Erstellt am 29. Juni 2016, 13:42

von APA/Red

Räuberin hetzte Kampfhund auf Touristen: Prozess. In schlechter Erinnerung wird eine schwedische Familie ihren heurigen Osterurlaub in Wien behalten.

 |  APA (Archiv/AFP)

Als Ellen und Gardar B. am 26. März mit ihrer kleinen Tochter die Sehenswürdigkeiten in der Innenstadt besichtigten, wurden sie von einer Räuberin angegriffen, die ihren Kampfhund auf sie hetzte. Das Tier biss der Frau in den Bauch. Am Mittwoch wurde gegen die Täterin verhandelt.

Die inkriminierten Vorgänge spielten sich am Samstag vor Ostern in der Rotenturmstraße unweit vom Stephansdom ab. Eine 22-Jährige aus dem Bezirk Melk war für ein paar Tage nach Wien gekommen, um Freunde zu besuchen. Mit dabei hatte sie ihren Staffordshire Terrier, den sie sich im Februar 2014 aus einem Tierheim besorgt hatte.

Als sie am frühen Nachmittag mit "Daisy" spazieren ging, war die junge Frau eigenen Angaben zufolge vollgepumpt mit LSD und Ketamin. Da sie kein Geld mehr hatte, um nach Hause zu fahren, sei sie "auf die blöde Idee gekommen, dass ich eine Handtasche flader'. Das Ganze war unüberlegt. So deppert kann eigentlich keiner sein", machte sie nun vor einem Schöffensenat (Vorsitz: Michael Tolstiuk) geltend.

Zunächst näherte sich die junge Frau einer 62 Jahre alten Wienerin, die vom Einkaufen nach Hause ging. Die Angeklagte versuchte ihr ruckartig die Handtasche zu entreißen, und zugleich hetzte sie ihren Hund auf die 62-Jährige, wie jene nun im Straflandesgericht als Zeugin darlegte: "Der Hund und sie sind ein Team gewesen. Das war eindeutig. Er ist mich auf ihre Anweisung massiv angesprungen. Ich hab' eine Angst gehabt, dass der mich schwer verletzt." Mit der voll beladenen Einkaufstasche konnte sie den Kampfhund abwehren: "Ich sehe noch seine fletschenden Zähne vor mir. Ich habe bis heute Albträume."

"Vor Angst in ein Restaurant geflüchtet"

Ein Mitarbeiter einer Pizzeria wurde schließlich auf die Szene aufmerksam und kam der 62-Jährigen zu Hilfe, indem er hinauseilte, die Frau kurzerhand ins Lokal zerrte und die Tür hinter sich schloss. Das brachte die Räuberin, der es nicht gelungen war, sich die Handtasche anzueignen, derart in Rage, dass sie vor der Pizzeria Sachen beschädigte. Danach suchte sich die 22-Jährige ein weiteres Opfer.

Sie wurde nur wenige Meter später auf ein Ehepaar aus Stockholm aufmerksam, das seine Tochter in einem Kinderwagen gemütlich durch die Rotenturmstraße schob. "Ich hab die Versace-Tasche der Frau gesehen und mir gedacht, dass ich die nimm", gestand die Hundebesitzerin. Laut Anklage kommandierte sie ihre "Daisy", die sie eigenen Angaben zufolge sogar nachts bei sich im Bett schlafen lässt, mittels eines Handzeichens zum Angriff.

Der Staffordshire Terrier sprang die 33 Jahre alte Schwedin an und biss dieser in den Bauch. "Aufgrund des Bisses habe ich die Handtasche losgelassen und bin vor Angst in ein Restaurant geflüchtet", gab die verletzte Frau später der Polizei gegenüber an. Ihr gleichaltriger, gleichermaßen geschockter Ehemann war bestrebt, seine kleine Tochter vor dem offensichtlich abgerichteten, rabiaten Kampfhund zu schützen.

Die Besitzerin des Tiers war unterdessen bestrebt, mit ihrer Beute zu flüchten, doch der Pizzeria-Mitarbeiter, der sie nicht aus den Augen gelassen hatte, nahm - mit einem Sessel bewaffnet - die Verfolgung auf. Die 22-Jährige rief ihm zunächst "Schleich di!" zu. Als der Mann ihr weiter folgte, erteilte sie dem Hund Anweisungen, auch auf den loszugehen. Dazu kam es nicht mehr, weil die mittlerweile alarmierte Polizei auf den Plan trat.

"Hund ist ein Angstbeißer"

Vor Gericht gab sich die Angeklagte, die damals in einem auffälligen Punker-Outfit auftrat, als braves Mädl. Sie trug ein artiges Kostüm, ihre Haare hatte sie in Schuldmädchenstil hochgesteckt. "Ich hab' den Hund nicht auf wen gehetzt. Er ist einfach mit mir gegangen", behauptete sie. "Daisy" sei "eigentlich voll brav", aber "ein Angstbeißer, wenn er merkt, dass ich nervös und im Stress bin". Sie gehe davon aus, dass die schwedische Touristin "nicht richtig gebissen", sondern "angefahren" wurde. Aufs Beißen abgerichtet habe sie ihren Liebling nicht.

Die 22-Jährige sitzt seit ihrer Festnahme in U-Haft. Der Hund befindet sich wieder in einem Tierheim und soll - wie dort betont wird - unproblematisch sein. Seitens der Geschädigten gibt es jedoch Bestrebungen, ihn sicherheitshalber einschläfern zu lassen, was die Angeklagte verhindern möchte. Das Tier wird von der Staatsanwaltschaft als Waffe qualifiziert - der 22-Jährigen wird schwerer Raub vorgeworfen, weil sie "Daisy" als eben solche eingesetzt haben soll.

Die Verhandlung wurde zur Einholung eines psychiatrischen Gutachtens auf Ende August vertagt. Ein Sachverständiger soll abklären, ob die Angeklagte im Tatzeitpunkt aufgrund ihres Drogen-Konsums zurechnungsfähig war.