Erstellt am 13. September 2016, 15:21

von APA Red

Mehrjährige Haftstrafen für brutale "Home Invasion". Der Prozess um den brutalen Überfall auf eine Ehepaar in ihrer Villa in Wien-Döbling ist mit mehrjährigen Haftstrafen zu Ende gegangen.

 |  APA

Die Männer fassten 5,5 Jahre bzw. eine vierjährige Zusatzstrafe aus, weil der Verurteilte bereits eine 20-monatige Strafhaft in Niederösterreich wegen Einbruchsdiebstahls absitzt.

Der 31-Jährige hatte den Einbruch nur drei Tage vor dem Überfall begangen.  Beide Urteile sind nicht rechtskräftig. Weder die Staatsanwältin, noch die Verteidiger - Rudolf Mayer und Christian Werner - gaben eine Erklärung ab.

Die Bande hatte bereits einen Monat vor dem Überfall den Coup geplant. Warum gerade der Mediziner und seine Frau als Opfer ausgesucht wurden, konnte der 27-jährige Hauptangeklagte - ein gebürtiger Serbe, der seit über zehn Jahren in Wien lebt - nicht sagen. Seine Komplizen hätten den Mann "einmal verfolgt, weil er einen Porsche fährt", mutmaßte der Beschuldigte gegenüber der Schöffensenatsvorsitzen Gerda Krausam. Er selbst sei im Jänner von seinem serbischen Cousin über Facebook kontaktiert worden. Bei einem Treffen in einem Wiener Kaffeehaus wurde er in die Pläne eingeweiht.

Da der 27-Jährige zu dieser Zeit keiner Beschäftigung nachging, willigte er ein, als Dolmetscher bei der "Home Invasion" dabei zu sein. Weil er der deutschen Sprachen mächtig ist, sollte er bei dem Überfall mit den Opfern kommunizieren und sie fragen, wo Geld und Schmuck in dem Haus versteckt sei. Die Bande mietete zwei BMW an, am 16. Februar fuhren sie zu der Villa in der Kahlenberger Straße in Döbling. Sie läuteten an, und weil die 71-jährige Frau ihren Mann erwartete, öffnete sie arglos die Wohnungstür.

Mit Schlägen attackiert und gewürgt

Der 31-jährige Zweitangeklagte und zwei weitere Komplizen drangen sofort in das Haus und attackierten die Frau mit Schlägen, während der 27-Jährige vor der Tür wartete und ein weiterer in unmittelbarer Nähe Schmiere stand. "Sobald jemand die Tür öffnet, wird Gewalt angewendet", berichtete der Angeklagte über den vorgegebenen Plan. Die Arztgattin wurde mit Klebebändern gefesselt, auch ihre Augen wurden verklebt. Als die Frau bereits hilflos am Boden lag, betrat der 27-Jährige das Haus. "Ich habe gesagt, sie soll still sein, es ist alles in Ordnung", meinte der Beschuldigte. Die Frau berichtete, dass bald ihr Mann nach Hause käme, worauf die Räuber die Frau in die Toilette sperrten und sich auf die Lauer legten.

Als dann der Ehemann wenige Minuten später zu Hause eintraf, malträtierten sie auch den Mediziner mit Schlägen und würgten den Mann. Auch er wurde mit einer Vorhangkordel gefesselt und die Augen mit Klebebänder verschlossen. "Ich hab gesagt, er soll ruhig bleiben. Und ich hab ihm gesagt, dass es seiner Frau und seinem Hund gut geht", schilderte der 27-Jährige. "Da hat er sich bedankt." Er habe mit dem Opfern "höflich kommuniziert", und gesagt, "das ist das erste Mal, dass ich so etwas mache."

"Können Sie sich vorstellen, wie den Opfern gegangen ist? Sie sagen der Frau, alles ist gut. Sie war gefesselt. Nichts war gut", sagte Richterin Krausam. "Nichts war gut und ich bereue es", meinte der 27-Jährige mit gesenktem Kopf. Tage später habe er Online-Zeitungen durchforstet, um zu sehen, ob es den Opfern gut geht. "Die anderen haben gesagt, die werden sich schon selbst befreien", sagte der Angeklagte. "Und wäre das gegangen", fragte die Richterin. "Schwer."

Mit Beute in Höhe von 98.000 Euro geflüchtet

Mit einer Beute in Höhe von 98.000 Euro flüchtete die Bande vom Tatort. Das Bargeld wurde mitgenommen, der Schmuck bei einem Hehler versetzt. Der 27-Jährige, der sich wegen Raubes, Freiheitsentziehung und in einem anderen Fall wegen versuchten Einbruchsdiebstahls verantworten musste, erhielt 2.000 Euro für seine Dienste.

Vier Monate nach dem Coup wurde der 27-jähriger Serbe, der bereits einschlägig vorbestraft ist, dank einer DNA-Spur auf einem der Klebebänder identifiziert. Nach einem unfangreichen Geständnis wurde kurze Zeit später sein 31-jähriger Cousin festgenommen. Nach drei weiteren Komplizen - teilweise weitere Familienmitglieder - wird noch gefahndet.

Wie die 71-jährige Ehefrau des Mediziners im Zeugenstand berichtete, verschafften sich die Täter mit einem Trick Zutritt zu der Villa in Döbling. In Erwartung ihres Ehemannes ging sie zur Tür, sah dann jedoch einen dunkles Fahrzeug vor dem Haus. Dessen Fahrer deutete auf das Arztschild neben der Tür. "Ich dachte, da wollte sich jemand bei meinem Mann bedanken", meinte die Frau.

Doch plötzlich wurde die damals 70-Jährige von einem Mann zurückgedrängt, der ihr einen Faustschlag ins Gesicht versetzte. "Sie haben sofort nach Geld und dem Schlüssel des Tresors gefragt. Ich hab gesagt, ich hab kein Geld, sie sollen auf meinen Mann warten." Daraufhin wurde die Frau in der Toilette gefangen gehalten. "Es war entsetzlich", sagte die 71-Jährige. "Hatten Sie Todesangst", fragte Richterin Gerda Krausam. "Ja."

64-Jährigen bewusstlos geschlagen

Als der 64-jährige Arzt nach Hause kam, wunderte er sich, dass ihn der Hund nicht begrüßte. Als er in die dunkle Küche kam, stand plötzlich ein Mann vor ihm und schlug ihn mit der Faust in den Magen. Daraufhin wurde der Gefäßchirurg bewusstlos. Als er wieder erwachte, war er bereits an Händen und Füßen gefesselt. Die Täter fragten ihn nach dem Tresor, einer blieb als Bewacher bei dem Mediziner.

Die Männer hatten gebrochenes Deutsch und Englisch gesprochen und sich in einer Sprache unterhalten, die der 64-Jährige nicht identifizieren konnte. "Ich spreche fünf slawische Sprachen. Serbisch hätte ich erkannt. Ich dachte, sie sprachen albanisch, sie haben sich ja auch als Albaner ausgegeben." Worauf die Dolmetscherin in dem Verfahren darauf aufmerksam machte, dass es sich um Romanes gehandelt haben könnte.

Der Mediziner versuchte, die Männer in ein persönliches Gespräch zu verwickeln. "Ich hab gesagt, dass ich morgen eine Operation habe und dass die Patienten nicht warten sollen." Die Aggression der Männer verschwand dann endgültig, als sie den Tresor fanden und aus der Wand hebelten. Als die Täter verschwunden waren, machte sich der 64-Jährige auf die Suche nach seiner Frau. "Das war der erste Schock, weil ich sie zuerst nicht finden konnte. Da war ich verzweifelt."

Villa nun mit Kamera gesichert

Auch wenn das Ehepaar vor Gericht einen gefassten Eindruck machte, hat sich ihr Leben in dem Haus in Döbling grundlegend geändert, wie der Gefäßchirurg im Interview mit der APA verdeutlichte. Die Villa ist nun mit Kameras gesichert, eine App zeigt dem Mediziner jederzeit auf dem Handy, wer an seiner Gartentür steht. "Ich war damals ein bisschen blauäugig, aber ich habe Konsequenzen gezogen." Den Tätern möchte er nach dieser Verhandlung nicht mehr begegnen. Auf die Frage, was er ihnen sagen würde, meinte der Arzt: "Ob sie als Männer stolz darauf sind, sich auf eine Frau zu stürzen, sie zu schlagen und zu fesseln."