Erstellt am 26. Juni 2014, 12:46

von APA Red

Österreichisches Deutsch wird "bundesdeutscher". Das österreichische Deutsch wird "bundesdeutscher": Vor allem das Internet und das grenzenlose Europa verändern unsere Sprache.

Auch wenn die Diskussion in Österreich traditionell von Bedrohungsszenarien dominiert werde, könne dieser Wandel und die Vielfalt des Deutschen auch als Ressource begriffen werden, erklärte der Linguist Manfred Glauninger gegenüber der APA.

Jugendliche: "Die Eins" statt der "Einser"

Mit den Veränderungen und der Zukunft der deutschen Sprache, vor allem in Österreich, befasst sich die Veranstaltung "Deutsch 3.0 - Perspektiven auf und aus Österreich" am Samstag in Wien.

"Derzeit erleben wir einen intensiven Sprachwandel - und wie immer, wenn sich etwas spürbar verändert, tritt es stärker ins Bewusstsein der Menschen", so Glauninger, der am Institut für Corpuslinguistik und Texttechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) forscht. Die derzeit wieder propagierte Abwehrhaltung gegen den Einfluss des Bundesdeutschen sei deshalb wenig überraschend.

Seit Österreich im EU-Binnenmarkt mit Deutschland nicht nur einen grenzenlosen Sprach-, sondern auch Wirtschaftsraum teile und die digitale Kommunikationsrevolution voranschreite, ändere sich auch das Deutsche in Österreichisch rascher, ist der Linguist überzeugt. Vor allem Jugendliche scheinen bundesdeutsche Ausdrücke noch stärker als früher zu verwenden - etwa "die Eins" statt des "Einsers" oder "ne" statt "eine".

Bundesdeutsch vermittelt Prestige bzw. Modernität

Denn obwohl das Bundesdeutsche in Österreich manchmal als unsympathisch wahrgenommen werde, schwinge dennoch seit jeher gewisses Prestige bzw. Modernität mit. Die Diskussion um die "Bedrohung" des österreichischen Deutsch beruht laut Glauninger aber vor allem auf der Funktion von Sprache als soziales Symbol. Denn es gehe nicht nur um Basiskommunikation und begriffliches Denken, sondern vor allem auch um Identität: Sprache transportiere immer auch Assoziationen und Emotionen bzw. Klischees und Stereotype.

"Vom Verstehen her macht es keinen Unterschied, ob ich Topfen oder Quark sage - aber soziosymbolisch kann es von großer Bedeutung sein", meinte Glauninger.

Besonders gut lasse sich das in der Werbung beobachten: Während für Kosmetikprodukte oft mit französischem Akzent geworben werde, den man mit positiven Frankreichklischees wie Mode und Erotik assoziiere, greife man bei Technikprodukten oder Autos eher auf das klischeehaft mit Sorgfalt und Know-how verbundene Bundesdeutsche zurück. Bei Bioprodukten werde dagegen häufig österreichischer Dialekt eingesetzt, um Regionalität, Natürlichkeit und Authentizität zu vermitteln.

Österreichisches Deutsch: Transformation, kein Verschwinden

Um das österreichische Deutsch fürchtet Glauninger trotz dieser Entwicklungen nicht, ganz im Gegenteil: "Es handelt sich um eine Transformation, nicht um ein Verschwinden. Die Präsenz des Bundesdeutschen wird in Österreich weiter zunehmen. Gerade deshalb wird sprachlich charakteristisches Österreichisch soziosymbolisch noch wichtiger."

Diese veränderte Funktion zeige sich etwa, wenn Vereine zur Sprachbewahrung gegründet oder Patenschaften für "bedrohte" Wörter wie "Paradeiser" oder "Erdapfl" vergeben werden.

Die vielen Varietäten des Deutschen - z. B. bundesdeutsch und österreichisches Hochdeutsch oder Dialekt - will der Sprachwissenschafter daher lieber als Ressource begreifen: "Innere Mehrsprachigkeit - also mehrere Varietäten einer Sprache zu beherrschen und sie gezielt einzusetzen - ist eine Bereicherung", so Glauninger.

Verschiedene Perspektiven soll neben den Vorträgen der Konferenz auch eine Podiumsdiskussion in der Wiener Urania am Abend bringen. Hier tauschen sich unter anderem die Schriftstellerin Vea Kaiser, der Kabarettist Lukas Resetarits und die Journalistin Rosa Schmidt-Vierthaler mit Experten zur Position und Zukunft der österreichischen Sprache aus.