Erstellt am 20. April 2015, 08:10

von APA/Red

Flüchtlingsdrama: 950 Menschen an Bord. Bei dem Flüchtlingsdrama im Mittelmeer könnten noch mehr Menschen ums Leben gekommen sein als angenommen.

"Wir waren 950 Menschen an Bord, auch 40 bis 50 Kinder und etwa 200 Frauen", sagte ein aus Bangladesch stammender Überlebender laut Nachrichtenagentur Ansa am Sonntag der Staatsanwaltschaft Catania. Bisher konnten nur 28 Menschen gerettet werden. Hunderte Flüchtlinge werden vermisst.

"Die Schmuggler haben die Türen geschlossen"

Viele Menschen seien im Laderaum eingeschlossen gewesen. "Die Schmuggler haben die Türen geschlossen und verhindert, dass sie herauskommen", erzählte der Mann, der in ein Krankenhaus in Sizilien gebracht worden war. Nach Angaben der Küstenwache konnten nach dem Unglück 28 Menschen gerettet und 24 Leichen geborgen werden. Hunderte Flüchtlinge werden trotz einer großen Suchaktion noch vermisst. Sollten die Opferzahlen bestätigt werden, würde es sich um das bisher größte Flüchtlingsdrama im Mittelmeer handeln.

Ein verletzter Überlebender wurde am Sonntagabend in ein Spital in Catania geflogen. Der Afrikaner sei verletzt und sei mit einem Hubschrauber der italienischen Marine in ein Krankenhaus der sizilianischen Stadt geflogen worden, berichteten italienische Medien. Weitere Überlebende sollen am Montag auf Sizilien eintreffen. Ein Schiff der italienischen Marine mit mehreren Leichen an Bord sei in Richtung Malta unterwegs, berichtete die Küstenwache.

Rettungsmannschaften berichteten, dass seit Sonntagvormittag keine Spuren der Vermissten gesichtet worden sein. "Wir haben bisher nur Treibstoffspuren gefunden", sagte ein Sprecher der italienischen Marine. Bei der von der Küstenwache koordinierten Rettungsaktion seien 18 Schiffe im Einsatz, erklärte Italiens Premier Matteo Renzi. Die Wetterbedingungen sind nach Angaben der Küstenwache ideal für die Suchaktion, diese soll auch während der Nacht fortgesetzt werden.

Unter den an der Rettungsaktion beteiligten Schiffen befinden sich zwei aus Malta, und mehrere Flugzeuge sowie Hubschrauber seien bei der Suche nach Überlebenden im Einsatz. Mehrere sizilianische Fischerboote eilten zum Unglücksort, um Hilfe zu leisten.

Vermutlich keine weiteren Überlebenden

Das Schiff sei vermutlich in libyschen Gewässern gekentert, als die Insassen auf eine Seite liefen, weil sich ihnen ein portugiesisches Handelsschiff näherte, von dem sie sich Hilfe erhofften, sagte eine Sprecherin des UNO-Flüchtlingshochkommissariates UNHCR, Carlotta Sami. Das Boot sei schwer überlastet gewesen. Laut der UNHCR-Sprecherin dürfte es vermutlich keine weiteren Überlebenden geben.

Europäische Politiker versuchten nach der Tragödie, die Schuld vermehrt kriminellen Schlepperbanden zu geben. Das Problem sei nicht so sehr die Rettung der Flüchtlinge, die effizient sei, sondern die Schlepperbanden in Libyen, erklärte Italiens Premier Matteo Renzi am Sonntagabend in Italien. Nur indem man Schlepperbanden in Libyen ausmerze und die Flüchtlingsboote davon abhalte, in See zu stechen, könne man weitere Flüchtlingstragödien vorbeugen, so Renzi.

Ein gesamteuropäischer Einsatz sei notwendig, um den Menschenhandel aktiv zu bekämpfen, fügte er hinzu. Denn Italien leiste oft im Alleingang einen "außerordentlichen Einsatz" zur Menschenrettung im Mittelmeer: "Der Kampf gegen Menschenhandel darf nicht nur eine Angelegenheit Italiens, oder Maltas sein".

Auch der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere bezeichnete am Sonntag die Bekämpfung der Schlepperbanden "als zentralen Punkt". Eine von zahlreichen Nichtregierungsorganisationen sowie der UNO geforderte Ausdehnung des EU-Seerettungsprogramms "Triton" lehnte er kürzlich mit der Begründung ab, dies sei Beihilfe für die Schlepper.

Mikl-Leitner fordert gezielte Auswahl Schutzsuchender

Ziel müsse sein, dass die Flüchtlinge gar nicht erst in Versuchung kommen, mithilfe von "abscheulichen Schlepperbanden" den Weg über das Mittelmeer nach Europa zu suchen, hatte auch seine österreichische Ressortkollegin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) erklärt und eine gezielte Auswahl Schutzsuchender durch das UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR gefordert.

Die Außenminister der EU-Staaten wollen an diesem Montag (10.00 Uhr) bei einem Treffen in Luxemburg über die europäische Flüchtlingspolitik beraten. Nach der Bootstragödie hatte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini das Thema auf die Tagesordnung gesetzt. Im Mittelpunkt dürfte dabei Libyen stehen, das wichtigste Transitland für Bootsflüchtlinge nach Europa.

Italien hatte im vergangenen Herbst die Rettungsmission "Mare Nostrum" eingestellt, weil sich die EU-Partner nicht an der Finanzierung des Marineeinsatzes beteiligen wollten. Seitdem läuft unter Führung der EU-Grenzschutzagentur Frontex die deutlich kleinere Mission "Triton", die aber vorwiegend der Sicherung der EU-Außengrenzen und nicht der Rettung der Flüchtlinge dient.

Kritiker werfen der EU nun aber vor, mit "Triton" den Tod von Flüchtlingen in Kauf zu nehmen. Der Fortbestand von "Mare Nostrum" hätte jährlich genauso viel wie der nächste EU-Gipfel der Staats-und Regierungschefs im deutschen Elmau gekostet, wie die "Süddeutsche Zeitung" am Wochenende vorrechnete. Der finanzielle Aufwand für "Mare Nostrum" hatte sich nach Angaben der italienischen Regierung auf rund neun Millionen Euro pro Monat belaufen.

Ausdehnung des Rettungseinsatzes gefordert

UN-Flüchtlingshochkommissar Antonio Guterres forderte am Sonntag hingegen ganz klar eine Ausdehnung des Rettungseinsatzes im Mittelmeer. "Man muss Flüchtlingen realistische Wege anbieten, um legal nach Europa zu gelangen. Ansonsten werden Menschen auf der Flucht weiterhin im Meer sterben. Ich hoffe, dass die EU eine entscheidende Rolle bei der Vorbeugung weiterer Tragödien übernehmen wird", betonte er.