Strasshof an der Nordbahn

Erstellt am 18. August 2016, 04:29

von Thomas Schindler und Nina Wieneritsch

Vor 10 Jahren der Hölle entkommen. Im August 2006 gelang der damals 18-Jährigen die Flucht. SP-Ortschef Deltl und Ex-Kriminalist Brenner erinnern sich.

Natascha Kampusch konnte am 23. August 2006 aus dem Haus ihres Entführers flüchten.  |  EPA

Es war zweifellos der spektakulärste Kriminalfall in der Geschichte des Bezirks: Die Entführung und Flucht von Natascha Kampusch nach ihrer achtjährigen Gefangenschaft im Keller des Strasshofers Wolfgang Priklopil. Das glückliche Ende dieser menschlichen Tragödie jährt sich nun zum zehnten Mal.

Wolfgang Priklopil beging wenige Stunden nach Kampuschs Flucht Selbstmord.  |  Polizei

Zur Erinnerung: Es war am Mittwoch, 23. August 2006, gegen 13 Uhr, als der arbeitslose Nachrichtentechniker Priklopil durch ein Telefongespräch abgelenkt war. Diese Gelegenheit nutzte Kampusch, um aus dem Haus ihres Peinigers in der Heinestraße 60 zu fliehen. In ihrer Not klopfte die 18-Jährige bei einer Nachbarin ans Fenster. Diese ließ das Mädchen ins Haus und alarmierte die Polizei, die wiederum Kampusch auf die Polizeiinspektion Deutsch-Wagram brachte.

Der damalige Chef der Gänserndorfer Kriminalabteilung, Adolf Brenner, erinnert sich im NÖN-Gespräch zurück: „Es war einer der unglaublichsten Fälle, die man als Polizist erleben kann. Es grenzt fast an ein Wunder, dass das Opfer dieses Verbrechen halbwegs gesund überstanden hatte.“

Ex-Kriminalist Adolf Brenner: „Das Verlies war so versteckt, dass wir es nie gefunden hätten.“  |  NOEN, Schindler

Jetzt ging es darum, den Täter zu verhaften. Der 44-jährige Priklopil wollte sich mit seinem BMW-Sportwagen nach Wien absetzen. Er fuhr mit bis zu 180 km/h über die B8 in Richtung Bundeshauptstadt. Brenner: „Wir hatten keine Chance, ihn zu stoppen.“ Man wollte schließlich auch keinen Unfall mit Toten riskieren. So wurde die Wiener Polizei angefunkt, damit diese den Flüchtigen anhält. Aber auch dies misslang. Der 8er-BMW wurde später im Parkhaus des Donauzentrums entdeckt.

Priklopil hatte sich in der Folge von einem Bekannten zum Praterstern bringen lassen, wo er sich kurz vor 21 Uhr zwischen den Stationen Wien-Nord und Traisengasse vor eine Richtung Gänserndorf fahrende S-Bahn warf. Dabei zog er sich tödliche Verletzungen zu. Diese Suizid-Variante genauso wie die Eintäter-Theorie werden von manchen angezweifelt.

Was sagt Brenner dazu: „Auf diese Spekulationen lasse ich mich nicht ein. Kampusch selbst hat immer nur von einem Täter gesprochen.“ Hätte man das Mädchen eigentlich nicht schon früher finden können? „Nein. Das wäre unmöglich gewesen. Dieses Verlies in Priklopils Keller kann man sich gar nicht vorstellen. Das hätten wir nie gefunden, auch nicht mit Spürhunden.“

Müll und Fäkalien weit weg vom Haus entsorgt

Das Verlies war nämlich im Bereich einer Montagegrube versteckt. Brenner: „Dazwischen gab es noch einen Tresor sowie eine schalldichte Stahltür. Man muss sagen, dass dies wirklich das perfekte Versteck war.“ Priklopil überließ auch nichts dem Zufall, alles war penibelst geplant und durchdacht. So entsorgte er den Müll und sogar die Fäkalien des Opfers weit weg von seinem Haus – offenbar, damit ihn keine DNA-Spuren von Kampusch verraten konnten.

SP-Bürgermeister Ludwig Deltl: „Das Thema Kampusch ist mittlerweile Geschichte.“  |  NOEN, Schindler

Auch Strasshofs SP-Bürgermeister Ludwig Deltl, damals noch Vize an der Seite von Herbert Farthofer, erinnert sich gut an den „irrsinnigen Medienrummel“. Er selbst war zu diesem Zeitpunkt auf Urlaub, kehrte erst am nächsten Tag heim. „Ich habe einen Anruf erhalten, aber nicht wirklich verstanden, was los ist.“ Auf CNN habe er sich schließlich noch im Hotel ein Bild gemacht.

Heute sei der Fall Kampusch in der Gemeinde kaum noch Gesprächsthema, „außer wenn er medial aufgewärmt wird“. Dass Strasshof von Ortsfremden unbedingt mit dem Entführungsfall in Zusammenhang gebracht wird, glaubt Deltl nicht. „Natürlich wird es zum Teil verbunden, vor allem von jenen, die den Ort nur ,oberflächlich‘ kennen.“ Aber: „Mit Strasshof verbinden viele ebenso das Eisenbahnmuseum, das sich einen guten Ruf auch im Ausland erarbeitet hat.“ Für Deltl ist der Fall abgeschlossen: „Das Thema ist Geschichte und Strasshof eine lebenswerte Gemeinde.“

Die Chronologie

  • 2. März 1998: Die zehnjährige Natascha Kampusch verschwindet auf dem Schulweg in Wien-Donaustadt. Ihre Eltern alarmieren am Abend die Polizei.
  • 3. März 1998: Eine Schülerin erzählt der Polizei, dass Kampusch in einen weißen Bus mit Gänserndorfer Kennzeichen gezerrt worden sei.
  • 6. April 1998: Der Strasshofer Wolfgang Priklopil wird von Ermittlern aufgesucht. Er besitzt einen weißen Lieferwagen, nachweisen konnte man ihm nichts.
  • 14. April 1998: Ein Hundeführer macht erneut auf Priklopil aufmerksam. Dem Hinweis wird nicht nachgegangen.
  • 23. August 2006: Kampusch kann sich selbst befreien. Ihr 44-jähriger Entführer wirft sich vor einen Zug und stirbt.
  • Februar 2008: Das Innenministerium setzt eine Evaluierungskommission ein.
  • 23. Oktober 2008: Der Fall Kampusch wird neu aufgerollt.
  • 8. Jänner 2010: Der Akt wird wieder geschlossen: Polizei und Staatsanwaltschaft sind überzeugt, dass Priklopil keine Komplizen hatte. Ein Freund des Entführers wird wegen Begünstigung angeklagt. Er soll nach Kampuschs Entkommen von der Entführung erfahren und Priklopil bei der Flucht geholfen haben. Der Mann wurde freigesprochen.
  • 2. November 2010: Neue Ermittlungen gegen fünf in den Fall involvierte Staatsanwälte wegen des Verdachts des Amtsmissbrauchs werden bekannt. Ein Jahr darauf wird das Verfahren gegen die Staatsanwälte eingestellt.
  • 28. Juni 2012: Ein Parlamentsausschuss empfiehlt, die Ermittlungen vom amerikanischen FBI erneut evaluieren zu lassen.
  • April 2013: Das FBI kommt zu dem Schluss, dass Priklopil „mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Einzeltäter“ war.