Erstellt am 20. Januar 2016, 22:11

von APA/Red

Österreichischer Filmpreis in Grafenegg. Sechsfach nominierter Horrorfilm holte fünf Preise, darunter für den besten Film und die beste Regie - Johannes Krisch und Ulrike Beimpold als beste Hauptdarsteller ausgezeichnet.

Ulrich Seidl (Bester Spielfilm) am Mittwoch, 20. Jänner 2016, anl. der Verleihung des "österreichischen Filmpreises 2016" im niederösterreichischen Grafenegg.  |  NOEN, HERBERT NEUBAUER (APA)
Der Horrorfilm "Ich seh Ich seh" geht als großer Gewinner aus der sechsten Verleihung der Österreichischen Filmpreise hervor: Das Spielfilmdebüt von Veronika Franz und Severin Fiala konnte fünf von sechs Nominierungen in Preise ummünzen und wurde bei der Gala am Mittwochabend im Auditorium Grafenegg u.a. als bester österreichischer Film sowie für die beste Regie ausgezeichnet.

Einzig in der Drehbuchsparte war das Regieduo dem Filmemacher Christian Frosch unterlegen, der für seinen Film "Von Jetzt an kein Zurück" über deutsche Heimskandale ausgezeichnet wurde. Zum besten Dokumentarfilm wurde "Lampedusa im Winter" gekürt, bester Kurzfilm ist das Oscar-nominierte Vater-Tochter-Drama "Alles wird gut" von Patrick Vollrath. In den Darstellersparten konnten heuer gleich vier Schauspieler jubeln: Die erstmals vergebenen Preise für die besten Nebendarsteller gingen an Gerti Drassl ("Ma Folie") und Christopher Schärf ("Einer von uns"). Als beste Hauptdarsteller wurden Johannes Krisch als Jack Unterweger in "Jack" und Ulrike Beimpold als mit Gott kommunizierende Supermarktkassierin in "Superwelt" ausgezeichnet.

"Lampedusa im Winter" erntete meisten Applaus

Mit zünftiger Blasmusik als Bühnenorchester und sozialkritischen Untertönen ging die Gala im Auditorium von Grafenegg über die Bühne, wo der Filmpreis bereits das zweite Mal stattfand. Den meisten Applaus samt stehender Ovationen erntete Jakob Brossmann, mit "Lampedusa im Winter" Gewinner in der Dokumentarfilmsparte, für eine engagierte Rede gegen die aktuellen Tendenzen in der Flüchtlingspolitik.

"Die Obergrenze tötet. Sie ist der Beginn eines Dominoeffekts", warnte der Filmemacher eindringlich. Er sei froh, mit der österreichischen Filmszene Gleichgesinnte um sich zu wissen, die im Vorjahr einen großen Beitrag zur Menschlichkeit geleistet hätten. Er widme seinen Sieg allen engagierten Helfern, so Brossmann, der mit den Tränen kämpfen musste: "Es ist ein lang gehegter Traum, der viel früher in Erfüllung geht, als ich gerechnet habe."

"Die Zeit der Unschuld ist vorbei."

Auch Schauspielerin Hilde Dalik, die gemeinsam mit jugendlichen Flüchtlingen eine Theatergruppe initiiert hat, deren Mitglieder als Trophäen-Überreicher und mit einer Tanzeinlage in Aktion traten, stellte klar: "Die Zeit der Unschuld ist vorbei." Man dürfe in der Flüchtlingsdiskussion nie vergessen, dass man über Menschen spreche. Wichtig sei das Engagement jedes Einzelnen, weshalb die teils ausbleibende Solidarität erschreckend sei: "Es ist erstaunlich, welche Leere eine so sehr auf Kapitalismus aufgebaute Gesellschaft hinterlässt."

Johannes Krisch, für die Titelrolle in der Unterweger-Verfilmung "Jack" geehrt, begrüßte neben den Kollegen die "verehrten Neider". Von der Politik erwarte er, Waffenlieferungen in Krisengebiete zu unterbinden: "Bekämpfen wir die Ursache und tun uns nicht gegenseitig bauchpinseln, wer wie viele Flüchtlinge aufnimmt."

Ruf nach mehr Frauen-Power

Auch die Frage der ungenügenden Repräsentation von Frauen in der Filmindustrie wurde auf der Bühne thematisiert. "Ihr müsst schauen, dass mehr Frauen Regie machen. Und ich gebe als Tonmann nächstes Jahr gerne einen Film an eine Tonfrau ab", brachte der für "Jack" ausgezeichnete William Edouard Franck die Genderdebatte aufs Tapet.

In die gleiche Kerbe schlug Laudator David Schalko, der die männerdominierte Sparte Beste Kamera anzusagen hatte und ironisch der vorgeblichen Dominanz der Kamerafrauen ein baldiges Ende prognostizierte: "Die Kameras werden leichter. Es kommen Zeiten, in denen Männer den drehenden Kamerafrauen nicht mehr zu Hause den Rücken freihalten müssen." Josef Hader musste seinen Auftritt im Reigen der Laudatoren wegen Schneefalls am Ötscher hingegen absagen - benötigt er diese Szenen doch für einen erste eigenen Film "Die wilde Maus".

Höchst erfreut über späte Ehren war indes Ulrike Beimpold, für ihre Hauptrolle in "Superwelt" gewürdigt: "Ich bin mit 15 in diesen Beruf eingetreten, und wenn man dann bis 50 keine Auszeichnung erhalten hat, denkt man: Gut, das ist halt nicht gemacht für mich, das mit den Preisen." Aber, um ihre Großmutter zu zitieren: "Weile braucht das gute Ding. Und jetzt habe ich es, das gute Ding."

Das wird vielleicht ein Film

Severin Fiala und Veronika Franz, mit "Ich seh Ich seh" die großen Gewinner des Abends, zollten zunächst nicht zuletzt ihrem Produzenten Respekt: "Ulrich Seidl ist kein Mann von großem Lob. Das höchste, das man von ihm bekommt, ist: 'Das wird vielleicht ein Film'." Das sollte sich spätestens mit der Auszeichnung in der Königskategorie "Bester Film" am Ende des Abends aber ändern: Er sei stolz, "einen mittlerweile ganz großen Film produziert zu haben, der klein angefangen hat", sagte Seidl angesichts der mittlerweile über 20 internationalen Preise für "Ich seh Ich seh".

Der Oscar-nominierte Kurzfilmer Patrick Vollrath aus Deutschland, Absolvent der Wiener Filmakademie, freute sich über den Preis für sein Werk "Alles wird gut": "Ich trage zu jeder WM das deutsche Trikot - das wird sich auch nicht ändern." Das bedeute jedoch nicht, dass er sich Österreich nicht verbunden fühle: "Ich mag den österreichischen Film wahnsinnig gerne und fühle mich seit heute ein bisschen als Teil davon."

Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP) zeigte sich zunächst unsicher, was genau er auf der Bühne zu tun habe: "Ich mache einfach das, was meine Profession ist: Ich sage Ihnen das, was Sie gerne hören möchten." So sei die Zeit mittlerweile schnelllebig: "Wir sind gefühlloser geworden und haben den Blick für das verloren, was die jeweilige Zeit und Generation prägt." Filmemacher zwängen da ihr Publikum zum Innehalten und würden die Augen öffnen.

Leicht verzweifelt war hingegen Spiritus Rector Markus Schleinzer angesichts mancher Auf- und Abtrittspannen im steten Reigen der Präsentatoren: "Ich möchte mich bei den Theatermenschen unter Ihnen entschuldigen. Das sind Filmleute, die glauben, man kann das alles wiederholen."

Hoffnungen für das neue Jahr äußerte Akademie-Präsidentin Ursula Strauss: "Auf dass wir weiter Geschichten erzählen können - mutig und ehrlich. Miteinander und füreinander." Ihr Co-Präsident und Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky zeigte sich da mit Verweis auf Vollraths Kurzfilm "Alles wird gut" noch optimistischer: "Frei nach Patrick Vollrath: Alles wird besser."