Erstellt am 01. Januar 2015, 14:16

Mehta dirigierte explosives Neujahrskonzert 2015. Krise war gestern. Für ein berauscht optimistisches Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker hat am Donnerstag Dirigent Zubin Mehta gesorgt. Mehr als zuvor war dieses der Strauß-Dynastie gewidmet, auch zwei Wiener Universitäten galt es zu ehren. Dennoch dirigierte Mehta im Musikverein kein akademisches Konzert, sondern ein explosives, das während der Zugabe in einem "Knalleffekt" gipfelte.

Eigentlich hätte es der "Explosions-Polka" von Johann Strauß Sohn gar nicht bedurft. Mehta, der sein bereits fünftes Neujahrskonzert dirigierte, legte sich mit dem ersten Ton der Ouvertüre zum Lustspiel "Ein Morgen, ein Mittag, ein Abend in Wien" derart ins Zeug, als gäbe es kein Gestern und kein Morgen. Der eigenen Laufbahn des gebürtigen Inders und gelernten Wieners war dieser erste Teil des Neujahrskonzerts gewidmet: Von den "Märchen aus dem Orient" (Johann Strauß Sohn), die seinen traumhaften Aufstieg bebildern sollten über sein "Wiener Leben" (Eduard Strauß) bis zu den "Dorfschwalben aus Österreich" (Josef Strauß).

Mehta peitscht das ihm so vertraute Orchester - sein erstes Neujahrskonzert dirigierte er 1990 - durch das Repertoire und beweist dennoch viel Gefühl, das überwiegend aus dem Bauch zu kommen scheint. Waren in den vergangenen Jahren die besonnenen Denker, Charmeure und Neugestalter an der Reihe, steht mit dem 78-jährigen Mehta wieder jemand am Pult, der diese Musik lediglich feiern will, wenn auch auf höchstem Niveau. Und als ob es noch eines Beweises bedurft hätte, nippten ausgewählte Philharmoniker nach dem "Champagner-Galopp" des Dänen Hans Christian Lumbye, dem "Strauß des Nordens", an einem Glas Schaumwein. Mehta beließ es bei Wasser.

Thematisch wurde es im zweiten Teil akademisch - wenn auch nicht weniger flüssig. Zur "Studentenpolka" und "Wein, Weib und Gesang" von Johann Strauß Sohn jagte Choreograf Davide Bombana in der TV-Übertragung die Solisten des Wiener Staatsballetts durch die Universität Wien, die ihr 650-Jahr-Jubiläum begeht. Die 200 Jahre alte Technische Uni (TU) wurde mit Eduard Strauß' Polka "Mit Dampf" und Johann Strauß Sohns "Accelerationen" bedacht, weiters gab es die "Elektro-magnetische Polka" und zum 26. Mal das "Perpetuum mobile", dessen eigentlich nicht existentes Ende Klangingenieur Mehta mit den Worten "et cetera, et cetera, et cetera" einläutete.

Aber auch eine Rarität wurde abermals von den Philharmonikern einem Millionenpublikum vorgestellt: "An der Elbe" war der letzte Walzer, dessen Uraufführung Johann Strauß Sohn persönlich dirigierte - und Mehta der erste Dirigent, der diesen bei einem Neujahrskonzert mit gewohnt großer Geste zur Aufführung brachte. Ein echter Schlager wurde mit der "Annen-Polka" dem Publikum dargeboten, noch lebenslustiger, noch beschwingter, und vor allem noch lauter als man es bisher kannte. "Mit Chic" von Eduard Strauß verabschiedeten sich Orchester und Dirigent offiziell, um beinahe nahtlos in den Zugabenteil überzugehen.

Und die gewohnte Kür hatte es in sich: Mit dem Schlussakkord der "Explosions-Polka" ertönte nicht nur ein ohrenbetäubender Knall, ein Konfettiregen rieselte über das Publikum, das schließlich mit dem traditionellen Walzer "An der schönen blauen Donau" die Neujahrswünsche des Orchesters entgegennehmen konnte. Und beim "Radetzky-Marsch" versuchte Mehta ein Kunststück: Das zu diesem Zeitpunkt bereits völlig entfesselte Publikum nach Rängen getrennt mitklatschen zu lassen. Dieses bedankte sich nicht nur für diesen musikalischen Vertrauensbeweis, sondern für einen Jahresbeginn, der sämtliche vergangenen Krisen und Konflikte kurz vergessen ließ.

Der ORF sorgte auch in diesem Jahr wieder dafür, dass jeder weiß, wo die Sträuße zu Jahresbeginn blühen. Zum 57. Mal wurde das Großereignis weltweit übertragen, 50 Millionen Menschen in 90 Länder wurden erreicht, 14 HD-Kameras waren im Einsatz. Und der Pausenfilm zeigte abermals die schönsten Seiten von Wien und machte neugierig auf ein weiteres anstehendes musikalisches Highlight in der Stadt - den Song Contest.