Erstellt am 10. Mai 2014, 00:30

von APA Red

Österreich gewinnt Song Contest!. Conchita Wurst hat damit das geschafft, was noch vor wenigen Wochen in weiter Ferne schien: Den Eurovision Song Contest tatsächlich zu gewinnen.

Das scheinbar Undenkbare ist wahr geworden: Österreich hat den Eurovision Song Contest 2014 in Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen gewonnen. Die bärtige Lady Conchita Wurst setzte sich mit ihrer bombastischen Ballade "Rise Like A Phoenix" durch und konnte nach einem spannenden Kopf-an-Kopf-Rennen bei der Punktewertung die Niederlande mit 290 zu 238 Punkten letztlich klar auf Platz 2 verweisen.

13 Mal Höchstwertung

Von wem Österreich unter anderem 13 Mal die Höchstwertung 12 Punkte bekam, war dabei durchaus überraschend, erstrecken sich die Länder doch von Finnland über Großbritannien bis zu Israel oder dem Nachbarn Schweiz.

Vom großen Nachbarn Deutschland gab es lediglich 7 Punkte - ein Punkt weniger als aus der Ukraine. Und selbst das wegen homophober Bedenken als sicherer Nuller eingeschätzte Russland vergab immerhin 5 Punkte an die vom Entertainer Tom Neuwirth kreierte Kunstfigur Conchita Wurst. Umgekehrt landeten die deutschen Vertreterinnen Elaiza lediglich auf Platz 18 (gänzlich ohne Punkte aus Österreich), während die Schweiz mit Sebalter immerhin auf Platz 13 kam.

Österreich gab Armenien 12 Punkte

Als härteste Konkurrenten im Wettbewerb erwiesen sich letztlich die Niederlande in Person des Folkduos The Common Linnets mit dem Countrysong "Calm After The Storm" im Lady-Antebellum-Stil. Die lange Zeit bei den Zockern führende Schwedin Sanna Nielsen mit "Undo" musste sich letztlich mit 218 Punkten und Platz 3 begnügen.

Und der lange als Topfavorit gehandelte armenische Kandidat Aram Mp3 mit "Not Alone", der mit abfälligen Äußerungen gegen Wurst für Aufsehen gesorgt hatte, wurde letztlich auf Platz 4 gewählt - mit 12 Punkten aus Österreich.

"Ich habe keine Worte"

Dennoch zeigten sich die österreichischen Beteiligten überrascht und sprachlos ob des großen Erfolgs - allen voran Conchita Wurst selbst.

Allerdings hielt die Sprachlosigkeit nicht allzu lange an, hatte die Aktivistin für freie Lebensgestaltung und Toleranz auch und gerade gegenüber Homosexuellen gleich eine Botschaft an Russlands Präsident Wladimir Putin parat: "Wir sind nicht zu stoppen." Und dann brachte sich die Diva doch gleich selbst für einen neuen Job ins Gespräch: "Ich wäre gerne Teil von Eurovision 2015 - vielleicht als Gastgeberin?"

Song Contest 2015 in Österreich

Wo und wann sie gegebenenfalls diese Rolle wird ausüben können, lässt sich derzeit noch nicht sagen. ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz unterstrich jedenfalls vor Journalisten, dass man in den kommenden Wochen Gespräche mit verschiedenen Gebietskörperschaften als möglicher Austragungsort führen werde.

ORF-Unterhaltungschef Edgar Böhm kündigte die Einrichtung einer Task Force an, die sich das Jahr über speziell der Vorbereitung des größten Musikwettbewerbs der Welt widmen werde: "Das ist ein Riesentschoch." Aber man werde in jedem Falle ein guter Gastgeber sein. "Ich freue mich auf den Song Contest 2015 in Österreich", ließ Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) schon kurz nach der Show verlauten. "Der erste Platz für Österreich beim Eurovision Song Contest ist der große Sieg von Conchita Wurst, aber auch ein Sieg Europas in Toleranz und Respekt."

Conchita euphorisch am Flughafen Wien empfangen

Für die Siegerin ging es bereits wenige Stunden nach ihrem Triumph zurück in die Heimat. Die strahlende Song Contest-Königin Conchita Wurst ist heute, Sonntag, um 12.15 Uhr von einer euphorischen Menge lautstark am Flughafen Wien Schwechat empfangen worden. Sprechchöre und kreischende Fans, Österreich- und Regenbogenfahnen, aufgemalte Vollbärte, fliegende Herzen, gezückte Smartphones und ein Glitterregen wurden der frischgebackenen Siegerin von Hunderten Menschen entgegen gebracht.

Wurst präsentierte sich stolz mit der gläsernen Eurovisions-Trophäe in der Hand und in Begleitung von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz. Gegen 13 Uhr wird sie sich im nahegelegenen NH Hotel Vienna Airport bei einer Pressekonferenz Journalisten stellen.

Reaktionen: Frühere Austro-Starter freuen sich, Bundespräsident gratuliert

Nostalgie und Freude bei früheren österreichischen Teilnehmern

Conchita Wurst hat geschafft, was viele vor ihr versuchten: Mit ihrer Powerballade "Rise Like A Phoenix" hat die charismatische Dragqueen den Eurovision Song Contest nach Österreich geholt. Der überraschende Triumph in Kopenhagen freut bei einem APA-Rundruf heimische Vertreter der vergangenen Jahre - Nadine Beiler, Lukas Plöchl und Natalia Kelly - ebenso wie ESC-Urgesteine Waterloo und Gary Lux.

Lukas Plöchl, der gemeinsam mit Manuel Hoffelner als Trackshittaz Conchita Wurst 2012 noch im Vorentscheid zum Song Contest ausgestochen hatte und dann den Finaleinzug in Baku verpasste, habe es anfangs gar nicht glauben können. "Wenn man das erste Mal 'Österreich: twelve points' hört, denkt man: 'Fuck, das kann ja wirklich gehen!'", so Plöchl, der den Event durchaus ambivalent verfolgt hat, gegenüber der APA.

Kelly will 2015 "zuschauen und anfeuern"

"Da gibt es dann zwei Seiten in dir: Du freust dich voll für Conchita, weil du weißt, wie viel Arbeit da dahintersteckt und wie geil der Auftritt war. Und auf der anderen Seite werden dann Erinnerungen wach, weil du dir deine Teilnahme beim Song Contest auch eher in diese Richtung gewünscht hättest." Am Schluss überwiege aber die Freude. "Jetzt steht Conchita im Rampenlicht, und sie hat das verdient."

Auch Natalia Kelly aus Bad Vöslau im NÖ Bezirk Baden, die wie die Trackshittaz vor ihr als Österreichs Vertreterin 2013 am Finaleinzug gescheitert ist, freut sich: "Super für Österreich". Conchita habe ihre Chance großartig genutzt und bereits im zweiten Semifinale "eine super Show abgeliefert", so die 19-Jährige zur APA. Beim Song Contest in Österreich im kommenden Jahr will sie jedenfalls dabei sein, "zuschauen und anfeuern". "Ich bin schon sehr gespannt, wie sie das machen."

Beiler musste mit Ex-Konkurrent "fast mitheulen"

Einfach nur "total platt" zeigte sich Nadine Beiler unmittelbar nach dem Finale auf APA-Anfrage. "Dass wir ins Finale kommen, mit dem hab ich schon gerechnet, aber dass wir dann gleich gewinnen? Wahnsinn!" Beiler landete 2011 mit "The Secret Is Love" beim Song Contest in Düsseldorf für Österreich auf dem unverdienten 18. Platz.

Tom Neuwirth, dem Mann hinter der Kunstfigur Conchita Wurst, stand sie bereits 2007 im Finale der dritten "Starmania"-Staffel gegenüber - und gewann. "Ich weiß, dass Tom immer zum ESC wollte, und ich musste gerade fast mit ihm mitheulen", so Beiler gerührt, "ich freu mich echt riesig für ihn und unser Land!"

Einen Fan hat Conchita Wurst auch in den Song-Contest-Urgesteinen Waterloo und Gary Lux. Waterloo und Robinson landeten 1976 beim Musik-Spektakel in Den Haag mit "My Little World" auf Platz 5, Lux mit "Kinder dieser Welt" neun Jahre später auf Rang 8.

Lux: "Sie hat gestern die Herzen bewegt"

"Klar habe ich sofort daran zurückdenken müssen", meinte Lux im APA-Gespräch auf die eigene Eurovision-Erfahrung (er war zweimal Hauptact und viermal Backgroundsänger) angesprochen. "Was wir ja nicht auf der Bühne sehen: Dahinter bricht schon ein bisschen der Wahnsinn aus, dann muss man rausgehen und sich für drei Minuten sammeln und die Emotion zu 100 Prozent liefern, und das hat Conchita geschafft." Mit ihrem Sieg habe die bärtige Diva jedenfalls "Geschichte geschrieben" und sei "irgendwo auch unsterblich geworden, denn: Den Song Contest gewinnen ist eine Sache, aber sie hat gestern die Herzen bewegt".

Auch Johann Kreuzmayr alias Waterloo drückte "Hochachtung" gegenüber Conchita aus. "Viele haben über sie gelacht, aber sie hat das einzig Richtige gemacht: Sie gibt sich so, wie sie sich fühlt im Herzen. Auch ich habe lange keinen Erfolg gehabt, bis ich meinen inneren Indianer rausgelassen habe", so Waterloo zur APA.

Steinbruch St. Margarethen für Waterloo beste Location

"Ich war stolz damals, darum bin ich auch heute stolz auf die Conchita. So sehr habe ich mich das letzte Mal gefreut, wie ich meine dritte Frau geheiratet habe. Es ist einfach schön, wenn ein Mensch etwas erreicht - egal ob Mann oder Frau, schwul oder lesbisch." Als Location für den Song Contest erwartet er zwar die Stadthalle. "Aber ich würde es am liebsten etwa im Steinbruch St. Margarethen im Burgenland sehen: Das wär ein Ambiente, wo die ganze Welt auf uns schaut."

Wursts Vorgänger als zuvor einziger österreichischer Sieger beim ESC, Udo Jürgens, der die Sangeskrone 1966 in Luxemburg mit "Merci Cherie" eroberte, wollte sich übrigens gegenüber der APA nicht zu Wurst äußern. "Er befindet sich im Ausland und wird den ESC auch nicht im TV verfolgen. Unabhängig davon möchte er sich nicht mehr zum ESC äußern. Das hat er seit 1966 bereits zur Genüge getan", beschied sein Management im Vorfeld des Triumphs der APA.

Nur FPÖ gratulierte nicht zum Sieg

Conchita Wursts Sieg beim 59. Eurovision Song Contest wird nicht zuletzt auch von der Mehrheit der österreichischen Politiker als Zeichen für Toleranz und Respekt gewertet - vom Bundespräsident abwärts. Einzig die FPÖ ließ sich nicht zu einer Gratulation an die Gewinnerin hinreißen.

So zeigte sich Bundespräsident Heinz Fischer in einem Statement gegenüber der APA erfreut über den Triumph, der weit über einen Festivalgewinn hinausgehe: "Ich gratuliere Conchita Wurst zum Sieg beim ESC. Das ist nicht nur ein Sieg für Österreich, sondern vor allem für Vielfalt und Toleranz in Europa. Dass sie ihren Sieg all jenen widmete, die an eine Zukunft in Frieden und Freiheit glauben, macht ihn doppelt wertvoll. Ein schöner Tag für Österreich!"

Auch Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) gratulierte der erfolgreichen Dragqueen: "Conchita Wurst hat mit großer Stimme und beeindruckender Performance die Zuseherinnen und Zuseher überzeugt." Es sei höchst erfreulich und ein großes Signal, dass sich die musikalische Leistung gegen Vorurteile und Intoleranz durchgesetzt habe.

BZÖ-Grosz: "Besser kann man Österreich nicht vertreten"

Vizekanzler Michael Spindelegger (ÖVP) sprach in einer Aussendung von einer großen Ehre und Auszeichnung für Österreich. "Österreich ist stolz und freut sich mit Thomas Neuwirth über die große europäische Anerkennung", meinte der Finanzminister.

"Ich freue mich auf den Song Contest 2015 in Österreich", hatte Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) schon kurz nach der Show verlauten lassen: "Der erste Platz für Österreich beim Eurovision Song Contest ist der große Sieg von Conchita Wurst, aber auch ein Sieg Europas in Toleranz und Respekt."

Für die Grünen meldete sich Parteichefin Eva Glawischnig zu Wort: "Ich gratuliere Conchita zur hervorragenden musikalischen Leistung und Performance und zum Mut, einen anderen Lebensentwurf gewählt zu haben, allen Anfeindungen zum Trotz." Österreich sei eben Heimat großer Söhne und Töchter, paraphrasierte sie die Bundeshymne.

Auch BZÖ-Chef Gerald Grosz zeigte sich von Wursts Erfolg gerührt: "Tom Neuwirth hat mit seiner Kunstfigur nicht nur ein starkes Zeichen der Toleranz gesetzt, sondern auch Österreich einen längst vergessenen Stellenwert beim Eurovision Song Contest beschert." Die Konklusio ist klar: "Besser kann man Österreich nicht vertreten."

Freiheitliche Kritik an "uniformen" englischem Gesang

Von der FPÖ indes gelangte kein Gratulationsschreiben ein. FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache hatte sich im Vorfeld kritisch geäußert, FPÖ-EU-Spitzenkandidat Harald Vilimsky ließ sich in der ORF-"Pressestunde" auch nicht zu Begeisterungsstürmen hinreißen. "Aus meiner Sicht ist das in Ordnung, wenn da jemand gewinnt und sich die Leute freuen", war noch die positivste Reaktion.

Einmal mehr kritisierte er am Sonntag, dass der ORF die Österreich-Vertreterin ohne Voting "bestimmt" und damit "das Publikum ausgeblendet" habe. Er persönlich sei eher Fan von Udo Jürgens, weil der deutsch singe. Dass die meisten Song Contest-Teilnehmer heutzutage englisch sängen, sei "so uniform".