Erstellt am 02. September 2015, 14:19

von APA Red

Tausende Flüchtlinge harren in Budapest aus. Die Lage der 2.000 bis 3.000 Flüchtlinge, die in Budapest an der Weiterreise nach Deutschland gehindert werden, wird zunehmend prekärer.

 |  NOEN, APA (epa)

Nachdem die Polizei das Bahnhofsgebäude für Flüchtlinge abgeriegelt hatte, mussten sie die Nacht auf Mittwoch auf dem Vorplatz oder in einem angrenzenden U-Bahn-Untergeschoß verbringen. Die Flüchtlinge protestierten am Mittwoch vor dem Bahnhof.

Rund 2.000 Migranten skandierten Rufe wie "Freiheit, Freiheit!" und verlangten, in die Züge gelassen zu werden. Unter den Wartenden waren zahlreiche Familien mit Kindern. Die Behörden verwehren den Flüchtlingen den Zutritt zum Bahnhof.

Die Behörden hatten am Montag überraschend Tausenden Migranten erlaubt, in Züge Richtung Österreich und Deutschland zu steigen, am Dienstagvormittag aber den Bahnhof für alle Reisende ohne gültiges EU-Visum gesperrt. Tausende Flüchtlinge verbrachten die Nacht zum Mittwoch unter schwierigsten Bedingungen in der Umgebung des Bahnhofs. Sie durften das von der Polizei bewachte Bahnhofsgebäude nicht betreten, obwohl viele von ihnen Fahrkarten Richtung Deutschland hatten.

Nach Schätzung von Helfern und Beobachtern kampierten 2.000 bis 3.000 Menschen neben dem Ostbahnhof und im angrenzenden U-Bahn-Untergeschoss. Die hygienischen Zustände waren äußerst kritisch: Für die vielen Menschen gab es nur vier mobile Toiletten. Hilfe leistete nur der Verein "Migration Aid", der Essen und Kleider aus Spenden verteilte und die Menschen notdürftig medizinisch versorgte.

Neben dem Ostbahnhof soll nun binnen zwei Wochen ein Zeltlager errichtet werden, das vorübergehend 800 bis 1.000 Flüchtlinge aufnehmen kann. Das beschloss das Budapester Stadtparlament am Mittwoch und bewilligte dafür 373 Millionen Forint (ca. 1,2 Mio. Euro).

"Dies ist zwar nicht unsere Aufgabe, aber wir tun es aus Gewissensgründen, wir müssen die Situation zu unserem eigenen Schutz bewältigen", sagte Oberbürgermeister Istvan Tarlos, ein Parteifreund des rechtsnationalen Ministerpräsidenten Viktor Orban. Ungarns sonstige Flüchtlingslager gelten als hoffnungslos überfüllt.

Trotz des neuen Grenzzauns trafen am Dienstag insgesamt 2.284 neue Flüchtlinge, darunter 353 Kinder, in Ungarn ein, wie die Polizei am Mittwoch mitteilte. Ungarn hat an der Grenze zu Serbien einen vier Meter hohen, 175 Kilometer langen Grenzzaun gebaut mit dem Ziel, die illegale Einwanderung auf dieser Route zu verhindern.

Österreich setzt unterdessen zunächst keine Sonderzüge für weitere Flüchtlinge aus Ungarn ein. "Wir haben ganz normal unser Zugangebot", sagte Verkehrsminister Alois Stöger am Mittwoch. Er ist in seiner Funktion auch für die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) zuständig, in deren Züge in den vergangenen Tagen Tausende Flüchtlinge aus Ungarn nach Deutschland gekommen waren. Ob und wie viele Asylsuchende die Züge in Budapest bestiegen, hänge von den dortigen Behörden ab, sagte Stöger.

Am Dienstag hatte Ungarn den völlig überfüllten Bahnhof in Budapest zeitweise gesperrt. Das wechsle jedoch stündlich, sagte Stöger. Daher stelle sich Österreich auf den Zustrom weiterer Flüchtlinge ein. "Man muss vorbereitet sein, dass Menschen kommen werden - das ist klar", sagte Stöger. Die Bahn arbeite hier mit Hilfsorganisationen zusammen.

Die Lage auf Österreichs Bahnhöfen war am Mittwoch derweil "sehr ruhig". Die vergangene Nacht verbrachten etwa 200 Menschen am Wiener Westbahnhof und Salzburger Hauptbahnhof. Sie wurden vom Roten Kreuz und der Caritas betreut.

Bis Mittwochvormittag kamen bereits "50 bis 60" Flüchtlinge am Westbahnhof an, sagte Martin Gantner, Pressesprecher der Caritas. Einige seien jedoch gleich in den Zügen sitzen geblieben und weiter nach Deutschland gefahren. Die Hilfsorganisation betreute gemeinsam mit zahlreichen Freiwilligen Familien und junge Männer.

Sachspenden wurden am Westbahnhof bereits seit Dienstag keine mehr benötigt. Die Caritas hat die Koordination der Hilfsmaßnahmen übernommen. Am Mittwoch wurden etwa freiwillige Helfer gesucht. Informationen dazu finden sich auf der Facebook-Seite "Wir helfen", erreichbar unter .

Die ÖBB rechneten am Mittwoch mit einem planmäßigen Zugverkehr zwischen Budapest und Wien. Täglich verkehren zwölf Züge, sechs davon fahren nach München weiter. Rund 100 zusätzliche ÖBB-Mitarbeiter waren im Einsatz. Den Bundesbahnen wurde zugesichert, dass Überfüllungen der Züge künftig schon am Abfahrtsbahnhof Budapest verhindert werden, sodass die Übernahme der Garnituren am Grenzbahnhof Hegyeshalom rasch und reibungslos ablaufen kann.

Die Bahn betonte, dass die Fahrgäste nicht nach ihrer Herkunft oder ihren Reisemotiven unterschieden werden. Entscheidend sei, dass die Sicherheit im Bahnbetrieb gewährleistet und die Passagiere gültige Tickets haben.

Auch in Deutschland sind mittlerweile kaum noch Flüchtlinge aus Ungarn und Österreich angekommen. Die Bundespolizei am Münchner Hauptbahnhof sprach von lediglich 50 Flüchtlingen; in Rosenheim waren es am Vormittag 60 bis 70. Man rechne damit, dass es den ganzen Tag über ruhig bleibe, sagte ein Sprecher.

Am Dienstag waren in München noch 2.400 Flüchtlinge per Zug angekommen, in Rosenheim 300. Grund dafür war, dass die ungarischen Behörden ihre Kontrollen am Budapester Bahnhof zeitweilig gestoppt hatten und Flüchtlinge ungehindert in Züge gen Westen steigen konnten. Am Frankfurter Hauptbahnhof hatte die Polizei am Dienstag rund 140 Flüchtlinge registriert und versorgt.