Erstellt am 19. Juli 2014, 20:30

von APA/Red

Separatisten behindern Untersuchung. Zwei Tage nach dem Absturz der malaysischen Boeing mit 298 Todesopfern beklagen ausländische Ermittler in der Ostukraine massive Behinderungen durch prorussische Separatisten.

Ein Sprecher der OSZE erklärte in Wien, bewaffnete Rebellen hätten die Arbeit der etwa 20 OSZE-Vertreter am Absturzort auch am Samstag erheblich eingeschränkt. Die Separatisten wiesen die Vorwürfe zurück.

Bei dem Absturz am Donnerstag waren alle 283 Passagiere und 15 Besatzungsmitglieder an Bord der Boeing ums Leben gekommen - unter ihnen 193 Niederländer. Die betroffene Fluggesellschaft Malaysia Airlines hat inzwischen auch eine Namensliste der Opfer veröffentlicht.

Sterbliche Überreste an Experten übergeben

Die Separatisten in der Ostukraine bestätigten in der Zwischenzeit jedoch den Abtransport sterblicher Überreste von der Absturzstelle der Passagiermaschine. "Einige Dutzend Leichen", die mitten in der Ortschaft Grabowo gelegen hätten, seien "in Anwesenheit von OSZE-Beobachtern" nach Donezk gebracht worden, sagte der Rebellensprecher Sergej Kawtaradse am Samstag.

"Es war aus hygienischen Gründen unmöglich, sie weiter dort liegen zu lassen", sagte Kawtaradse. Die Leichen würden in Donezk ausländischen Experten übergeben. Zuvor hatte die ukrainische Führung den Aufständischen vorgeworfen, Beweismaterial vom Absturzort zu entwenden. Die Boeing war am Donnerstag mutmaßlich von einer Rakete über dem von den Separatisten kontrollierten Gebiet abgeschossen worden

Der russische Präsident Wladimir Putin und der niederländische Regierungschef Mark Rutte sprachen sich unterdessen bei einem Telefonat für eine objektive Untersuchung des Absturzes aus, wie der Kreml mitteilte.

Russland hält Berichte über Abschuss für "voreilig"

Die Hintergründe der Katastrophe sind weiter unklar. Nach Angaben von US-Präsident Barack Obama sind dafür sehr wahrscheinlich moskautreue Kräfte verantwortlich. Die Boden-Luft-Rakete, die das Flugzeug abgeschossen habe, sei aus einem von prorussischen Separatisten kontrollierten Gebiet abgefeuert worden, sagte Obama am Freitag. Russland kritisierte Berichte über einen angeblichen Abschuss der Maschine als "voreilig". Damit sollten offenbar Ermittler beeinflusst werden, teilte das Außenministerium in Moskau mit.

Der OSZE-Sprecher sagte, dem Team sei erneut der vollständige Zugang zur Absturzstelle verwehrt worden. Die Gruppe habe aber zumindest mehr Bewegungsfreiheit als am Vortag bekommen. Am Freitag konnten sich die Beobachter nur etwa 70 Minuten lang an der Absturzstelle aufhalten.

Der ukrainische Geheimdienstchef Valentin Naliwaitschenko teilte mit, die Aufständischen hätten einer "Sicherheitszone" rund um das Wrack zugestimmt. "Wir hoffen nun, dass die Terroristen verschwinden und uns das Arbeiten an der Absturzstelle ermöglichen", sagte er im Fernsehen.

Absturzgebiet wird weiterhin scharf bewacht

Die OSZE-Mitarbeiter hätten beobachtet, wie Leichen der 298 ums Leben gekommenen Passagiere des Flugs MH17 von Unbekannten in Plastiksäcke gepackt und an den Straßenrand geräumt wurden, sagte der Sprecher weiter. Das gesamte Absturzgebiet sei nach wie vor scharf bewacht.

Experten aus Kiew hätten sich lediglich 30 Minuten unter Aufsicht bewaffneter Aufständischer an der Absturzstelle nahe Grabowo aufhalten dürfen, beklagte auch der ukrainische Vize-Regierungschef Wladimir Groisman am Samstag in Kiew. Nach Angaben aus Kiew sind bislang etwa 170 ukrainische Helfer im Einsatz.

Von mehr als 100 Absturzopfern fehlte auch zwei Tage nach dem Unglück weiter jede Spur. Bislang seien 186 Leichen geborgen worden, teilte der staatliche ukrainische Rettungsdienst am Samstag mit. Die Suche nach den übrigen Opfern gestalte sich sehr schwierig, da die Wrackteile über etwa 25 Quadratkilometer verstreut seien.

Aufständischen-Sprecher vermutet Verzögerungstaktik

Die Separatisten in der Ostukraine wiesen die Vorwürfe zurück, sie würden eine Untersuchung der Absturzursache massiv behindern. "Wir haben der OSZE zugesagt, weder die Flugschreiber zu entfernen noch Leichen abzutransportieren", sagte einer der Sprecher der Aufständischen, Sergej Kawtaradse, am Samstag in Donezk.

Die Regierung in Kiew setze offenbar auf eine Verzögerungstaktik. "Die internationalen Experten sollen jetzt doch erst an diesem Sonntag zum Wrack kommen. Wertvolle Zeit geht verloren - Zeit, in der Spuren völlig zerstört sein können", kritisierte Kawtaradse. Auch Separatistenanführer Alexander Boradaj sicherte den Experten eine Zusammenarbeit zu. "Die Flugschreiber können zum Beispiel dem Internationalen Roten Kreuz übergeben werden, kein Problem", sagte er.

Weitere Fachleute werden in der Ukraine erwartet. Der niederländische Außenminister Frans Timmermans ist inzwischen mit einer Gruppe von 15 Experten in Kiew angekommen. Die internationale Polizeiorganisation Interpol schickt am Sonntag ein Spezialteam.

Die ukrainische Regierung warf den prorussischen Separatisten auch vor, am Absturzort Beweismaterial zu vernichten. Die Aufständischen wollten mit Lastwagen Wrackteile über die russische Grenze bringen, hieß es in einer am Samstag in Kiew veröffentlichen Mitteilung. Die Separatisten wollten "Beweise ihrer Mitwirkung an dem Unglück vertuschen". Zudem hätten die militanten Gruppen 38 Leichen von der Absturzstelle in die Großstadt Donezk gebracht. Die Separatisten bestritten den Abtransport von Leichen. "Wozu brauchen wir sie? Ganz im Gegenteil. Wir wollen, dass zuständige Experten kommen und die Leichen bergen", sagte ein Separatistensprecher.