Erstellt am 01. September 2015, 18:08

Polizei vertrieb Flüchtlinge aus dem Budapester Ostbahnhof. Angesichts der chaotischen Zustände hat die ungarische Polizei am Dienstagvormittag den Budapester Ostbahnhof vorübergehend geschlossen und das Gebäude geräumt.

Der Zugverkehr wurde auf unbestimmte Zeit eingestellt  |  NOEN, APA (epa)

Flüchtlinge wurden laut Berichten im Anschluss daran gehindert, den Bahnhof wieder zu betreten. Vorerst verkehren nur Inlandszüge. Aus Protest planen die wartenden Migranten einen Hungerstreik.

In den Morgenstunden war die ungarische Polizei wieder auf dem Ostbahnhof erschienen und hatte angefangen, die Platzkarten der Reisenden beim Zusteigen in die Züge zu kontrollieren, umso eine Überfüllung wie am Vortag zu vermeiden. Auf den Bahnsteigen herrschten chaotische Zustände, Tausende Flüchtlinge versuchten die Züge in Richtung Westen zu besteigen.

Um 9:00 Uhr wurden alle Reisenden dann jedoch per Lautsprecher und in mehreren Sprachen aufgefordert, den Bahnhof zu verlassen. Die Räumung des Bahnhofs erfolgte, während rund 500 Migranten versuchten, in einen Zug nach Wien zu gelangen. Einige Flüchtlinge begannen zu schreien, als sie nach draußen gedrängt wurden, leisteten aber keinen Widerstand. "Germany! Germany!", rief die Menge aus vorwiegend jungen Männern vor dem Bahnhof. "Wir wollen weg!" und "Merkel!", forderten sie.

Nur eine Stunde später wurde der Bahnhof wieder geöffnet, den Flüchtlingen jedoch weiter der Zutritt verweigert. Zu Mittag waren die Eingänge weiterhin versperrt, Hunderte Flüchtlinge warteten vor dem Gebäude friedlich auf Einlass, berichtete eine APA-Reporterin vor Ort. Wie lange die Migranten noch ausgesperrt bleiben, war unklar. Den Bahnhof verließen vorerst allerdings nur Inlandszüge, teilte die ungarische Bahngesellschaft MAV mit.

Aus Protest gegen die Verbannung aus dem Ostbahnhof wollen Tausende Flüchtlinge nun in den Hungerstreik treten. Mehr als 1.500 von ihnen halten sich aktuell in der sogenannten "Transitzone" außerhalb des Bahnhofsgebäudes auf, sagte die Flüchtlingshelferin Andrea Horvath von Migration Aid am Dienstag. Nun fürchtet die freiwillige Helferin, es könnte zu Konflikten zwischen den Flüchtlingen kommen, wenn ein Teil in den Hungerstreik trete, während sich andere weiterhin um Essen anstellen.

Am Montag hatte die ungarische Polizei überraschend auf die Kontrollen verzichtet und damit Tausenden Flüchtlingen ermöglicht, in Züge Richtung Österreich und Deutschland zu gelangen. Der Zustrom weiterer Flüchtlinge zum Ostbahnhof der ungarischen Hauptstadt riss auch am Dienstag nicht ab, wie Kati Bukucs, eine der freiwilligen Flüchtlingshelferinnen, erklärte.

Ungarn wird Außenminister Peter Szijjarto zufolge alle Asylbewerber in ihre Heimat zurückschicken, die aus wirtschaftlichen Gründen ins Land gekommen sind. "Diese Last können wir nicht stemmen", sagt er am Dienstag. Szijjarto sprach sich zudem gegen ein EU-Quotensystem für Flüchtlinge aus.

Ungarn hat am Dienstag den österreichischen Botschafter in Budapest, Ralph Scheide, ins Außenministerium zitiert. Grund waren Aussagen von Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) im ORF-"Sommergespräch" am Montagabend. Faymann hatte dort den ungarischen Stacheldrahtzaun an der Grenze zu Serbien ebenso heftig kritisiert, wie den Umgang des Landes mit der Dublin-Verordnung.

Es sei falsch zu glauben, dass man die Problematik so lösen könnte, hatte Faymann in Bezug auf die umstrittene, 175 Kilometer lange Grenzbarriere erklärt: "Da wissen wir, dass Schlepper Möglichkeiten des Ausweichens haben. Daher ist nur eine politische Lösung möglich."

Zudem hatte der Bundeskanzler suggeriert, Ungarn halte sich nicht an die Dublin III-Richtlinie, wonach jener Staat für das Asylverfahren zuständig ist, wo Schutzsuchende erstmals EU-Boden betreten haben. "Dann ist vorgesehen, dass dort das Verfahren abzuwickeln ist, das ist sehr lückenhaft. Einige machen das zu wenig."

Szijjarto zeigte sich am Dienstag "enttäuscht" von den Aussagen Faymanns. Er erwarte sich vom Regierungschef eines Nachbarlandes, erst dann Kommentare abzugeben, wenn dieser die Fakten vollständig verstanden habe und nicht, Unwahrheiten zu verbreiten, zitierte die ungarische Agentur MTI Szijjarto. Zudem könnten Faymanns Aussagen zu "gefährlichen Spannungen" führen.

Den Vorwurf, Ungarn würde Migranten einfach durchreisen lassen, wies der Außenminister zurück. Der Schengen-Grenzkodex lege klar fest, dass es Aufgabe der Mitgliedsstaaten sei, ihre Außengrenzen zu schützen, sagte Szijjarto. Ungarn werde sich daran halten, auch wenn es dafür kritisiert werde, fügte er hinzu.

In Tschechien sind unterdessen in der Nacht auf Dienstag und am frühen Morgen mehr als 200 Flüchtlinge aufgegriffen worden, die in Zügen aus Österreich und Ungarn nach Deutschland gelangen wollten. Darunter seien auch 61 Kinder gewesen, sagte eine Polizeisprecherin. Die Migranten seien vorübergehend in Turnhallen der Städte Breclav und Hodonin untergekommen, bevor sie in Erstaufnahmelager gebracht werden. Die weit überwiegende Zahl der Flüchtlinge stammte aus Syrien.

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban hat unterdessen ein Krisen-Treffen mit den EU-Spitzen angekündigt, um über das Thema Flüchtlinge zu beraten. Er werde am Donnerstag mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, EU-Ratspräsident Donald Tusk und EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz beraten, heißt es auf der Regierungs-Webseite. Die EU-Kommission bestätigt ein Treffen Junckers mit Orban.