Erstellt am 28. August 2014, 14:29

von APA Red

Rumäne zum Betteln gezwungen. Mit dem Schicksal eines körperlich versehrten Rumänen hatte sich am Donnerstag ein Wiener Schöffensenat auseinanderzusetzen.

Foto: Erwin Wodicka  |  NOEN, BilderBox - Erwin Wodicka / wodi

Der 34-Jährige, dem nach einem Unfall in seiner Heimat beide Beine und eine Hand amputiert worden waren, soll seit Dezember 2009 von Landsleuten unter unmenschlichen Bedingungen mit Gewalt zum Betteln gezwungen worden sein.

Mitleid und Nächstenliebe vorgelogen

Zunächst hatten ihn seine Peiniger in mehreren rumänischen Städten gegen seinen Willen, den sie mit Schlägen und Drohungen gebrochen hatten, zum Betteln eingesetzt. 150 Euro täglich soll der 34-Jährige dabei eingenommen haben.

Weil man davon ausging, dass in Österreich weit mehr zu verdienen war, übersiedelte man nach Wien, wo der Mann über Jahre hinweg von Montag bis Samstag von 8.30 bis 18.00 Uhr am Reumannplatz ausgesetzt wurde. An den Sonntagen musste der 34-Jährige stets bis 12.00 Uhr auf diversen Flohmärkten "arbeiten".

Eine 35-jährige Frau und ihr um zwei Jahre älterer Freund mussten sich deswegen nun wegen Menschenhandels verantworten. Die Frau hatte das spätere Opfer 2008 während einer Zugfahrt in Rumänien kennengelernt. Der 34-Jährige vertraute sich ihr an und ließ sie wissen, dass er nicht mehr bei seiner Familie leben wolle, weil er sich für sein Äußeres geniere. Die Frau gab vor, ihn aus Mitleid und Nächstenliebe bei sich aufnehmen zu wollen.

Mann angeblich mit Schlägen gefügig gemacht

Der Versehrte soll in weiterer Folge jedoch ein unfassbares Martyrium erlebt haben. Er wurde von der vermeintlichen Wohltäterin und ihrem Lebensgefährten schon nach kurzer Zeit zum Betteln gezwungen. "Er wollte das nicht. Er hat gesagt, dass er nicht einmal seine Familie um Geld bitten würde", berichtete Staatsanwältin Ursula Kropiunig.

Der Mann sei aber mit Schlägen gefügig gemacht worden, wobei Gummiknüppel und Elektrokabel zum Einsatz kamen. Das Pärchen habe auch nicht davor zurückgeschreckt, seine Amputationsnarben mit metallenen Gegenständen zu malträtieren, sagte Kropiunig.

Nach dem Umzug nach Wien erbettelte der Mann täglich 300 bis 1.000 Euro. Das gesamte Geld wurde ihm laut Anklage abgenommen. Zu Essen bekam er nur Reste, nächtigen musste er am Fußboden. Wenn er nicht parierte, wurde ihm laut Anklage jedwede Hilfe verweigert, so dass er teilweise in seinen Fäkalien schlief.

Paar renovierte mit Einkünften Haus

Der 34-Jährige unternahm mehrere Fluchtversuche. Einmal schaffte er es sogar, nach Deutschland zu gelangen. "Sie haben ihn wieder aufgespürt, bestraft und zurückgebracht", führte die Staatsanwältin aus. Zuletzt reisten die Angeklagten mit dem 34-Jährigen für einige Wochen nach England, weil sie sich dort noch höhere Einkünfte erhofften.

Zum Schein heiratete die 35-Jährige in Rumänien sogar den bedauernswerten 34-Jährigen. Mit den entsprechenden Papieren habe sie seine rumänische Invaliditätspension kassiert, legte die Anklagevertreterin dar.

Die Einkünfte ermöglichten es dem Paar, ihr baufälliges Haus in Rumänien zu renovieren. Im November 2013 wurde der Bettler allerdings von der Polizei am Reumannplatz aufgegriffen. Als er den Beamten von seinem Schicksal berichtete, wurden das Paar und eine ältere Schwester der 35-Jährigen festgenommen.

Die 40-Jährige soll seit April 2013 den Versehrten für einen Lohn von 20 Euro pro Tag rund und die Uhr beaufsichtigt haben. Als mutmaßliche Beitragstäterin saß sie nun mit auf der Anklagebank.