Erstellt am 02. Oktober 2014, 13:18

von APA Red

Zwei Töchter erdrosselt: Prozess gegen Mutter. Eine laut Staatsanwältin Ursula Kropiunig "grauenhafte" Familientragödie ist am Donnerstag vor einem Schwurgericht (Vorsitz: Ulrich Nachtlberger) verhandelt worden.

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Eine 39-jährige Frau hatte am 19. September 2013 in einer Wohnung in der Koppstraße in Wien-Ottakring zwei ihrer vier Kinder getötet und sich anschließend die Pulsadern aufgeschnitten und aus dem Fenster gestürzt.

Trotz zerrissener Leber und Lunge überlebt

Entgegen ärztlicher Prognosen überlebte die Frau den Sturz aus dem vierten Stock. Sie war aus einer Höhe von elf Metern auf einem asphaltierten Gehweg aufgeprallt und hatte massive Kopf- und Schädelverletzungen, Serienrippenbrüche, ein zertrümmertes Becken und eine zerrissene Leber und Lunge davongetragen. "Am Anfang hat niemand gedacht, dass sie wieder aus dem Koma aufwachen wird", erklärte ihr Verteidiger.

Nun allerdings schleppte sich die Frau, die wider Erwarten das Bewusstsein wieder erlangte und im Dezember erstmals zu dem Vorgefallenen befragt werden konnte, auf einem Rollator in den Verhandlungssaal im Straflandesgericht.

Ohne fremde Hilfe kann sie sich nicht mehr fortbewegen. Mit einem Kapuzenpulli und einer tief gebeugten Kopfhaltung versuchte sie ihr Gesicht vor den anwesenden Fotografen und Fernsehkameras zu verbergen.

Unzurechnungsfähigkeit als Schuldausschließungsgrund?

"Sie ist nicht böse. Diese Frau ist krank. Diese Erkrankung ist Grund für die Tat, wegen der wir hier sitzen", stellte Gerichtspsychiater Karl Dantendorfer fest. Die 39-Jährige habe unter dem Einfluss einer "anhaltenden wahnhaften Störung" gehandelt.

Sie sei zum Tatzeitpunkt nicht zurechnungsfähig gewesen, weshalb ein Schuldausschließungsgrund vorliege. Die Staatsanwaltschaft hatte die Frau daher nicht als Doppelmörderin angeklagt, sondern ihre Unterbringung in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher beantragt.

Die 39-Jährige stammt aus Ägypten. Nach der Scheidung von ihrem ersten Mann lernte sie einen Landsmann kennen, der in Wien als Taxifahrer arbeitete. Mit diesem zog sie im Jahr 2000 nach Österreich und brachte in weiterer Folge vier Kinder - drei Töchter und einen Sohn - zur Welt.

Der Bub litt unter einer schweren Krankheit, deren Ursache sich geraume Zeit nicht feststellen ließ. Trotz mehrerer Operationen besserte sich der Zustand des Kindes nicht. Erst im August 2013 diagnostizierten Ärzte Morbus Addison, eine Erkrankung der Nebennierenrinde.

Schuldvorwürfe wegen genetisch bedingter Krankheit

Bei Internet-Recherchen fand die Mutter heraus, dass es sich dabei um eine genetisch bedingte Krankheit handelt, die ausschließlich von Frauen an die nächste Generation weitergegeben wird, wobei sie nur bei Männern ausbricht.

Laut psychiatrischem Gutachten steigerte sich die Mutter binnen weniger Wochen in einen "Schuldwahn" hinein, für die gravierende Erkrankung ihres Sohnes verantwortlich zu sein. "Sie gelangte zur Überzeugung, sie sei Schuld am Elend der Familie", sagte Dantendorfer.

Die unbegreifliche Bluttat charakterisierte der Sachverständige folgendermaßen: "Aus ihrer Sicht war es besser, ich sterbe und nehme die Kinder, die die Krankheit weitergeben können, mit".

"Hätte ich es gewusst, hätte ich nicht geheiratet und nicht gebärt"

Nachdem die sechsköpfige Familie gefrühstückt hatte, begab sich der Vater mit dem Sohn zu einem Kontrolltermin ins SMZ Ost. Die älteste, zwölf Jahre alte Tochter bettelte, mitkommen zu dürfen - das dürfte ihr vermutlich das Leben gerettet haben. Denn nachdem die drei die Wohnung verlassen hatten, erdrosselte die Mutter ihre neun und sechs Jahren alten Töchter, wobei die Ältere eine Zwillingsschwester des Buben war. Als Tatwerkzeuge dienten ihr laut Anklagebehörde ein Schal bzw. das Kabel eines Bügeleisens.

Dass es sich dabei um einen erweiterten Selbstmord gehandelt haben dürfte, ging aus einem in arabischer Sprache verfassten Abschiedsbrief hervor, der am Tatort sichergestellt werden konnte. Demzufolge ging es der Frau darum, ihre Familie von "Schande" freizumachen.

"Ich habe mich umgebracht, weil ich es nicht ertrage anzusehen, dass meine Kinder ihr ganzes Leben belastet und traurig sind. Ich wusste nicht, dass ich die Krankheit in mir trage. Ich habe mich umgebracht, weil ich verschmutzt-besudelt bin und den größten Fehler begangen habe, weil ich nicht wusste... Hätte ich gewusst, hätte ich nicht geheiratet und hätte nicht gebärt", ist in dem Brief zu lesen.