Erstellt am 15. Oktober 2015, 17:26

Stöger ordnet Rückruf Hunderttausender VW-Dieselautos an. Nach der zuvor verkündeten Rückrufaktion für 2,4 Millionen Autos infolge des VW-Abgasskandals in Deutschland hat Verkehrsminister Alois Stöger (SPÖ) am Donnerstag auch in Österreich VW-Diesel in die Werkstätten zurückgerufen. Betroffen seien rund 363.000 Fahrzeuge.

 |  NOEN, APA (AFP)

 Die betroffenen Autobesitzer müssten von Porsche Austria verständigt werden. Die Rückrufaktion startet analog zu Deutschland 2016.

"Unsere rechtliche Prüfung hat ergeben, dass die Anordnung des deutschen Kraftfahrt-Bundesamts auch für jene Autos gilt, die in Österreich unterwegs sind", erklärte Ministeriumssprecherin Andrea Heigl am Donnerstag: "Das heißt konkret: Auch in Österreich müssen Inhaber der betroffenen Autos in die Werkstätte fahren. Für die Autofahrer soll kein Nachteil entstehen. Diese Rückrufaktion muss zu 100 Prozent erfüllt werden."

Das Verkehrsministerium prüfe derzeit das rechtliche Vorgehen, um die Überprüfung der Aktion sicherzustellen. "Es ist an Porsche Österreich, die Autofahrerinnen und Autofahrer zu informieren", so Ministeriumssprecherin Heigl.

In Österreich wurden 363.400 Modelle aus der Volkswagen-Konzernmarkenpalette manipuliert - konkret geht es dabei um 180.500 VW-Pkw, 24.400 VW-Nutzfahrzeuge, 72.500 Audi, 54.300 Skoda und 31.700 Seat.

Die "Salzburger Nachrichten" berichteten am Donnerstag, dass die Diskrepanz zwischen den Herstellerangaben und der Realität den österreichischen Behörden seit langem bekannt war. Weil die Stickoxidwerte in Österreich stiegen und ein EU-Mahnverfahren drohte, schrieb die Republik nach Brüssel, dass die hohen Werte dem Land nicht angelastet werden dürften. Begründung: "Messungen zeigen, dass die realen Emissionswerte die Emissionen im gesetzlich vorgeschriebenen Prüfzylus um den Faktor 3 (Euro IV) bis 5 (Euro V) übersteigen."

Der Skandal um manipulierte Abgaswerte zwingt den VW-Konzern zum größten Rückruf in der Firmengeschichte. In den 28 EU-Ländern holt Volkswagen rund 8,5 Millionen Diesel-Fahrzeuge in die Werkstätten, wie der Konzern am Donnerstag in Wolfsburg mitteilte. Rund 2,4 Millionen davon entfallen auf die VW-Heimat Deutschland, berichteten die Wolfsburger. Diese Zahl nannte das Kraftfahrtbundesamt (KBA) am Donnerstag. Das KBA wertet die VW-Software als "unzulässige Abschalteinrichtung". Das sehen die Behörden in den USA ähnlich, wo der Skandal begonnen hatte.

VW-Vorstandschef Matthias Müller schrieb am Donnerstag in einem Brief an den deutschen Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), dass die KBA-Entscheidung nun "eine Möglichkeit eröffnet, für die Europäische Union ein gemeinsames und abgestimmtes Vorgehen in allen Mitgliedsstaaten zu erreichen". Das Schreiben lag der Deutschen Presse-Agentur in Hannover vor. Müller sicherte den betroffenen Kunden darin Transparenz zu. VW werde "hart daran arbeiten, Vertrauen wieder herzustellen".

Dobrindt hatte zuvor verfügt, dass die vom Abgas-Skandal betroffenen 2,4 Millionen Dieselfahrzeuge aus dem VW-Konzern ausnahmslos zur Nachbesserung in die Werkstatt müssen. Die Rückrufaktion sei für jeden Halter verpflichtend, sagte der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt am Donnerstag in Berlin. Der behördlich angeordnete Weg in die Werkstatt werde Anfang 2016 beginnen.

Je nach Motortyp könnten die Fahrzeuge aber auch erst ab September des nächsten Jahres zurückgerufen werden. Die betroffenen Autofahrer müssen nicht selbst aktiv werden, sie bekommen demnächst Post. In den Schreiben wird das weitere Vorgehen erklärt.

"Das ist ein Rückruf in einer Dimension, die auch das nötige Maß an Kontrolle und Überwachung nötig macht", begründete der CSU-Politiker Dobrindt die Aktion, obwohl VW dies zuvor auf freiwilliger Basis angeboten hatte. Das Unternehmen arbeite aber konstruktiv mit den Behörden zusammen. Bis wann alle Autos dann wieder den Regeln entsprächen, sei noch offen. Ein nötiges Bauteil für einen Teil der Motoren, stehe laut VW erst in knapp einem Jahr zur Verfügung. Die Autos dürften aber weiter gefahren werden, da sie verkehrssicher seien.

Der VW-Konzern muss dem KBA bis Ende Oktober eine erste nachgebesserte Software für die vom Abgasskandal betroffenen Dieselautos vorstellen. "Wir wollen, dass alle Fahrzeuge von der unzulässigen Abschaltvorrichtung befreit und in einen vorschriftsmäßigen Zustand versetzt werden - in jeder Hinsicht", sagte KBA-Sprecher Stephan Immen am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur.

Bis spätestens Ende dieses Monats soll der Autobauer die geplanten neuen Programme für die 2,0-Liter-TDI-Modelle vorstellen. Bis Ende November müssen dann Lösungen für die Diesel-Fahrzeuge mit 1,6 und 1,2 Litern Hubraum folgen. Betroffen sind vor allem Autos der Kernmarke mit dem VW-Logo, aber auch die VW-Schwestern Audi, Seat, Skoda und einige leichte VW-Nutzfahrzeuge zählen zum Kreis der Marken im Rückruf. Das KBA rechnet damit, dass sich die Nachbesserungen selbst weit in das Jahr 2016 ziehen werden.

Für die 1,6-Liter-Aggregate stehe die abschließende Lösung vermutlich erst im September 2016 zur Verfügung, sagte Immen. "Von daher kann es sich etwas hinziehen. Bei einem Rückruf in dieser Größenordnung - 2,4 Millionen Fahrzeuge - ist es auch eine logistische Herausforderung." Es mache deshalb wenig Sinn, mehr als zwei Millionen Anschreiben sofort an die Halter zu verschicken und alle Wagen in die Werkstätten zu bestellen.

Zum Vergleich: Nach Angaben von Immen gab es im kompletten Jahr 2013 nur 1,5 Millionen zurückgerufene Autos in Deutschland. Der Sprecher konnte keine Angaben darüber machen, wie die Nachbesserungen der drei unterschiedlichen VW-Motoren konkret aussehen müssen. Klar sei aber, dass die Erfüllungsquote bei 100 Prozent liegen muss.

Bis Ende November müsse Volkswagen die technischen Lösungen für die Fahrzeuge dem Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) erläutern, sagte Dobrindt. Konkret heißt das, das VW die eingebaute Software entfernen muss, mit der die Fahrzeuge erkennen konnten, wann sie auf einem Abgas-Prüfstand stehen. Entsprechend reduzierte der Motor dann den Stickoxid-Ausstoß. Dies war zunächst in den USA aufgefallen. Dort drohen dem Autobauer hohe Strafzahlungen und Schadensersatzforderungen. Nach dem US-Justizministerium und der Umweltbehörde EPA nehmen nun auch die US-amerikanischen Wettbewerbshüter Ermittlungen gegen Volkswagen auf.

Nach der Enthüllung in den USA wurde bekannt, dass weltweit rund elf Millionen VW mit der Manipulationssoftware ausgerüstet waren. Allein in Deutschland wurden 2,8 Millionen Fahrzeuge mit der Software zugelassen. Diese war offenbar auch scharf geschaltet: "Das war wohl in allen Fahrzeugen so der Fall", sagte Dobrindt. Die Differenz zu den 2,4 Millionen Autos, für die nun ein Rückruf angeordnet wurde, erklärte Dobrindt damit, dass etwa 400.000 manipulierte Autos nicht mehr auf den Straßen unterwegs seien.

Dobrindt hatte vergangene Woche bereits über Pläne von Volkswagen für einen umfassenden Rückruf berichtet. Davon seien Fahrzeuge mit Euro-5-Dieselmotoren der Größe 2 Liter, 1,6 Liter und 1,2 Liter Hubraum betroffen. Technisch spreche VW bei den 2-Liter-Motoren von einer Softwarelösung, die in diesem Jahr vorliegen solle und ab Beginn des nächsten Jahres neu aufgespielt werden könne. Bei den 1,6-Liter-Motoren werde zusätzlich zu einer neuen Software eine motortechnische Anpassung nötig sein, die laut Volkswagen nicht vor September 2016 zu erwarten sei.

Weltweit wurde die Software in bis zu elf Millionen Autos eingebaut. In Deutschland sind den neuen Angaben von Dobrindt zufolge 2,4 Millionen Autos betroffen. Bisher war die Rede von 2,8 Millionen Fahrzeugen. Diese Zahl ergab sich aus den ursprünglichen Zulassungen. Allerdings seien inzwischen rund 400.000 Wagen nicht mehr in Deutschland unterwegs. Die VW-Führungsriege will am Donnerstag in Leipzig über das weitere Vorgehen in der Krise beraten.

Europa macht unterdessen Fortschritte bei der Einführung schärferer und realistischerer Abgastests für Autos. "Bis Ende des Monats werden wir neue Abgastests auf den Weg bringen", sagte EU-Binnenmarkt-Kommissarin Elzbieta Bienkowska der "Bild"-Zeitung (Donnerstag). Dabei gehe es darum, den Ausstoß von Stickoxiden im tatsächlichen Autoverkehr zu messen. "Die Zeit der Labortests ist vorbei."

Am 28. Oktober sollen nationale Experten eine Vorentscheidung zum Thema treffen. Im Skandal um manipulierte Werte von Diesel-Emissionen müsse VW für Transparenz sorgen, bekräftigte Bienkowska: "Diese Affäre muss vollständig aufgeklärt werden, um das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen."

Nach dem Skandal um manipulierte Abgaswerte bei Dieselmotoren von Autos des Volkswagenkonzerns ermittelt auch die italienische Justiz weiter. Die italienische Polizei durchsuchte am Donnerstag den Sitz des deutschen Autobauers in Verona.Die Ermittlungen laufen gegen sechs Manager der italienischen VW-Tochter, darunter den CEO Massimo Nordio und den Verwaltungsratspräsidenten Luca De Meo, und lauten auf Betrug, berichteten italienische Medien am Donnerstag.

Durchsuchungen wurden auch am Sitz der VW-Tochter Lamborghini in Bologna durchgeführt. Die Ermittlungen betreffen die Autos des deutschen Autobauers in Italien. In der Causa ermittelt bereits seit einigen Tagen die Staatsanwaltschaft von Turin. Die Ermittlungen sollen auch auf andere Autobauer ausgedehnt werden.

Der Konsumentenschutzverband Codacons begrüßte die Durchsuchung der italienischen VW-Niederlassung. "Wir haben Druck auf die Staatsanwälte gemacht, im Zusammenhang mit dem Skandal Dokumente zu beschlagnahmen", sagte ein Verbandssprecher.