Erstellt am 09. Januar 2015, 14:30

von APA Red

Zwei blutige Geiselnahmen in Frankreich. Nach dem Terroranschlag auf das französische Magazin "Charlie Hebdo"überschlagen sich in Frankreich die Ereignisse.

Während die beiden mutmaßlichen Attentäter vom Mittwoch nördlich von Paris eine Geisel in ihrer Gewalt halten, nahm im Osten von Paris ein Mann mindestens fünf Geiseln. Insgesamt fielen mindestens vier Menschen der Gewalt zum Opfer.

Auch Kinder unter den Geiseln

Unter den Geiseln sind nach Berichten französischer Medien auch Kinder. Der Tatort soll laut Informationen der Nachrichtenagentur AFP ein Lebensmittelgeschäft für koschere Produkte gewesen sein. Bei dem Vorfall kam es demnach an der Porte de Vincennes auch zu einer Schießerei. Der Mann sei mit Sturmgewehren bewaffnet, hieß es. Zumindest zwei Menschen wurden getötet, berichteten mehrere Medien, mindestens ein Mensch wurde verletzt.

Zuvor hatte die Polizei bestätigt, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Terroranschlag auf die Redaktion des Satiremagazins am Mittwoch und den tödlichen Schüssen auf eine Polizistin im Süden von Paris am Donnerstag gibt. Das französische Magazin "Le Point" hatte zuvor berichtet, alle drei mutmaßlichen Attentäter hätten derselben Terrororganisation, dem "Buttes-Chaumont-Netzwerk", angehört.

Die beiden Hauptverdächtigen des "Charlie Hebdo"-Anschlags hatten sich am Freitagvormittag eine Verfolgungsjagd mit der Polizei unweit des Flughafens Charles de Gaulle geliefert. Bei einem Schusswechsel soll es mindestens zwei Tote gegeben haben, außerdem sollen 20 Menschen verletzt worden sein. Nach der Geiselnahme in einer kleinen Druckerei in Dammartin-en-Goele verhandelt die Polizei seit einigen Stunden mit den Brüdern Said und Cherif Kouachi.

Verdächtiges Duo will als "Märtyrer" sterben

Von einem echten Dialog könne man aber nicht sprechen, sagte ein Sprecher des französischen Innenministeriums, der zugleich eine Stürmung des Druckereigebäudes derzeit ausschloss. Laut Medienberichten haben die Hauptverdächtigen angegeben, sie seien bereit, als "Märtyrer" zu sterben.

Die Geiselnahme fand nach Angaben der Gemeindeverwaltung in einer Druckerei mit lediglich vier Mitarbeitern statt, berichtete die Tageszeitung "Le Monde".

Bei dem Attentat auf die "Charlie Hebdo"-Räumlichkeiten am Mittwoch waren zwölf Menschen getötet worden. Das Magazin ist unter anderem für seine Mohammed-Karikaturen bekannt.

Einer der beiden mutmaßlichen Verdächtigen war nach Angaben des US-Senders CNN im vergangenen Jahr in Syrien. Um welchen der Brüder es sich handelt, sei allerdings unklar, berichtete der Sender unter Berufung auf französische Sicherheitskreise.

Bereits 2005 sei einer der Brüder im Jemen gewesen, sagte die französische Justizministerin Christiane Taubira dem Sender am Donnerstag. Zuvor hatten CNN und die "New York Times" berichtet, dass der ältere Bruder Said Kouachi (34) im Jahr 2011 bei einem Al-Kaida-Ableger im Jemen im bewaffneten Kampf ausgebildet worden sei.

Untersuchungshaft über neun Verdächtige verhängt

Said und Cherif (32) Kouachi stehen laut CNN auf der allgemeinen Terror-Beobachtungsliste TIDE (Terrorist Identities Datamart Environment). In dieser Liste werden bekannte oder mutmaßliche internationale Terroristen geführt. Die beiden Franzosen stehen auch auf einer No-Fly-Liste, was ihnen Flüge in die USA verwehrt.

Über neun Verdächtige hat die französische Justiz Untersuchungshaft verhängt. Diese stammten aus dem Umfeld der beiden Hauptverdächtigen, zitierten französische Medien Innenminister Bernard Cazeneuve nach einer Pressekonferenz am Donnerstagabend.

Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande betonte, dass jetzt alles zum Schutz der Franzosen getan werden müsse. Die nach dem Attentat mit zwölf Toten erhöhte Sicherheitsstufe im Großraum Paris und in Teilen Nordfrankreichs diene auch dazu, beruhigend zu wirken, sagte Hollande am Freitag im Pariser Innenministerium.

Magazin will weitermachen: Karikatur stärker als "Barbarei"

"Charlie Hebdo" begründete unterdessen, warum die verbliebene Redaktion auch nach den Mordanschlag weitermachen will. Auf der Internetseite der religionskritischen Zeitschrift ist eine große gezeichnete Faust zu sehen, die einen Zeichenstift umgreift. Daneben steht, die Kraft der Karikatur sei stärker als die "Barbarei".

Die nächste Ausgabe der "Zeitschrift der Überlebenden" erscheine am kommenden Mittwoch. Zuvor war berichtet worden, die Ausgabe solle in einer Auflage von einer Million Exemplare erscheinen. Zuletzt hatte die Zeitschrift nur eine Auflage von mehreren Zehntausend Heften. Mehrere französische Medien haben dem Magazin nach dem Attentat Hilfe zugesagt.

Der UNO-Sicherheitsrat in New York würdigte mit einer Schweigeminute die Opfer von Paris. UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon rief zur Toleranz auf.

US-Präsident Barack Obama besuchte am Donnerstagabend (Ortszeit) die französische Botschaft in Washington und trug sich dort in ein Kondolenzbuch ein und beendete seinen Eintrag mit "Vive la France!" (Es lebe Frankreich).

Am Sonntag internationales Treffen gegen Terrorismus

Obama hatte das Attentat auf das Satiremagazin in Paris bereits zuvor als feige Tat und als Anschlag auf die Meinungsfreiheit verurteilt. Die US-Sicherheitsbehörden haben nach Angaben des Weißen Hauses keine Hinweise auf konkrete Terrordrohungen in den USA. Das sagte Regierungssprecher Josh Earnest nach Beratungen von Obama mit seinem Sicherheitsteam. Einzelheiten nannte er nicht.

Am Sonntag findet in Paris ein internationales Treffen zum Kampf gegen den Terrorismus statt. Der französische Innenminister Cazeneuve sagte am Donnerstagabend, er habe seine Kollegen "der am meisten vom Terrorismus betroffenen europäischen Länder" ebenso eingeladen wie US-Justizminister Eric Holder und US-Heimatschutzminister Jeh Johnson. Auch EU-Vertreter sollen kommen.

Der nächste EU-Gipfel am 12. Februar wird sich nach Worten von EU-Ratspräsident Donald Tusk ebenfalls dem Thema Terrorismusbekämpfung widmen. Tusk erklärte am Freitag nach einem Treffen mit der lettischen Ministerpräsidentin Laimdota Straujuma in Riga, er habe bereits am Donnerstagabend mit Frankreichs Präsident Hollande darüber gesprochen.