Erstellt am 25. Juni 2016, 13:37

von APA Red

Kern schmeichelt und fordert Veränderung. Bundeskanzler Christian Kern hat bei seinem ersten großen Bundesparteitagsreferat die Delegierten mit einer Doppelstrategie zu überzeugen versucht.

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Einerseits stellte er die historische Bedeutung der Sozialdemokratie in den Mittelpunkt, andererseits forderte er von der Partei Bereitschaft zur Veränderung ein. Das Auditorium dankte es dem designierten Parteichef mit minutenlangem Applaus.

Jene, die glaubten, dass die FPÖ das Land übernehmen werde, "irren gewaltig", befand Kern und betonte: "Unser historisches Mandat ist längst nicht verbraucht." Die Sozialdemokraten seien immer vorausgegangen, um Chancen in den Mittelpunkt zu stellen: "Wir haben Lösungen gesucht, wo andere nur Antworten von vorgestern gegeben haben."

Dafür brauche es aber auch Veränderung, die Bewegung müsse wieder auf die Höhe der Zeit gebracht werden, wurde der künftige Parteichef nicht müde zu betonen, wobei er bat, angesichts der "enormen Erwartungshaltungen" an ihn eine realistischere Sicht zu bewahren. Die "Internationale" zitierend meinte Kern: "Es rettet uns kein höheres Wesen."

Die SPÖ dürfe keine Außenstelle des Bundeskanzleramts sein: "Wir müssen bunter sein, vielfältiger sein, eine Bewegung, die mitten im Leben steht." Als neuen Weg deutete Kern an, die Basis mitentscheiden zu lassen, wie ein künftiger Koalitionsvertrag aussehen soll.

Was die Inhalte angeht, meinte Kern:: "Wir müssen wieder zu einer akzentuierteren Politik kommen. Wir müssen unterscheidbar werden zu unseren politischen Konkurrenten."

Er wollte dem Land eine soziale Zukunft geben, schilderte der Kanzler sein Credo, schloss aber indirekt nicht aus, dass man das allenfalls auch aus der Oppositionsrolle heraus bewerkstelligen müsste: "Was wir hier heute beginnen wollen, ist ein 10-Jahres-Projekt und ist größer als jeder Bundeskanzler und jeder Regierungsjob."

Klassische Rollenzuteilungen versuchte Kern in seiner Rede zu brechen, etwa als er meinte: ""Wir Sozialdemokraten neiden niemandem das Vermögen, wir wollen, dass alle in dem Land zu Vermögen kommen." Ebenfalls ein wenig ungewöhnlich für einen SPÖ-Chef die Einschätzung:: "Wir sind die wahre Wirtschaftspartei im Land." So betonte er dann auch, dass sein Vorschlag höherer Vermögenssteuern oder einer Wertschöpfungsabgabe einfach Steuergerechtigkeit entspreche. Wer wie die ÖVP "fast ulkig" Medien einlade, nur um zu sagen, "mit mir nicht", betreibe keine Wirtschaftspolitik: "Das ist Lobbyismus." Was komme als nächstes: "Sonnenaufgang, mit mir nicht oder Erdanziehung, kommt nicht in Frage", spottete der Kanzler in Richtung Koalitionspartner.

Zur Zusammenarbeit mit der ÖVP bekannte sich Kern freilich trotzdem und warnte den Parteitag, dass man da bis 2018 wohl noch genug Kompromisse eingehen werde müssen. Wie man mit künftigen Koalitionspartnern umgeht, soll anhand eines Kriterienkatalogs beurteilt werden, nahm der Kanzler einen entsprechenden Vorschlag des Kärntner Landeshauptmanns Peter Kaiser auf.

Gutes über die FPÖ als Alternative zur Volkspartei hatte Kern heute freilich nicht zu berichten. Zwar will er die Freiheitlichen im Ganzen und deren Wähler schon gar nicht ins rechtsextreme Eck stellen, doch findet Kern, dass die FPÖ es einfach nicht könne, wie der in Kärnten hinterlassene Scherbenhaufen beweise. Dennoch erwartet Kern ein "Duell mit der FPÖ um den Führungsanspruch im Land".

Wie man an die freiheitlichen Wähler herankommen könnte, skizzierte Kern derart. Den Spruch "Wir müsssen rausgehen zu den Leuten" solle man am besten aus dem Vokabular streichen: "Weil wir sind die Leute, wir gehören zu diesen Leuten und diese Menschen gehören zu uns." Prioritär ist für Kern die Schaffung von Arbeitsplätzen ("Es gibt kaum einen größeren gesellschaftspolitischen Skandal als die Arbeitslosigkeit"), doch werde man sicher nicht Jobs durch Sozialabbau schaffen. Auch die Einschränkung der Mindestsicherung, wie sie die ÖVP forciert, lehnt Kern klar ab. Um den Unterschied zwischen dieser Leistung und den Löhnen zu vergrößern, gelte es stattdessen, "die Freunde in der Gewerkschaft beim Kampf um höhere Löhne zu stärken.

"Nüchtern" will Kern die Gründe und Folgen des Brexit analysieren: "Einfache Antworten werden nicht funktionieren, populistische wie, die Flüchtlinge sind schuld, noch weniger."

Die Formen wahrte Kern, was die Würdigung seines am Parteitag abwesenden Vorgängers Werner Faymann angeht. Dieser habe Österreicher acht Jahre in einer Zeit angeführt, die schwieriger nicht sein hätte können: "Ich habe in den letzten fünf Wochen sehr gut verstanden, wie schwierig es ist, in dieser Position Fortschritte für das Land zu erreichen."

Was das Setting angeht, sprach Kern seine 80 Minuten mit Headset und großteils frei, freilich mit häufigem Blick auf einen neben ihm liegenden Spickzettel. Seine Rede beschloss Kern mit einem Griff an sein Herz.