Erstellt am 21. September 2016, 14:51

"Ganze Woche" setzt umstrittene Facebook-Story fort. Die Wochenillustrierte "Die ganze Woche" zieht offenbar ihre umstrittene Facebook-Story weiter.

 |  APA (AFP)

"Tochter verklagt Eltern wegen Töpfchenfotos", titelte das Blatt Anfang September. Die Story über ein Kärntnerin, die ihre Eltern wegen der Veröffentlichung von Kinderfotos auf Facebook verklagt hatte, ging danach um die Welt. Relativ rasch tauchten aber Vorwürfe auf, dass die Geschichte erfunden sei.

Kommunikationswissenschafter sehen in der Facebook-Story ein Lehrbeispiel dafür, wie der Journalismus in Zeiten der sozialen Medien seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzt. Im Prä-Social-Media-Zeitalter wäre die Geschichte vermutlich ignoriert worden und nicht einmal groß aufgefallen. Heute verbreiten sich viele solcher Storys hingegen rasch viral über soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter. Die klassischen Medien stehen unter Druck, besonders click-trächtige Meldungen schnell zu übernehmen.

Ähnlich lief es im Fall der angeblichen Kärntnerin, die ihre Eltern verklagt haben soll. Etliche Medien in Österreich und auch international übernahmen die Geschichte ungeprüft ohne Check und weitere Recherchen. Nachrichtenagenturen wie die APA oder die dpa verzichteten auf eine Berichterstattung, da sich bei Recherchen bald herausstellte, dass die Geschichte so "exklusiv" war, dass sie sich nicht verifizieren ließ.

Bei den zuständigen Gerichten in Kärnten wusste man nichts von einer Klage, auch die von der "Ganzen Woche" zitierten Rechtsanwälte erklärten plötzlich, nur ganz allgemein zur Frage der Veröffentlichung von Kinderfotos auf Facebook befragt worden zu sein. Die Kärntnerin und ihre Familie - "Die ganze Woche" hatte die Involvierten unter dem Motto "Name von der Redaktion geändert" anonymisiert - waren ebenfalls nirgends aufzutreiben.

Die deutsche Zeitung "Die Welt" deckte eine weitere Reihe von Unstimmigkeiten in dem Bericht auf. Nachdem Zweifel an der Geschichte aufgetaucht waren, ging auch die Chefredaktion der Wochenillustrierten auf Tauchstation und verweigerte jeden Kommentar zu den Fake-Vorwürfen. In der aktuellen Ausgabe zieht sich das Blatt nun mit einer weiteren Story aus der Affäre, wonach die Eltern bereits dabei seien, die Kinderfotos ihrer Tochter zu löschen, und es doch noch zu einer außergerichtlichen Einigung kommen könnte. Zudem habe die Story die Problematik ins Blickfeld gerückt.

Der Kommunikationswissenschafter Fritz Hausjell hält vor allem Übernahme solcher Storys für höchst riskant für klassische Medien. "Ich halte es für unbedacht und grob selbstschädigend, wenn solche Geschichten ohne Prüfung einfach abgeschrieben werden. Wenn sich die Medien ihre Glaubwürdigkeit bewahren wollen, müssen sie auch einmal Mut zur Entschleunigung haben", erklärte Hausjell gegenüber der APA.

Besonders bei Medien, die punkto Recherchequalität nicht den besten Ruf genießen, müssten Recherchen selbstverständlich sein. Für soziale Medien gelte erst recht kein Vertrauensgrundsatz. "Die klassischen Medien befinden sich ohnehin schon unter Rechtfertigungsdruck - Stichwort Lügenpresse." Sie dürften nicht auch noch auf Geschichten einsteigen, "die abseits jeglicher Verifizierung ihres Faktengehalts durchs Weltdorf getrieben werden". Hausjells Rat: "Bremse anziehen!"

"Die ganze Woche" ist mit einer Verkaufsauflage von über 300.000 Exemplaren Österreichs reichweitenstärkste Wochenzeitung. Bis ins Jahr 2004 erreichte sie sogar über eine Million Leser. Zur Klientel zählt ein überwiegend älteres Publikum. Gegründet wurde "Die ganze Woche" 1985 vom legendären "Krone"-Mitgründer Kurt Falk. Nach dessen Tod im Jahr 2005 hat Sohn Noah die Zeitung übernommen.