Erstellt am 08. Januar 2015, 11:57

Paris-Attentäter in Nordfrankreich aufgespürt. Am Tag nach dem Attentat auf die Satire-Zeitung "Charlie Hebdo" ist die französische Polizei den beiden Hauptverdächtigen auf der Spur.

Die mutmaßlichen Täter sind in Nordfrankreich im Departement Aisne gesichtet worden. Sie seien bewaffnet und mit einem grauen Renault Clio unterwegs, hieß es. Bei einer Schießerei im Süden von Paris wurde indes Donnerstagfrüh eine Polizistin getötet.

Der Betreiber einer Tankstelle in der Nähe der Gemeinde Villers-Cotteret hat laut Ermittllern die Gesuchten eindeutig erkannt. "Die beiden Männer sind vermummt, mit Kalaschnikow und anscheinend mit Raketenwerfern" ausgerüstet, hieß es.

Bereits am späten Mittwochabend hatte sich der jüngste der drei Tatverdächtigen den Behörden gestellt. Laut Ermittlern ging der 18-Jährige auf die Polizeistation in der nordöstlichen Stadt Charleville-Mezieres nahe der Grenze zu Belgien. Er wurde dort festgenommen und kam in Polizeigewahrsam. Offenbar ging er freiwillig zur Polizei, nachdem sein Name in sozialen Netzwerken im Internet zirkulierte. Der Jugendliche soll den beiden Attentätern bei dem Anschlag in Paris mit zwölf Toten am Mittwochvormittag geholfen haben.

Zwölf Menschen getötet

Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve verkündete am Donnerstag sieben Festnahmen im Zuge der Fahndung nach den Tätern des tödlichen Anschlags. Bei der Bluttat waren zwölf Menschen ums Leben gekommen, darunter "Charlie Hebdo"-Redaktionsleiter Charb alias Stephane Charbonnier, sieben weitere Redakteure und Karikaturisten sowie zwei Polizisten. Elf Menschen erlitten teils schwere Verletzungen.

Die Attentäter dürften auf ihrer Flucht einen schweren Fehler gemacht und die Polizei auf ihre Spur gebracht haben. Wie die französische Zeitschrift "Le Point" schreibt, hätten die Terroristen einen Personalausweis in ihrem Fluchtfahrzeug vergessen, als sie am Rande der Hauptstadt das Auto wechselten. Die beiden verdächtigen Brüder Said (34) und Cherif K. (32), die polizeibekannt sind, waren am Donnerstag weiter auf der Flucht.

Die beiden Tatverdächtigen wurden nach Angaben von Innenminister Cazeneuve überwacht. Dabei habe es allerdings keinerlei Hinweise auf einen bevorstehenden Terrorakt gegeben, gegen die Männer habe es auch kein juristisches Verfahren gegeben, sagte Cazeneuve am Donnerstag dem Sender Europe 1.

Tote Polizistin bei neuerlicher Schießerei

Unterdessen wurde bei einer Schießerei im Süden von Paris am Donnerstagmorgen eine Polizistin getötet. Ein Mann mit einer schusssicheren Weste eröffnete einen Tag nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" mit einem Maschinengewehr das Feuer auf Polizisten, die zu einem Unfall gerufen worden waren, teilte die Polizei mit. Eine Polizistin und ein weiterer Beamter seien lebensgefährlich verletzt worden, hieß es am Donnerstag. Die Polizistin erlag wenig später ihren Verletzungen. Der Angreifer ist noch auf der Flucht. Aus Polizeikreisen hatte es zuvor geheißen, ein Verdächtiger im Alter von 52 Jahren sei festgenommen worden.

Der Hintergrund der Schießerei war zunächst unklar, doch verließ Innenminister Bernard Cazeneuve überstürzt eine Krisensitzung im Elysee-Palast zum Anschlag auf "Charlie Hebdo". Aus Ermittlerkreisen hieß es, es gebe derzeit keinen "eindeutigen Zusammenhang" mit der Attacke auf "Charlie Hebdo" am Mittwoch.

Das Attentat auf das Satiremagazin ist der schwerste Terroranschlag in Frankreich seit Jahrzehnten. Mindestens zwei Bewaffnete hatten am Mittwochvormittag die Redaktionsräume des Blattes "Charlie Hebdo" in Paris gestürmt und geschossen. Die verdächtigen Brüder sollen aus Paris sein, die französische Staatsbürgerschaft haben und arabische Namen tragen. Sie hatten nach der Tat gerufen, sie hätten den Propheten Mohammed gerächt. Weltweit wurde mit Entsetzen auf die Attacke reagiert.

Medienhäuser wollen helfen

Große französische Medienhäuser haben "Charlie Hebdo" nach dem schweren Schlag Hilfe zugesagt. Der staatliche Hörfunk und das Fernsehen sowie die Tageszeitung "Le Monde" erklärten am späten Mittwochabend, sie wollten dem Magazin das notwendige Personal und Sachmittel zur Verfügung stellen. Die Mitteilung trägt die Überschrift: "Damit Charlie lebt." Die Direktoren von Radio France, France Televisions und "Le Monde" riefen alle anderen französischen Medien auf, die Presse- und Meinungsfreiheit hochzuhalten.

In Frankreich gingen über 100.000 Menschen auf die Straße, um sich mit "Charlie Hebdo" zu solidarisieren und zu trauern. Bei einer Demonstration auf der Place de la Republique unweit des Tatorts im eher bürgerlichen elften Pariser Arrondissement skandierten die Menschen "We are not afraid" (Wir haben keine Angst.). Auch in anderen französischen und europäischen Städten, darunter Wien, aber auch in den USA und Kanada solidarisierten sich die Menschen mit "Charlie Hebdo".

"Charlie Hebdo" war mehrfach wegen Mohammed-Karikaturen unter Beschuss geraten und angefeindet worden. Bereits im November 2011 waren nach der Veröffentlichung einer "Scharia"-Sonderausgabe mit einem "Chefredakteur Mohammed" die Redaktionsräume in Flammen aufgegangen.

Arzt Gerald Kierzek, der Verletzte nach dem Attentat behandelte, sagte auf CNN, die Angreifer hätten die Anwesenden in der "Charlie-Hebdo"-Redaktion zunächst nach ihren Namen gefragt und Männer von Frauen geschieden, bevor sie das Feuer eröffneten. Der Anschlag sei weniger ein wahlloses Um-Sich-Schießen gewesen denn eine Exekution, sagte Kierzek.

Frankreichs Regierungschef Manuel Valls warnte nach dem Terroranschlag vor Intoleranz, Hass und Angst. Das Attentat sei abscheulich, und es müssten daraus natürlich alle Konsequenzen gezogen werden, sagte Valls am Donnerstag dem Sender RTL. "Nein, Frankreich, das ist nicht die Unterwerfung, Frankreich, das ist nicht Michel Houellebecq", fügte er an. Houellebecqs islamkritischer Roman "Soumission" (Unterwerfung) beschreibt das Leben in Frankreich unter einem muslimischen Präsidenten. Der Anschlag auf "Charlie Hebdo" wurde am Mittwoch am Tag des Erscheinens des Buches verübt.