Erstellt am 07. Januar 2015, 22:10

von APA/Red

12 Tote bei Anschlag auf Pariser Satiremagazin. Bei einem Terroranschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" sind am Mittwoch 12 Personen getötet und mehrere teils lebensgefährlich verletzt worden.

Nach dem schwersten Terroranschlag in Frankreich seit einem halben Jahrhundert läuft die Fahndung nach den Tätern auf vollen Touren. Während das Land unter einem schweren Schock steht, wurden die Sicherheitsmaßnahmen im Großraum Paris massiv verschärft.

In Frankreich solidarisierten sich Zehntausende in den Städten mit dem Magazin. Die Mitglieder des UN-Sicherheitsrats verurteilten den Anschlag als "barbarisch", "feige" und "inakzeptabel".

Bei ihrer Flucht in einem Auto gaben die Täter weitere Schüsse ab; eine Passantin wurde verletzt. Die Tat wurde auch von Muslimverbänden und anderen Religionen in Frankreich vehement verurteilt. Führende Vertreter wollen an diesem Donnerstag eine gemeinsame Initiative beraten.

"Schock für Frankreich"

Staatspräsident Francois Hollande eilte sofort zum Tatort und rief die Nation zur Einheit auf. Er sprach von "Barbarei" und einem "Schock für Frankreich". Nach einer Krisensitzung des Kabinetts erklärte die Regierung, es seien drei Täter am Werk gewesen. Der Staatsanwalt sprach von "mindestens zwei" Angreifern.

Frankreichs Regierung rief für die Pariser Region die höchste Sicherheitsstufe aus, mindestens 500 zusätzliche Polizisten sind im Einsatz. Hollande berief für Donnerstagfrüh eine zweite Sondersitzung des Kabinetts ein und beriet sich telefonisch mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem britischen Premierminister David Cameron.

"Diese abscheuliche Tat" sei ein Angriff auf die Meinungs- und Pressefreiheit, sagte Merkel. US-Präsident Barack Obama bot Frankreich als "ältestem Verbündeten Amerikas" jede Hilfe an, "um diese Terroristen vor die Justiz zu bringen". Auch islamische Staaten wie Katar, Muslimverbände, die EU und die NATO verurteilten die Tat.

"Tödliche Gewalt ist abscheulich"

Auch Papst Franziskus verurteilte das "grausame Attentat". Die Tat habe Tod gesät, die gesamte französische Gesellschaft in Trauer gestürzt und alle Menschen, die Frieden liebten, tief aufgewühlt, heißt es in einer Mitteilung des Vatikans vom Mittwochabend.

"Was auch immer der Grund ist, tödliche Gewalt ist abscheulich und niemals zu rechtfertigen.""Papst Franziskus nimmt im Gebet an den Leiden der Verletzen und der Familien der Verstorbenen teil und fordert alle dazu auf, sich mit jedem Mittel der Verbreitung des Hasses und jeder Form der Gewalt entgegenzustellen", erklärte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi.

In Dutzenden französischen Städten kamen Menschen zu Solidaritätskundgebungen für "Charlie Hebdo" zusammen - in Lyon und Toulouse jeweils 10.000, in Paris 5000.

Kundgebung verlief friedlich

Auch vor der französischen Botschaft in Wien versammelten sich Mittwochabend Hunderte Menschen, um der Opfer eines bewaffneten Angriffs auf eine Pariser Redaktion zu gedenken. Mit Kerzen, Plakaten mit der Aufschrift "Je Suis #Charlie" und einzelnen Ausgaben des Satiremagazins in den Händen signalisierten die Demonstranten Solidarität.

Reden wurden keine gehalten, da die Kundgebung von den Veranstaltern, die im Internet dazu aufgerufen hatten, als "stilles Gedenken" organisiert wurde. Alles verlief friedlich, die Polizei war vor Ort und am Gehsteig vor der Botschaft brannten zahlreiche Kerzen zum Gedenken an die Toten. Nach Angaben der Polizei versammelten sich etwa 300 Menschen zu der Kundgebung am Schwarzenbergplatz.

Kaltblütiger Überfall

Zeugen zufolge drangen zwei schwarz vermummte Männer mit Kalaschnikows in die Redaktionsräume ein und schossen kaltblütig um sich. Die Terroristen riefen "Allah ist groß" und "Wir haben den Propheten gerächt". "Sie sprachen perfekt Französisch", sagte die Zeichnerin Corinne Rey, die den Anschlag überlebte, der Zeitung "l'Humanite". Dabei hätten sie behauptet, zur Terrororganisation Al-Kaida zu gehören. Der Überfall habe etwa fünf Minuten gedauert.

Im Internet kursieren von einem Dach aufgenommene Videos von der Straße vor dem Redaktionsgebäude im Pariser Osten. Darauf ist zu sehen, wie einer der vermummten Täter mit einem Schnellfeuergewehr auf einen bereits auf dem Gehsteig liegenden Polizisten zugeht und ihn ermordet. Bilder zeigten einen Polizeiwagen mit Einschusslöchern.

Unter den Toten sind der Mohammed-Karikaturist und Herausgeber Stephane Charbonnier alias Charb und sein Leibwächter. Charb tauchte im Frühjahr 2013 im Internetmagazin "Inspire" der Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) auf einer "Fahndungsliste" auf. Die AQAP verübt vor allem im Jemen Anschläge. Neben Charb sind acht weitere Personen zu sehen, darunter der dänische Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard und der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders.

Mehrfach Kritik an Karikaturen

Als Reaktion auf den Anschlag verschärften Länder wie Italien die Sicherheitsvorkehrungen für Medien. Für die Deutsche Polizeigewerkschaft ist es nur eine Frage der Zeit, bis es auch in Deutschland einen Anschlag gebe.

Der Anschlag erfolgte am Tag des Erscheinens des islamkritischen Romans "Soumission" (Unterwerfung) von Michel Houellebecq in Frankreich. "Charlie Hebdo" hatte aus diesem Anlass Houellebecq am Mittwoch auf sein Titelblatt gehoben und sich über den Schriftsteller lustig gemacht. Der Roman beschreibt das Leben in Frankreich unter einem muslimischen Präsidenten.

"Charlie Hebdo" war mehrfach wegen Mohammed-Karikaturen kritisiert worden. Bereits 2011 war die Wochenzeitung Ziel eines Brandanschlags, nachdem sie eine Abbildung des islamischen Propheten Mohammed auf ihrer Titelseite veröffentlicht hatte. Bildliche Darstellungen Mohammeds sind im Islam verboten. Nach Angaben der Polizei hat das Wochenmagazin zahlreiche Drohungen erhalten, weswegen die Redaktion seit einiger Zeit unter ständiger Bewachung stand. Der letzte Tweet der Zeitung im Internet kurz vor dem Anschlag machte sich über den Anführer der Extremistenmiliz Islamischer Staat, Abu Bakr al-Bagdadi, lustig.