Erstellt am 04. September 2014, 20:43

von APA Red

Burgtheater nahm Abschied von Gert Voss. Der Künstler und der Kindskopf, der besessene Schauspieler und der zurückgezogene Familienmensch – die Trauerreden für Gert Voss waren an diesem warmen, sonnigen Spätsommernachmittag immer wieder von Ambivalenzen gekennzeichnet.

Das Burgtheater verabschiedete sich am Donnerstag ebenso würdig wie persönlich von seinem am 13. Juli überraschend verstorbenen Ehrenmitglied.

Mit Claus Peymann, Nikolaus Bachler, Matthias Hartmann und Karin Bergmann waren vier Burgtheater-Direktoren zur Trauerfeier erschienen, die traditionsgemäß auf der burggartenseitigen Feststiege des Burgtheaters stattfand und nach der ein Trauerzug den Sarg um das Haus geleitete – eine Abschiedszeremonie, die den Ehrenmitgliedern des Hauses vorbehalten ist.

"Er war ein wichtiger Begleiter"

Bergmann, die amtierende, wenngleich interimistische Leiterin des Theaters, erinnerte an dem mit weißen Rosen geschmückten Sarg, an dessen Seiten auf Samtpolstern die Auszeichnungen des 72-jährig gestorbenen Schauspielers ausgelegt waren, daran, dass Voss über ihr ganzes Theaterleben ein wichtiger Wegbegleiter und Gesprächspartner gewesen sei.

"Vielleicht würde ich gar nicht hier stehen, wenn ich nicht von ihm so viel über den Schauspielerberuf gelernt hätte." Voss sei nun selbst Teil jenes Mythos Burgtheater geworden, der ihn eigentlich nie sonderlich interessiert habe: "Die Geschichte des Burgtheaters ist im Negativen die Geschichte seiner Krisen, im Positiven die Geschichte seiner Schauspieler. Gert ist jetzt Teil dieser Geschichte."

Persönliche Rede von Ostermayer

Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) bedankte sich bei der von Musikern des Mahler Chamber Orchestra begleiteten Feier, bei der auch zweimal per Ton-Zuspielung die Stimme von Gert Voss zu hören war (aus dem Hörbuch "Ich bin kein Papagei" sowie aus dem Prospero-Epilog), "für alles, was er für dieses Theater, die Menschen dieser Stadt und darüber hinaus geleistet hat" und erinnerte sich an einen Besuch bei Gert Voss und seiner Frau Ursula, als er im Zuge der Burgtheater-Krise seinen Rat suchte.

Darauf nahm später auch Claus Peymann in seiner Rede Bezug, als er erzählte, Voss habe ihn nach seiner Berufung in die Burgtheater-Findungskommission aufgeregt angerufen und ihn gefragt, ob er nicht Lust habe, "noch einmal von vorne anzufangen"...

Der Regisseur Luc Bondy würdigte Voss als "Typus eines modernen Schauspielers – Deine Intuition reichte Dir nicht", der an seinen Beruf "absolut geglaubt" habe. Ganz ähnlich Burgschauspieler Philipp Hauß: "Ich glaube, dass Gert die Spielweise, die Art zu spielen, grundlegend verändert hat."

Kollegen und Freunde nahmen gemeinsam Abschied

Seine Kollegin Johanna Wokalek erinnerte in einer langen, persönlichen und berührenden Rede an Erfahrungen aus vier gemeinsamen Produktionen ("Die Möwe", "Totentanz", "Die Katze auf dem heißen Blechdach" und "Tartuffe"), an Garderobenbesuche vor den Aufführungen und die immer wiederkehrende Flucht von Voss an der Seite seiner nahezu alle Auftritte ihres Mannes mitverfolgenden Frau Ursula nach den Vorstellungen.

"Die Ausschließlichkeit, mit der Du Deinen Beruf lebtest, war einzigartig. Das Theater war Dein Kloster - und Du sein Mönch." Mit dieser Ausschließlichkeit, mit perfekter Vorbereitung bereits bei der Leseprobe, habe er ihr aber auch Angst gemacht: "Es fiel mir nicht immer leicht, Dich zu mögen."

"Ich habe den ganzen Sommer immer an Gert gedacht: Jetzt liegt er in seinem Eisblock und wartet auf diesen Tag", sagte Ex-Burgtheater-Direktor Claus Peymann, der 46 Jahre mit Voss zusammengearbeitet und ihn 1986 an die Burg geholt hatte, in seiner Rede, die am Ende der Trauerfeier stand.

Peymann: "Bin sehr traurig und verzweifelt"

Er erinnerte an den Familienmensch und den Koch, an den neugierigen Ausprobierer und den fanatischen Perfektionisten, an den "bürgerlichen Anarchisten" und den "eingebildeten Kranken" Voss, aber auch an viele gemeinsam geschlagene Schlachten, vor allem aber an seinen grandiosen "Richard III." zu einer Zeit, als er und seine aus Bochum mitgebrachten Schauspieler als "Okkupanten" empfunden worden seien über die im Haus geraunt worden sei: "Die Nazis sind wieder da." – "Es muss daran erinnert werden, was damals passiert ist.

Auch die Feinde sitzen unter uns. Aber er hat die Schlacht gewonnen." Voss sei ein künstlerischer Weggefährte gewesen wie kaum ein Zweiter. "Ich bin sehr traurig und verzweifelt", sagte Peymann und schloss: "Wir tragen ein großes Kind zu Grabe, ein Genie, einen der größten Schauspieler unserer Zeit."

Zur Trauerfeier waren u.a. Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger, Burgtheater-Aufsichtsratchef Christian Strasser, der Salzburger Festspiel-Chef Sven-Eric Bechtolf, Georg Springer und Günter Rhomberg, der ehemalige und der interimistische Bundestheater-Holding-Chef, Ex-Kanzler Franz Vranitzky, zahlreiche Burgschauspieler wie Klaus Maria Brandauer, Annemarie Düringer und Michael Heltau, Künstler und Regisseure wie Michael Haneke, David Schalko und Andre Heller und Kulturpolitiker wie Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) erschienen.

Die Beisetzung findet am Nachmittag in einem Ehrengrab der Stadt Wien auf dem Zentralfriedhof statt. Die Grabrede hält der langjährige Burgtheater-Dramaturg Hermann Beil.

Das Burgtheater wird das letzte Novemberwochenende dem künstlerischen Schaffen von Gert Voss widmen. Dabei werden u.a. Theateraufzeichnungen und Filme gezeigt.

Den Abschluss soll die Präsentation des im Auftrag der Akademie der Künste Berlin von der Dramaturgin Ursula Voss, der langjährigen Ehefrau des Verstorbenen, herausgegebenen Buches "Gert Voss auf der Bühne" bilden. Das Buch sei noch gemeinsam mit Gert Voss geplant worden, sagte Karin Bergmann. "Die Präsentation müssen wir jetzt ohne ihn machen."

Erinnerung an eine Theater-Legende

Der 1941 in Shanghai geborene und in Deutschland aufgewachsene Schauspieler wird dem Wiener Publikum nicht nur als "Richard III.", sondern u.a. auch als Shylock in Peter Zadeks legendärem "Kaufmann von Venedig" (1988), "Prospero" im "Sturm" (1988), "Othello" (1990) und als Tschechows "Iwanow" (1990) in Erinnerung bleiben.

Dazu kamen die großen Altersrollen wie "Lear" (2007), "Wallenstein" (2007) und Mephisto in "Faust" (2009). Für seinen Trigorin in "Die Möwe" am Akademietheater erhielt Voss im Jahr 2000 den erstmals verliehenen "Nestroy"-Preis als bester Schauspieler.

Zu seinen weiteren Auszeichnungen zählen u.a. die Kainz-Medaille und der Kortner-Preis, seit 1998 trug er den Berufstitel Kammerschauspieler, 2009 wurde er Ehrenmitglied des Burgtheaters. 2012 war er noch in der Komödie "Zettl" von Helmut Dietl im Kino zu sehen. Die begonnenen Dreharbeiten zu der TV-Serie "Altes Geld" unter der Regie von David Schalko blieben sein letztes künstlerisches Projekt.