Erstellt am 06. Oktober 2014, 20:05

Vonn "sprang" für Comeback bis auf den Everest. Lindsey Vonn will ihre Führungsrolle im alpinen Skirennsport wieder einnehmen. Das hat die 29-jährige US-Amerikanerin zehn Monate nach ihrem neuerlichem Kreuzbandriss am Montagabend in Tirol bekräftigt.

130 Pisten-Bullys hat Vonn in den sieben Comeback-Monaten virtuell gestemmt, "gesprungen" ist sie bis auf den Gipfel des Mount Everest. Der erste Rennstart ist für Lake Louise geplant.

Im Februar 2013 ist die vierfache Weltcup-Gesamtsiegerin Vonn bei der WM in Schladming durch einen Kreuzbandriss im Knie aus ihrem Erfolgslauf gerissen worden. Neun Monate später widerfuhr der mit 59 Weltcupsiegen erfolgreichsten aktiven Rennläuferin das Missgeschick beim Training in den USA erneut. Vonn startete dennoch drei Mal in Lake Louise, ließ sich dann aber erneut operieren und verzichtete auf Olympia. Seit März arbeitet Vonn am Comeback und gestand nun: "In Wahrheit war die zweite Verletzung schwerer als die erste."

Erste Schwünge nach langer Pause

Vergangene Woche absolvierte die erfolgreichste US-Skirennläuferin aller Zeiten in Sölden ihre ersten Schwünge seit langem. Montagabend präsentierte sie sich bei einer interaktiven Pressekonferenz eines Sponsors (Under Armour) in Hall bei Innsbruck dementsprechend zuversichtlich. "Ich bin so froh, dass ich das alles hinter mir habe und wieder auf Schnee bin. Skifahren ist mein Leben, jetzt schaue ich nur mehr nach vorne", sagte die Abfahrts-Olympiasiegerin von 2010, die ihre Karriere wegen ihrer Verletzungen bis 2018 "verlängert" hat.

"Eigentlich hatte ich ja gedacht, dass die Heim-WM in Vail ein schöner Schluss sein könnte", gestand Vonn in Tirol. In wenigen Tagen wird die Amerikanerin 30 Jahre alt, das ist für Vonn aber höchstens ein "positiver Schock". "Im Kopf bin ich deutlich jünger und Michaela Dorfmeister hat mit 33 Jahren zwei Goldmedaillen gewonnen", nahm Vonn Anleihe an der österreichischen Doppel-Olympiasiegerin von Turin 2006.

Für die Rückkehr auf die Rennpisten hat Vonn ein intensives Trainings-Programm abgewickelt. Mit dabei war stets Robert Trenkwalder vom RB-Athletenprojekt. "Rückschläge sind in jeder Karriere etwas Wichtiges. Aber Lindsey hat eine bewundernswerte Einstellung. Ihr Siegeswille ist ungebrochen", ist der ehemalige ÖSV-Abfahrtstrainer überzeugt. Der Tiroler warnte aber auch: "Der Weg ganz zurück ist noch sehr steil."

Vier bis sechs Stunden tägliches Training

Vonn selbst stellte in Tirol ihre Fitness beim Hockefahren hinter Windmaschinen, bei dem sie gleichzeitig Interviews gab, sowie dem Wett-Ziehen von Gewichten unter Beweis. Zudem präsentierte sie in ihrem "Comeback-Camp" eindrucksvolle Zahlen.

Vier bis sechs Stunden täglich hat Vonn nach eigenen Angaben in den vergangenen sieben Monaten trainiert, um wieder Nummer eins der Skiwelt werden zu können. Ihr Lieblings-Ausdauertraining war Rennradfahren, wobei sie 233 Stunden im Sattel verbrachte. Dabei legte sie etwa 6.500 km zurück.

Präsentiert wurden auch andere Zahlen. Während ihres Comeback-Trainings verbrauchte Vonn demnach 525.000 Kalorien (1.000 Schokoriegel), schwitzte rund 1.300 Liter Wasser heraus und schied dabei 1.300 Gramm Salz aus. Auf dem Weg zurück erzeugte der Skistar 619 kWh Energie. Damit hätte Lindsey Vonn eine Single-Wohnung fünf Monate lang versorgen können.

Vonn absolvierte laut den Angaben insgesamt 125 Core Sessions, 35 Stunden Balance-Übungen, 250 Stunden Physiotherapie und 180 Stunden Icing. Während ihres Krafttrainings führte sie rund 12.000 sogenannter "Squats" durch. Dabei stemmte sie ein Gesamtgewicht von etwa 1.560 Tonnen, was 130 mal dem Gewicht eines 12 Tonnen schweren Pistenbullys entspricht. Bei den Sprungeinheiten kam sie auf 27.000 Sprünge. Auf Meter umgerechnet, hätte sie auf diesem Weg die Spitze des Mount Everest erreicht.

Dass das nicht immer Spaß gemacht hat, gestand Vonn offen ein. "Vor allem die ersten zwei Monate waren echt hart." Geholfen haben ihr - auch - die Fans. 530.000 Briefe, Tweets, SMS, Likes usw. haben sie in den vergangenen Monaten erreicht und ihr mentale Kraft gegeben. Nur fünf Tage wollte sie nicht ins Gym. "Weil ich schlafen wollte", erklärte Vonn.

Dass sie und ihr Freund, US-Golfstar Tiger Woods, derzeit und gleichzeitig am Comeback nach Verletzungen arbeiten, lässt Vonn schmunzeln. "Er ist ein großes sportliches Vorbild. Ich denke, ich bin für ihn aber auch eines. Wir inspirieren uns", erklärte Vonn. Die viele gemeinsame Zeit daheim sei kein "Problem." Nerven tut uns beide nur, dass wir derzeit nicht bei Wettkämpfen sind."