Erstellt am 11. November 2015, 15:44

Politik gedenkt Helmut Schmidt. Mit Blumen, Plakaten und Mentholzigaretten: Zahlreiche Menschen gedenken im Hamburger Rathaus dem deutschen Altkanzler Helmut Schmidt (1974-82).

 |  NOEN, APA (dpa)

Die Politik verneigt sich vor einem großen Staatsmann. Auch Bundespräsident Joachim Gauck und Kanzlerin Angela Merkel trugen sich am Mittwoch im Kanzleramt in ein Kondolenzbuch ein.

Die Sitzung des deutschen Bundeskabinetts begann mit einer Schweigeminute. Gauck ordnete einen Staatsakt zum Gedenken an den Altkanzler an, der am gestrigen Dienstag im Alter von 96 Jahren gestorben war. Ein Termin dafür stand zunächst noch nicht fest. Nach einem Bericht der Zeitung "Die Welt" soll Schmidt in zwei bis drei Wochen bei einem Staatsakt in seiner Heimatstadt Hamburg gewürdigt werden.

Die US-Regierung würdigte den Altkanzler als Leitfigur in einer zentralen Epoche der deutschen Geschichte. "Er war eine feste, sichere Stimme in einer Zeit der Ungewissheit", teilte das Weiße Haus mit. "Seine Arbeit half, unsere gemeinsame Vision vom Bau eines friedlichen und demokratischen Europas voranzutreiben."

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte Schmidt bereits am Dienstag als "herausragende Persönlichkeit Nachkriegsdeutschlands für die europäische und globale Politik" gewürdigt. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker nannte Schmidt einen "Freund, der mir, ebenso wie Europa, fehlen wird". Frankreichs Präsident Francois Hollande sprach von dem Sozialdemokraten (SPD) als "großen Europäer".

Vor dem Hamburger Rathaus standen am Mittwoch in der Früh Hunderte Bürger im Nieselregen Schlange, um sich in ein Kondolenzbuch einzutragen. Vor dem Wohnhaus Schmidts legten zahlreiche Menschen Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Schmidts Leichnam wurde am Vormittag aus dem Haus in Hamburg-Langenhorn gebracht. Als der Leichenwagen das Grundstück verließ, salutierten Polizeibeamte. Schmidt war am Dienstag im Alter von 96 Jahren im Kreis seiner Familie gestorben.

Gauck trug sich im Kanzleramt als erstes in das Kondolenzbuch ein. "Dank dem Staatsmann, der seinem, unserem Land mit Weitsicht, Entschlossenheit und der Leidenschaft zur Vernunft diente. Dank dem Bürger, der uns vorlebte, dass Verantwortung der Lebensatem der Demokratie ist", schrieb er nach Angaben des Bundespräsidialamtes.

Merkel äußerte sich "in tiefer Trauer und Respekt vor einem großen Staatsmann". Wie Regierungssprecher Steffen Seibert mitteilte, liegt das Kondolenzbuch bis Mittwoch nächster Woche in der Regierungszentrale aus. Auch im Willy-Brandt-Haus der SPD in Berlin gibt es ein Kondolenzbuch zu Ehren des weltweit geachteten Sozialdemokraten.

In Hamburg waren vor dem Rathaus Plakate angebracht, auf denen es unter anderem hieß: "Mach's gut, Helmut. Und grüß Loki." Loki ist Schmidts 2010 gestorbene Ehefrau. Auch ein Päckchen Mentholzigaretten für den starken Raucher Schmidt wurde neben Blumen und Kerzen abgelegt.

Laut Ex-Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) war der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) ein "überaus moderner Politiker". Schmidt sei der Ansicht gewesen, dass "dieser kleine Kontinent Europa" nicht ohne großes internationales Interesse und ohne internationale Verbindungen zurande komme, sagte Vranitzky in der ZiB-24 vom Dienstag zur Begründung seines Urteils.

Der deutsche Politiker habe damit "dieser Kleinstaaterei, dieser Nationalstaaterei, diesem unsinnigen 'small is beautiful'" eine Absage erteilt. Schmidt habe die Position vertreten, dass sich Europa öffnen und alles in Hinblick auf Innovation und Modernisierung tun müsse, um im internationalen Wettstreit erfolgreich zu bleiben.

Zu den unvergesslichen Erlebnissen mit Schmidt zähle Vranitzky "viele kleinere und größere". Bei einem Wien-Besuch habe Vranitzky dem deutschen Altkanzler den damaligen Minister für Wissenschaft und Zukunft vorgestellt. "Wissenschaft und Zukunft, das ist ein Widerspruch", habe Schmidt daraufhin gesagt. Der deutsche Altkanzler sei zudem "natürlich" damit aufgefallen, dass er eine Zigarette geraucht habe - "ganz gleichgültig in welchen Lebensumständen" oder "ob es verboten oder erlaubt" gewesen sei.

Zudem sei Schmidt nicht arrogant, aber selbstbewusst genug gewesen sei, um zu seinen Positionen zu stehen. Dass er sich auch über Schmidt ärgern musste, gab Vranitzky aber auch zu. "Er hat ein Buch geschrieben über die Nachbarn Deutschlands und in dem Buch kommt Österreich nicht vor. (...) Das war natürlich schon nicht so sympathisch", sagte Vranitzky.

Präsident Heinz Fischer betonte in einer Aussendung am Dienstag: "Seine Stimme hatte im In- und Ausland Gewicht, ein großer Staatsmann ist von uns gegangen." Schmidt sei "in schweren Stunden entscheidungsfreudig" gewesen, so Fischer, "und seine Handlungen waren von großem Verantwortungsbewusstsein und moralischen Kategorien geprägt."