Erstellt am 22. Juni 2015, 19:09

von APA Red

Nach Amokfahrt: Frau des Verdächtigen vernommen. Die Ehefrau des Amokfahrers von Graz ist laut Staatsanwaltschaft am Sonntag in Graz vernommen worden. Die Mutter zweier Kinder, die von dem 26-Jährigen getrennt lebt, dürfte nicht wie kolportiert zum Zeitpunkt der Amokfahrt in Bosnien gewesen sein.

Der Geländewagen des mutmaßlichen Amokfahrers  |  NOEN, APA (Gubisch)

Die Polizei hatte angerufen und um eine Zeugenaussage gebeten, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Christian Kroschl, am Montag auf APA-Anfrage.

Zahl der Verletzten stieg von 34 auf 36

Über ihre Angaben vor der Polizei wollen die Ermittler vorerst nichts öffentlich bekannt machen, ihr Noch-Ehemann dürfte die Amokfahrt aber nicht bei ihr angekündigt haben, sagte Kroschl.

Laut Stadt Graz ist die Zahl der verletzten Opfer von 34 auf 36 gestiegen. Zwei Menschen waren nach der Tragödie verletzt nach Hause gegangen und meldeten sich erst später in Krankenhäusern. Das konnte die Staatsanwaltschaft aber vorerst nicht bestätigten.

Von den drei Opfern, die am Sonntag noch in Lebensgefahr waren, konnte am Montag seitens des LKH Graz in einem Fall leichte Entwarnung gegeben werden. Bei einer Person habe sich der Zustand verbessert, die beiden anderen dagegen waren noch nicht "über den Berg": Ihr Zustand war zwar stabil, aber nach wie vor kritisch, erklärte eine Sprecherin.

Polizei war schon öfter zu Amokfahrer ausgerückt

Indessen werden immer mehr Details aus dem Umfeld des Täters bekannt: Schon öfter hat die Polizei zum Wohnort des 26-jährigen Amokfahrers ausrücken müssen - nicht nur Ende Mai, als er nach häuslicher Gewalt weggewiesen worden war. Schon seit Jahren mussten die Beamten Anzeigen gegen den Verdächtigen aufnehmen. Auch ein Gewehr sei einmal bei ihm sichergestellt worden, hieß es am Montag gegenüber der APA.

Während der Amokfahrer in der Grazer Justizanstalt Jakomini auf seine Haftprüfung beim Untersuchungsrichter wartet, wohnen seine Eltern weiter im gemeinsamen Haus südlich von Graz. Über den 26-Jährigen soll noch am Montag oder am Dienstag die U-Haft oder eine vorläufige Anhaltung in einer Nervenklinik verhängt werden.

Das Kriseninterventionsteam (KIT) des Landes Steiermark teilte am Montag mit, dass auch in den kommenden Tagen kostenlose Unterstützung für Betroffene und Angehörige geboten wird: Das KIT ist ab sofort die ganze Woche von 8.00 bis 20.00 Uhr unter der Hotline-Nummer 0316/877-6551 in der Landeswarnzentrale erreichbar. Nach 20.00 Uhr kann das Kriseninterventionsteam über die Landeswarnzentrale-Notrufnummer 130 angefordert werden.

Taschentücher und Tränen in der Grazer City

In der Grazer Innenstadt ist die Trauer noch unmittelbar zu spüren. Vor der Stadtpfarrkirche wurde auf einer Bank ein Bild des dort getöteten Buben in einem Rahmen aufgestellt. "Valentin" steht schlicht unter dem Foto, das den lächelnden Vierjährigen zeigt.

Das Blumen- und Kerzenmeer ist hier am größten, hier ist auch der seit Samstag in der Herrengasse dominierende Geruch von Wachs und Paraffin am deutlichsten. Gedichte und auf Papier festgehaltene Gedanken, liegen zusammen mit Stofftieren vor der Kirche. Immer noch bringen Menschen Kerzen, hier ebbt der Straßenlärm deutlich ab.

Die Behörden haben rot-weiße Scherengitter an den "Gedenkstellen" aufgestellt, um die Durchfahrt der Trams zu gewährleisten. In der Seitengasse, die von der Stadtpfarrkirche über einen verschlungenen Weg zum Bischofsplatz führt, sitzt eine ältere Frau am Zaun eines Innenstadtgartens und vergießt stille Tränen. Auch draußen auf der belebten Herrengasse ziehen die Menschen immer wieder Taschentücher.

Die Geschäfte und Lokale sind wieder geöffnet, einige zeigen ihr Mitgefühl: Das persische Restaurant "Saray" in der Jungferngasse hat eine Gastrotafel aufgestellt. Auf ihr steht in Kreideschrift neben einer stilisierten Kerzenflamme: "Graz trauert - und wir mit".

Trauerzug für kommenden Sonntag geplant

Weiter vorne Richtung Hauptplatz, wo in einem Schanigarten mehrere Menschen verletzt wurden, ersetzen junge Mädchen ausgebrannte Kerzenbehälter durch neue. Eine Freundin sei hier verletzt worden, heißt es. Selbst mitten auf dem Hauptplatz räumen die Behörden kleine Kerzen-"Inselchen" nicht weg - die Menschen sollen offenbar ihren winzigen, eigenen Trauerort haben dürfen.

Auch vor dem ersten Tatort in der Zweiglgasse, wo ein Mann starb und seine junge Frau schwerst verletzt wurde, werden immer noch Blumen und Kerzen abgelegt. Dieser Ort wird wegen seiner Lage als Durchzugsstraße nicht so stark wahrgenommen - das Bild des jungen Paares tauchte am Samstag als erstes beim zentralen Hauptplatz auf.

Am Hauptplatz sind am späten Vormittag gerade die Stadtregierung und die erst jüngst angelobte Landesregierung unter Bürgermeister Siegfried Nagl und Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer (beide ÖVP) dabei, sich ins Kondolenzbuch der Stadt Graz einzutragen. Das Buch liegt im Schatten des Arkadengänge auf.

Für den kommenden Sonntag plant die Stadt Graz einen Trauerzug durch die Innenstadt, der teilweise der Route des Amoklenkers folgen wird. Der Gedenkmarsch soll um 18.00 Uhr beginnen, Details werden noch bekannt gegeben. Zudem kündigte die Stadt an, an den Ortseinfahrten die Tafeln mit einer schwarzen Trauerbinde zu schmücken. Auch der Uhrtum trägt bereits schwarze Beflaggung.

Trauerfeier wird geplant, Veranstaltungen werden abgesagt

Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP), er wurde Augenzeuge und beinahe Opfer des 26-jährigen Mannes, hat die Einrichtung eines Spendenkontos für die Opfer angekündigt. Mit einem Hilfsfonds soll etwa bei Begräbniskosten geholfen werden.

Während die Planungen für Trauerfeierlichkeiten beginnen, werden andere Veranstaltungen abgesagt. Die Vinziwerke haben ihr Fest zum 25-Jahr-Jubiläum der Vinzenzgemeinschaft Eggenberg am kommenden Wochenende gestrichen: "Es gibt nichts zu feiern, unsere Gedanken sind bei den Betroffenen", hieß es am Montag.

Nach der Amokfahrt will Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) nun eine verpflichtende Rechtsberatung für Weggewiesene im Sicherheitspolizeigesetz implementieren. Einen diesbezüglichen Bericht der Tageszeitung "Kurier" (Dienstagsausgabe) bestätigte ihr Sprecher Hermann Muhr am Montagabend der APA.

Sie wolle zu diesem Thema mit dem Koalitionspartner SPÖ in Gespräche eintreten. "Ich will im Sicherheitspolizeigesetz eine verpflichtende Rechtsberatung für Weggewiesene", wurde Mikl-Leitner in dem Bericht zitiert. Auch der 26-Jährige, der drei Menschen getötet und weitere 36 verletzt haben soll, war Ende Mai von seiner Familie weggewiesen worden.

Mikl-Leitner will sich auch bemühen, mit Experten aus dem Frauen-, dem Justiz- sowie dem Sozial- und dem Familienressort einen Runden Tisch zustande zu bringen. Dabei soll diskutiert werden, wie auch ein psychologischer Dienst für Gewalttäter in das bestehende Gewaltschutzsystem implementiert werden kann.

Nach der Tragödie in Graz sind in sozialen Netzwerken und Onlineforen neben Äußerungen der Fassungslosigkeit auch teils ausländerfeindliche Kommentare bis hin zu Spekulationen um einen islamistischen Hintergrund aufgetaucht. "Wenn man die Möglichkeit hat, ein Etikett zu finden, dann wird sehr schnell und 'erfreut' darauf zugegriffen", erklärte der Medienpsychologe Peter Vitouch.

Zwei Aspekte treffen hier laut dem Wiener Kommunikationswissenschafter zusammen: "Das Ereignis betrifft die Allgemeinheit stark und zeigt die Hilflosigkeit auf, da es für ein solches keine Voraussagbarkeit gibt. Es löst daher Ängste aus, die mit einer emotionalen Erregung einhergehen", erläuterte Vitouch im Gespräch mit der APA.

Um mit der eigenen Hilflosigkeit umzugehen, greifen dann einige Menschen zum Werkzeug der Etikettierung, etwa in dem man sich dann auf Foren derart äußert, dass derartige Handlungen für Menschen einer bestimmten Herkunft typisch wären. "Wir versuchen alle, eine sehr komplexe Welt wieder einfach zu machen, aber die Erklärungen sind manchmal derart vereinfachend, dass sie zu Vorurteilen führen", ob diese nun Migranten, Arbeitslose oder andere Gruppen betreffen.