Erstellt am 15. November 2015, 10:38

Polizei vermutet nach Paris-Anschlägen flüchtige Attentäter. Nach der schlimmsten Anschlagsserie in der Geschichte Frankreichs könnte mindestens einem Terrorkommando zunächst die Flucht gelungen sein. Ermittler stellten am Sonntag in der Früh ein Auto östlich von Paris sicher. Nach Einschätzung der Polizei bedeutet das, dass eines der drei Terrorkommandos fliehen konnte, wie der Sender Europe 1 berichtete.

Falscher Alarm auf dem Place de la Republique  |  NOEN, APA (AFP)

Der sichergestellte schwarze Seat soll laut Ermittlern von jenen Terroristen benutzt worden sein, die vor mehreren Cafes und Restaurants im Zentrum von Paris wahllos Menschen erschossen. Unklar blieb, ob der oder die Täter weiter auf der Flucht sind, oder bereits am Samstag in Belgien gefasst wurden.

Die Massaker mit 129 Todesopfern und mehr als 350 Verletzten vom Freitagabend waren nach ersten Ermittlungen eine minutiös koordinierte Kommandoaktion von Anhängern der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Sie wurde von einer noch unbekannten Zahl islamistischer Attentäter verübt. Die drei Terrorkommandos schlugen an sechs Orten in der französischen Hauptstadt nahezu gleichzeitig zu, schossen auf Menschen in Cafes und Restaurants, in der Konzerthalle "Bataclan" und sprengten sich während des Länderspiels Frankreich gegen Deutschland in der Nähe des Stadions in die Luft. Ein Terrorist wurde von der Polizei erschossen, die anderen zündeten ihre Sprengstoffgürtel. Zunächst war von acht getöteten Attentätern die Rede gewesen.

Ermittler nahmen weitere Angehörige der getöteten Selbstmordattentäter aus dem Konzertsaal "Bataclan" in Polizeigewahrsam, wie der französische Fernsehsender BFMTV am Sonntag berichtete. Dort hatten die Angreifer während eines Konzerts mindestens 80 Menschen getötet.

Womöglich wollten die Attentäter sogar ein noch größeres Blutbad anrichten. Nach einem Bericht des "Wall Street Journal" könnte ein Anschlag direkt in dem mit knapp 80.000 Fans besetzten Stadion geplant gewesen sein, in dem die deutsche Fußballnationalmannschaft gegen Frankreich spielte. Die Attentäter zündeten während des Spiels mehrere Sprengsätze in der Nähe des Stade de France, einer hatte vergeblich versucht, ins Stadion zu gelangen.

Frankreichs Präsident François Hollande sprach von einem "Kriegsakt" des IS und kündigte "angemessene Entscheidungen" an. Premierminister Manuel Valls sagte am Samstagabend dem Sender TF1: "Ja, wir sind im Krieg." Frankreich werde handeln, um diesen Feind zu zerstören. "Wir ergreifen daher außergewöhnliche Maßnahmen. Und diesen Krieg werden wir gewinnen", schrieb Valls auf Twitter.

Im Internet war eine zunächst nicht verifizierbare Erklärung aufgetaucht, in der sich der IS zu den Anschlägen bekennt. Darin hieß es: "Eine treue Gruppe der Armee des Kalifats (...) griff die Hauptstadt der Unzucht und Laster an." Frankreich wird außerdem angedroht: "Dieser Überfall ist nur der erste Tropfen Regen und eine Warnung."

Der Pariser Staatsanwalt François Molins sagte, die Terroristen hätten bei ihren Taten Syrien und Irak erwähnt und seien in getrennten Kommandos vorgegangen. "Wahrscheinlich sind es drei koordinierte Teams von Terroristen, auf die diese Barbareien zurückgehen." Die Attentäter benutzten Sturmgewehre des Typs Kalaschnikow. Außerdem hätten sie die absolut gleiche Art von Sprengstoffwesten getragen, sagte Molins - "darauf ausgelegt, ein Maximum an Opfern zu erzeugen durch den eigenen Tod".

Im Irak und in Syrien beherrscht der IS große Gebiete. Frankreich fliegt Angriffe gegen Stellungen der Extremisten. Das Weiße Haus teilte mit, Sicherheitsberater von Präsident Barack Obama sähen nichts, was der französischen Einschätzung widersprechen würde, dass der IS für die Terrorserie verantwortlich sei.

In Belgien wurden bei einer Razzia der Polizei im Brüsseler Einwanderer-Stadtteil Molenbeek mehrere Menschen festgenommen. Einer soll am Freitagabend in der französischen Hauptstadt gewesen sein. Details nannte die Staatsanwaltschaft nicht. Die Pariser Behörden hätten in vier konkreten Fällen um Amtshilfe gebeten. Unter anderem sei es dabei um Informationen zu einem in Belgien angemeldeten Mietwagen gegangen, der in der Nähe des Pariser "Bataclan" gefunden wurde.