Erstellt am 29. Mai 2015, 13:37

von APA/Red

Blatter eröffnete FIFA-Kongress mit Appell zur Kooperation. FIFA-Präsident Joseph Blatter hat den mit Spannung erwarteten Kongress des Fußball-Weltverbandes eröffnet. Der Schweizer forderte die 209 Mitglieder im Hallenstadion von Zürich angesichts des Korruptionsskandals zur aktiven Mitarbeit auf.

Der 79-jährige Schweizer strebt eine fünfte Amtszeit an  |  NOEN, APA (epa)

Gegen den FIFA-Kongress ging am Freitag zur Mittagszeit eine Bombendrohung ein, als ohnehin Mittagspause war. Entgegen sonstiger Gewohnheiten bei einem FIFA-Kongress mussten auch alle Medienvertreter ihren Arbeitsbereich in der Halle verlassen. Offenbar wurde nichts gefunden, der FIFA-Kongress wurde fortgesetzt. Wie geplant arbeiteten die Delegierten am Freitag im Hallenstadion Zürich nach ihrer Mittagspause die Agenda weiter ab.

Zuvor hatte Blatter an die FIFA-Delegierten appelliert: "Heute rufe ich Sie zum Teamgeist auf, damit wir gemeinsam fortschreiten können.

Blatter: "Schuldige sind Einzelpersonen nicht die Organisation"

Wir sind zusammengekommen, um die Probleme anzupacken", sagte der Schweizer in seiner Begrüßungsansprache am Freitag. Den jüngsten Skandal mit Festnahmen von sieben Funktionären stellte er nicht als Vergehen der FIFA dar. 

Er sei bereit zu akzeptieren, dass der FIFA-Präsident für alles verantwortlich gemacht werde, diese Verantwortung müsse aber geteilt werden.

Blatter witterte einen Zusammenhang zwischen dem Zeitpunkt der Festnahmen und dem Wahlkongress. "Ich spreche da nicht von einem Zufall, ich stelle zumindest die Frage, ob es Zufall war", sagte der Schweizer in seiner 20-minütigen Ansprache am Freitag in Zürich vor Vertretern der 209 FIFA-Mitgliedsländer.

Es gebe Beweise, dass etwas Negatives passiert sei. "Das ist nicht gut. Und es ist nicht gut, dass es zwei Tage vor dem Wahlkongress passiert", erklärte Blatter. Wie bereits am Vortag zur Kongress-Eröffnung stellte er den jüngsten Skandal mit Festnahmen von sieben Fußball-Funktionären nicht als Vergehen der FIFA dar.

Blatter weiterhin Favorit 

"Die Schuldigen, wenn sie denn als schuldig verurteilt werden, das sind Einzelpersonen, das ist nicht die gesamte Organisation", erklärte der Schweizer. "Die Ereignisse von Mittwoch haben einen echten Sturm ausgelöst", sagte Blatter zur Festnahme von sieben Funktionären, darunter seine Stellvertreter Jeffrey Webb und Eugenio Figueredo.

Blatter verlor im Zuge der Korruptionsaffäre etwas Rückhalt. Die Fußballverbände der USA, Kanadas, Australiens und Neuseelands dürften nun für dessen Herausforderer Prinz Ali bin al-Hussein stimmen. Blatter gilt aufgrund der Unterstützung aus Afrika und Asien allerdings weiter als klarer Favorit.

Im ersten Wahlgang ist eine Zwei-Drittel-Mehrheit unter den 209 stimmberechtigten Verbänden erforderlich, im zweiten eine Mehrheit von mehr als 50 Prozent. "Ich denke, wir werden eine wesentlich knappere Wahl erleben, als die Leute vor einigen Wochen vorausgesagt haben", meinte US-Verbandschef Sunil Gulati.

Laut Gulati, der dem Exekutivkomitee des Weltverbandes angehört, wird auch der kanadische Verbandspräsident Victor Montagliani für den jordanischen Gegenkandidaten stimmen.

Australiens Verband sowie voraussichtlich ein großer Teil der europäischen Föderationen dürfte ebenfalls Al-Hussein wählen. Auch der neuseeländische Verband gab am Freitag in Zürich bekannt, doch nicht für den 79-jährigen Schweizer zu stimmen:

Angesichts der Entwicklung in den vergangenen 48 Stunden sei man zu der Auffassung gelangt, dass sich bei der Fifa so schnell wie möglich etwas ändern müsse, und dies könne nur mit einem neuen Präsidenten geschehen.

US-Justizministerium beantragte Auslieferung Warners 

Der Weltverband wird seit Mittwoch von einem neuen Skandal erschüttert. Im Auftrag der US-Justiz nahmen die Schweizer Sicherheitsbehörden sieben Funktionäre wegen Korruptionsverdacht fest, unter ihnen die Stellvertreter Blatters, Jeffrey Webb und Eugenio Figueredo. Ihnen droht die Auslieferung in die USA.

Der im Zusammenhang mit der Korruptionsaffäre beschuldigte frühere FIFA-Vizepräsident Jack Warner hat unterdessen am Donnerstag (Ortszeit) ein Gefängnis in Trinidad und Tobago in einem Krankenwagen verlassen. Der 72-Jährige habe über Erschöpfung geklagt und Fragen von Reportern vor der Haftanstalt nicht beantworten können, teilte ein Justizbeamter mit.

Warner hatte sich am Mittwoch den Justizbehörden in seinem Heimatland gestellt. Gegen eine Kaution von umgerechnet rund 360.000 Euro hätte er wieder auf freien Fuß dürfen, blieb jedoch die Nacht über im Gefängnis.

Das US-Justizministerium hatte die Auslieferung Warners beantragt. Die Ermittler werfen ihm organisierte Kriminalität, Korruption und Geldwäsche vor. In den Vereinigten Staaten laufen seit längerer Zeit Untersuchungen des FBI gegen ehemalige FIFA-Offizielle. Am Mittwoch wurden in der Schweiz sieben Fußball-Funktionäre wegen Korruptionsvorwürfen festgenommen.

Blatter: "Schwierige Zeit für FIFA"

Blatter hatte bei der Kongresseröffnung am Donnerstag einen Kampf gegen korrupte Einzelpersonen angekündigt, weitere Enthüllungen aber nicht ausgeschlossen. "Sie werden mir zustimmen, dass dies beispiellose und schwierige Zeiten für die FIFA sind", sagte Blatter.

Der deutsche Justizminister Heiko Maas sprach sich unterdessen für einen Neuanfang beim Weltfußballverband ohne seinen derzeitigen Präsidenten aus. "Ich weiß nicht, ob es überhaupt noch jemanden gibt, der Sepp Blatter für den Richtigen hält, um jetzt für Aufklärung zu sorgen", sagte der Politiker der "Bild" laut Vorabbericht vom Freitag.

Im Fall einer nachgewiesenen Korruption forderte Maas eine Neuvergabe der Fußball-WM 2018 und 2022. "Wenn sich herausstellt, dass Stimmen gekauft worden sind, ist eine darauf basierende Entscheidung wohl kaum zu halten. Maßgeblich für die Vergabe einer WM darf doch nicht sein, wer die höchsten Schmiergelder zahlt."

USA weisen Putins Vorwurf zurück 

Die USA wiesen unterdessen den Vorwurf von Kremlchef Wladimir Putin zurück, sie wollten Russland die Fußball-WM 2018 entziehen. Die Maßnahmen der US-Justiz gegen neun FIFA-Funktionäre hätten nichts mit dem geplanten Turnier in drei Jahren zu tun, sagte der Sprecher des Washingtoner Außenamtes, Jeff Rathke, am Donnerstag.

Die Anklagen seien "eine klare Botschaft der USA, dass korruptes Verhalten nicht akzeptabel ist". Einen anderen Grund hätten die Ermittlungen und Festnahmen nicht gehabt. Putin hatte zuvor die Korruptionsermittlungen gegen FIFA-Angehörige als Versuch der USA verurteilt, die Weltmeisterschaft in Russland zu verhindern.

Brasiliens nationaler Fußballverband CBF übergab indes im Rahmen der Korruptionsermittlungen gegen FIFA-Funktionäre mehrere Dokumente an die Staatsanwaltschaft. Dabei handelt es sich um Verträge, die vom CBF in der Vergangenheit unterschrieben wurden, wie der Verband am Donnerstag (Ortszeit) mitteilte.

Der CBF signalisierte den Ermittlern in einem Schreiben seine "volle Unterstützung" für jedwede Untersuchung. Man stehe für zusätzliche Aufklärung zur Verfügung, wenn diese notwendig sei.

CBF-Chef Marco del Nero reiste schon am Donnerstag, am Vortag der FIFA-Präsidentschaftswahl, aus Zürich ab. Eine Begründung dafür wurde nicht genannt. Der 74-Jährige ist auch Mitglied des Exekutivkomitees der FIFA. Sein Vorgänger als CBF-Chef, José Maria Marin, gehört zu den sieben Funktionären, die am Mittwoch in Zürich unter Korruptionsverdacht festgenommen wurden. Marin (83) war danach vom CBF vorläufig von seine Funktion entbunden worden. Er war einer von fünf Vize-Präsidenten des Verbandes.

Die FIFA rechnet offenbar mit einem sehr langen Kongress am Freitag in Zürich. Die traditionelle Pressekonferenz mit dem Präsidenten wurde schon vor Sitzungsbeginn auf Samstagvormittag verschoben. Ursprünglich war man von einem Kongressende gegen 19.00 Uhr ausgegangen. Die PK soll nun am Samstag um 11.30 Uhr nach der anberaumten Sondersitzung des Exekutivkomitees im Hauptquartier der FIFA in Zürich stattfinden.