Erstellt am 11. Januar 2015, 09:54

von APA Red

Paris: Hunderttausende zu Gedenkmarsch erwartet. Nach den islamistischen Anschlägen im Großraum Paris mit insgesamt 17 Todesopfern werden in der französischen Hauptstadt am Sonntag Hunderttausende Menschen zu einem Gedenk- und Trauermarsch erwartet.

Auch fast 50 Staats- und Regierungschefs wollen an der Massenkundgebung teilnehmen. Inzwischen wurde bekannt, dass die Freundin eines mutmaßlichen Attentäters vermutlich nach Syrien gereist ist.

"Herausforderung, die die Terroristen für uns bedeuten"

Bereits am Vormittag wollen die Innenminister mehrerer EU-Staaten sowie US-Justizminister Eric Holder in Paris über den Kampf gegen den Terrorismus beraten. Zu dem "Austausch über die gemeinsame Herausforderung, die die Terroristen für uns bedeuten", lud Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve ein. Unter anderem wird Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) erwartet.

Für den Nachmittag ist dann die zentrale Gedenkkundgebung namens "Republikanischer Marsch" geplant. Dazu werden unter anderem Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu und der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas sowie die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet. US-Präsident Barack Obama reist nach Angaben aus Regierungskreisen jedoch nicht nach Paris.

Für Österreich nehmen neben Mikl-Leitner, Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ) und Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) an dem Marsch teil. Auch die Muslimische Jugend (MJÖ) kommt nach Paris. Rund 60 Jugendlichen aus Österreich reisen in die französische Hauptstadt.

Bundespräsident Heinz Fischer und Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) sowie Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) werden unterdessen am Nachmittag am Ballhausplatz in Wien gemeinsam mit Vertretern sämtlicher Religionsgemeinschaften und der Parteien der Opfer der Anschläge gedenken.

2.200 Einsatzkräfte sollen den Marsch absichern

Bereits am Samstag demonstrierten in Frankreich nach offiziellen Angaben landesweit mehr als 700.000 Menschen gegen Extremismus. Die Teilnehmer der spontanen Kundgebungen in zahlreichen französischen Städten hielten Stifte, Titelseiten der Satirezeitung "Charlie Hebdo" oder Schilder mit der Aufschrift "Keine Angst" hoch.

Nach einem Krisentreffen im Elysee-Palast verkündete Cazeneuve, die höchste Sicherheitsstufe des Antiterrorplans Vigipirate werde im Großraum Paris beibehalten. Am Sonntag sollen nach Regierungsangaben etwa 2.200 Einsatzkräfte den Marsch in Paris absichern. Zusätzlich sollen demnach 2.000 Polizisten und 1.350 Soldaten im Großraum Paris im Einsatz sein.

Die rechtsextreme Partei Front National (FN), über deren Teilnahme an der Demonstration heftig gestritten worden war, rief zu separaten Kundgebungen auf. FN-Chefin Marine Le Pen forderte ihre Anhänger auf, aus Protest gegen die etablierten Parteien nicht in Paris, sondern in der Provinz auf die Straße zu gehen.

Am Mittwoch hatten zwei Attentäter einen Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" in Paris verübt. Die Brüder Cherif und Said Kouachi töteten zwölf Menschen. Zudem tötete der Islamist Amedy Coulibaly später fünf weitere Menschen, unter anderem in einem jüdischen Supermarkt. Die drei Männer wurden am Freitag erschossen.

Mutter und Schwestern verurteilten Anschläge

Die Polizei fahndete weiter unter Hochdruck nach Coulibalys Lebensgefährtin Hayat Boumeddiene. Nach Angaben aus türkischen Sicherheitskreisen reiste sie allerdings schon am 2. Jänner in die Türkei ein. Die 26-Jährige hält sich demnach "wahrscheinlich" inzwischen in Syrien auf.

Coulibalys Mutter und zwei Schwestern verurteilten die Anschläge. "Wir teilen diese extremen Ideen überhaupt nicht und hoffen, dass es keine Vermischung zwischen diesen abscheulichen Taten und der muslimischen Religion gibt", erklärten sie und riefen dazu auf, "einig und solidarisch" die Familien der Opfer zu unterstützen.

Netanyahu forderte die Juden in Frankreich und ganz Europa am Samstag auf, nach Israel zu kommen. "Israel ist nicht nur der Ort, wohin ihr Euch beim Gebet wendet, der Staat Israel ist Eure Heimstatt", sagte er in einer Fernsehansprache, in der er auch die Namen der vier männlichen jüdischen Todesopfer des Anschlags auf den Supermarkt nannte.

Mindestens eines der vier jüdischen Opfer des Anschlags auf den koscheren Supermarkt in Paris soll am Dienstag in Jerusalem beigesetzt werden. Der Vater von Yoav Hattab (21) habe dies im Gespräch mit Netanyahu bestätigt, berichtete der israelische Rundfunk am Sonntag.

Auftakt einer europaweiten Anschlagswelle?

Der französische Premierminister Manuel Valls stärkte den Juden in Frankreich den Rücken. "Frankreich ohne Juden ist nicht mehr Frankreich", sagte er bei einem Treffen des Rats jüdischer Institutionen in Frankreich. Zugleich räumte er ein, dass die Juden in Frankreich seit vielen Jahren "Angst" hätten.

Der Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) drohte nach Angaben von US-Experten mit neuen Attentaten. "Ihr werdet nicht mit Sicherheit gesegnet sein, so lange ihr Allah, seinen Verkünder und die Gläubigen bekämpft", sagte der AQAP-Vertreter Harith bin Ghazi al-Nadhari in einem Video.

Nach US-Informationen sind die Attentate in Frankreich laut einem Medienbericht möglicherweise der Auftakt einer europaweiten Anschlagswelle.

Wie die deutsche Zeitung "Bild am Sonntag" unter Berufung auf US-Geheimdienstkreise berichtet, gelang es den Abhörspezialisten des Geheimdienstes National Security Agency (NSA) kurz nach den Anschlägen von Paris, Kommunikationsverkehr der Führung der Jihadistenmiliz IS abzufangen. In den abgehörten Gesprächen sollen die IS-Anführer eine europaweite Terrorwelle angekündigt haben.