die Fans sind nur noch wenige übrig, weil es die finale Phase des Verkaufs ist. Man kann immer versuchen, ein Ticket zu bekommen, aber (die Versorgung) ist sehr gering. Die Nachfrage ist überwältigend. Ich glaube, wir hatten noch nie so viele Anfragen für Tickets."

Whelan sei während der Ermittlungen bei einer gerichtlich genehmigten Abhöraktion ertappt worden. Die FIFA habe am Montag auf Polizeiwunsch eine Liste mit Telefonnummern zur Verfügung gestellt. Die Ermittlungen liefen weiter. Whelan steht im Verdacht, mit dem bereits festgenommenen Algerier Fofana die WM-Tickets veräußert zu haben. Whelan war schon seit längerem in Brasilien und unter anderem für die Suche und Auswahl von Hotels zuständig, die dann im Rahmen von Ticket-Paketen angeboten wurden.

Das Netz an Sublizenznehmern ist weit verzweigt. Match Hospitality teilte am Montag mit, dass WM-Tickets der Agentur Atlanta Sportif gesperrt worden seien, deren Geschäftsführer Fofana ist. Geprüft werden entsprechende Vorwürfe auch gegen den Kunden Reliance Industries Limited, der 304 Ticket-Pakete inklusive Zugang zu einer Privat-Loge für alle Spiele in Belo Horizonte, Rio de Janeiro und Sao Paulo im Gesamtwert von 1,2 Millionen Dollar (882.875 Euro) kaufte. Ein Verdacht auf illegalen Weiterverkauf besteht auch gegen den weiteren Partner Jet Set Sports und die Agentur Pamodzi Sports.