Erstellt am 11. Oktober 2015, 14:11

von APA/Red

Tausende gedachten der Anschlagsopfer in Ankara. Nach dem Terroranschlag mit Dutzenden Toten in der Türkei haben in der Hauptstadt Ankara zahlreiche Menschen der Opfer gedacht.

 |  NOEN, APA (AFP)

Nach Schätzungen versammelten sich am Sonntag rund tausend Menschen auf dem Sihhiye-Platz, wie auf Fernsehbildern zu sehen war. Vor dem in der Nähe gelegenen Hauptbahnhof waren am Samstag bei einer regierungskritischen Friedensdemonstration zwei Sprengsätze detoniert.

Bei dem Anschlag auf eine Friedensdemonstration in Ankara sind nach Angaben der pro-kurdischen Partei HDP 128 Menschen getötet worden. Bis auf acht Leichen seien alle Opfer identifiziert worden, teilte die HDP am Sonntag mit. Die Regierung hatte am Samstagabend noch von 95 Toten gesprochen. Sonntag früh erklärte sie, 160 Menschen würden in Krankenhäusern behandelt, 65 von ihnen auf der Intensivstation. Die Behörden gingen davon aus, dass die beiden Sprengsätze von Selbstmordattentätern gezündet wurden.

Schwere Vorwürfe gegen die politische Führung

Die HDP sieht sich als Ziel des Anschlags und macht der politischen Führung des Landes schwere Vorwürfe. Zu der Tat bekannte sich zunächst niemand. Nach Angaben der pro-kurdischen HDP trieb die Einsatzpolizei am Sonntag eine Delegation aus Abgeordneten und Gewerkschaftlern auseinander, als diese Nelken vor dem Anschlagsort ablegen wollten. Mehrere regierungskritische Gewerkschaften kündigten einen zweitägigen Streik an.

In einer Presseerklärung von Sonntag hieß es: "Um unserer verstorbenen Freunde zu gedenken und um gegen das faschistische Massaker zu protestieren, sind wir ab morgen im Streik." Alle politischen Parteien, Arbeiter und Berufsverbände sollten sich dem Streik anschließen.

Zu der Tat bekannte sich zunächst niemand. Der Anschlag war der schwerste in der Geschichte der Türkei. Für den 1. November sind in der Türkei Neuwahlen angesetzt. Die Ermittler verdächtigen laut Medienberichten Anhänger der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS). Die amtliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete am Samstagabend unter Berufung auf Polizeikreise, die in Ankara verwendeten Sprengsätze glichen jener Bombe, mit der ein Selbstmordattentäter im Juli mehr als 30 Menschen in der Stadt Suruc an der syrischen Grenze getötet hatte. Für den Anschlag von Suruc hatte die türkische Regierung den IS verantwortlich gemacht.

Ruf "Gott ist groß" zu hören gewesen

Die Zeitung "Habertürk" meldete am Sonntag, die Polizei betrachte den Bruder des Attentäters von Suruc als Hauptverdächtigen. Eine Sonderkommission aus rund 100 Beamten werte Spuren wie DNA-Proben der Leichen der mutmaßlichen Selbstmordattentäter sowie Bilder von Überwachungskameras aus. Die Zeitung "Cumhuriyet" meldete unter Berufung auf Augenzeugen, kurz vor der Explosion der ersten Bombe in Ankara sei der Ruf "Gott ist groß" zu hören gewesen.

Laut "Habertürk" könnte der 25-jährige Yunus Emre Alagöz einer der beiden Selbstmordattentäter gewesen sein. Alagöz' Bruder Seyh Abdurrahman hatte sich am 20. Juli in Suruc in die Luft gesprengt. Die Brüder hatten sich Medienberichten zufolge in Syrien dem IS angeschlossen und den Bau von Bomben erlernt. In der Türkei sollen sich laut "Habertürk" derzeit noch fünf weitere potenzielle Selbstmordattentäter des IS aufhalten.

Die für den 1. November geplante Parlamentswahl in der Türkei soll trotz des verheerenden Anschlages auf eine Friedensdemonstration wie geplant stattfinden. Eine Verschiebung der Abstimmung nach dem Attentat stehe nicht zur Debatte, sagte ein hochrangiger Regierungsvertreter der Nachrichtenagentur Reuters am Sonntag. Dies sei keine Option. Wegen des gestiegenen Risikos würden die Sicherheitsvorkehrungen bei Wahlkampfveranstaltungen noch weiter verschärft, sagte der Vertreter. "Die Sicherheit bei der Wahl ist gewährleistet."

Papst Franziskus hat den Opfern des Terroranschlags und ihren Angehörigen sein Mitgefühl ausgesprochen und für sie gebetet. "Gestern haben wir mit großem Schmerz die Nachricht von dem schrecklichen Attentat in Ankara in der Türkei erhalten", sagte der 78-Jährige am Sonntag nach dem Angelus-Gebet auf dem Petersplatz in Rom.

"Schmerz wegen der vielen Toten. Schmerz wegen der Verletzten. Schmerz, weil die Attentäter wehrlose Menschen getroffen haben, die für den Frieden demonstriert haben." Der Argentinier sagte vor Zehntausenden Pilgern, er bete für die Türkei und die Opfer des Anschlags in Ankara und bitte den Herrn, "die Seelen der Verstorbenen aufzunehmen und die Leidenden und die Angehörigen zu trösten".