Erstellt am 01. März 2015, 18:39

von APA/Red

Zehntausende beim Trauermarsch für Nemzow. Zehntausende Menschen haben am Sonntag mit einem Trauermarsch in Moskau an den ermordeten Kreml-Kritiker Boris Nemzow erinnert.

An der Spitze des Gedenkzuges trugen die Demonstranten ein Banner mit der Aufschrift "Helden sterben nie - diese Kugeln gelten uns allen". Die Ermordung des prominenten Dissidenten am Freitag auf einer Brücke in Sichtweite des Kreml hatte weltweit Bestürzung ausgelöst.

Mitorganisator Alexander Riklin schätzte die Zahl der Teilnehmer in Moskau auf mehr als 70.000, die Polizei sprach von mehr als 16.000 Demonstranten. Auf Plakaten waren Slogans wie "Er starb für die Zukunft Russlands" oder "Er kämpfte für ein freies Russland" zu lesen. Der Marsch führte unterhalb des Kreml über die Brücke über die Moskwa, auf der Nemzow am Freitag kurz vor Mitternacht von mehreren Kugeln in den Rücken getroffen worden war.

Auf Transparenten waren Slogans wie "Er starb für die Zukunft Russlands" oder "Er kämpfte für ein freies Russland" zu lesen. Menschen jeden Alters, viele von ihnen mit Rosen und Nelken in den Händen, kamen im Gedenken an den Ex-Vizeregierungschef in das Stadtzentrum - bewacht von einem Großaufgebot an Sicherheitskräften. Auf Plakaten waren auch Aufschriften zu sehen wie "Ich fürchte mich nicht", aber auch "Ich fürchte mich - wer ist der Nächste?".

Großkundgebung gegen Putins Ukraine-Politik abgesagt

Auch in der zweitgrößten Stadt St. Petersburg versammelten sich Tausende Demonstranten im Gedenken an Nemzow. Einige von ihnen waren in ukrainische Fahnen gewickelt. "Ich trage die ukrainische Flagge, weil Nemzow für ein Ende des Kriegs in der Ukraine gekämpft hat. Sie haben ihn dafür getötet", sagte ein Demonstrant. Ursprünglich hatte die Opposition für Sonntag eine Großkundgebung gegen die Ukraine-Politik von Präsident Wladimir Putin geplant, diese wurde nach der Ermordung Nemzows abgesagt. Der 55-Jährige hatte wenige Stunden vor dem Attentat in einem Radiointerview zur Teilnahme an der Kundgebung aufgerufen. Zudem warf er Putin erneut eine "unsinnige Aggression gegen die Ukraine" vor und forderte den Rücktritt des Präsidenten.

Nemzow, der unter Präsident Boris Jelzin in den 90er-Jahren als Vize-Ministerpräsident diente, soll überdies an einem Bericht über die Beteiligung Russlands am Ukraine-Konflikt gearbeitet haben. Die Ermittler sehen in Nemzows Kritik an der russischen Ukraine-Politik ein mögliches Tatmotiv. Aus Polizeikreisen verlautete, eine Spur führe ins rechtsextreme Milieu. Weggefährten Nemzows warfen der Regierung vor, Stimmung gegen prowestliche Oppositionelle zu machen.

Der Kreml bezeichnete die Tat als eine gegen die Regierung gerichtete "Provokation". Das Ermittlungskomitee nannte den Mord einen "Versuch zur Destabilisierung der politischen Lage im Land". Putin versicherte in einem Brief an Nemzows Mutter, es werde alles getan, um "die Organisatoren und Täter dieses hinterhältigen und zynischen Mordes" zu bestrafen.

Hunderte Menschen gedachten in den Provinzstädten

Auch in Provinzstädten wie Jekaterinburg im Ural oder Tomsk in Sibirien versammelten sich am Sonntag Hunderte Menschen im Gedenken an den Putin-Gegner. Bereits am Samstag hatten Tausende Menschen am Tatort in Moskau zum Gedenken an Nemzow Blumen abgelegt und Kerzen entzündet.

Der Moskauer Fernsehsender TWZ veröffentlichte indes ein Überwachungsvideo vom Ort und von der Zeit der Tat. In der Aufnahme ist nach Darstellung des Senders zu sehen, wie sich Nemzow mit seiner Begleiterin am Freitag gegen 23.30 Uhr (21.30 Uhr MEZ) auf der Großen Moskwa-Brücke in Kreml-Nähe bewegt und von einem Mann verfolgt wird.

Eine Kehrmaschine verdeckt dann die Sicht auf das Paar und den Mann. Wenig später ist zu sehen, wie der mutmaßliche Täter auf die Straße läuft und in ein Auto einsteigt und flüchtet. Etwa zehn Minuten danach trifft die Polizei ein. Der frühere Vize-Regierungschef wurde nach Angaben von Ermittlern mit vier tödlichen Schüssen in den Rücken getroffen. Die Begleiterin des 55-Jährigen bleib unverletzt. Die russische Ermittlungsbehörde setzte drei Millionen Rubel (43.478,26 Euro) Belohnung für Hinweise auf den Täter aus.

Kerry drängt auf Untersuchung des Verbrechens

International löste der Mord Bestürzung aus. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte ebenso wie UN-Generalsekretär Ban Ki-moon eine schnelle Aufklärung des Verbrechens. US-Außenminister John Kerry drängt unterdessen auf eine "gründliche und transparente" Untersuchung des Verbrechens. Dabei gehe es nicht nur darum, "wer die Schüsse abgefeuert hat", sagte Kerry am Sonntag in einem Interview des TV-Senders ABC. Es müsse auch herausgefunden werden, ob jemand den Mord "angeordnet hat und wer hinter dieser Tat steckt". 

Der ukrainische Abgeordnete Alexej Gontscharenko teilte mit, er sei kurz vor Beginn des Marsches in Moskau festgenommen worden, weil er ein T-Shirt mit dem Porträt Nemzows getragen habe. Gontscharenkos Anwalt sagte der Nachrichtenagentur Interfax, sein Mandant sei festgenommen worden, weil er Anweisungen nicht Folge leistete. Laut dem Fernsehsender Rossija 24 wollen die Behörden ihn zu seiner Rolle bei der tödlichen Brandkatastrophe im Mai 2014 in der ukrainischen Küstenstadt Odessa befragen. Weder die Polizei noch die Justiz bestätigten die Angaben.

Das ukrainische Außenministerium rief Russland inzwischen auf, der ukrainischen Begleiterin von Nemzow, die zum Zeitpunkt des Anschlags an seiner Seite war, die Ausreise zu erlauben. Das junge Modell überlebte den Angriff unverletzt und wird derzeit von den Behörden befragt.