Eltendorf

Erstellt am 21. September 2016, 13:52

Den eigenen Bruder angeschossen: Prozess. Wegen Mordversuchs muss sich ein 54-jähriger aus Zahling (Gemeinde Eltendorf, Bezirk Jennersdorf) heute, Mittwoch, in Eisenstadt vor Gericht verantworten.

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Die Anklage wirft dem Mann vor, im März bei einem Streit am Anwesen der verstorbenen Eltern im Bezirk Jennersdorf seinen 61-jährigen Bruder mit einer Pistole angeschossen zu haben (BVZ.at hatte berichtet, siehe ganz unten). Zum Prozessbeginn bestritt der Angeklagte die Tötungsabsicht.

Nach dem Tod des Vaters hätten zwischen den Brüdern Erbschaftsstreitigkeiten begonnen, die sich 2015 nach dem Ableben der Mutter noch verschärft hätten, stellte Staatsanwalt Heinz Prinke fest.

Am Tattag, dem 25. März, sei der Angeklagte zu der Landwirtschaft gefahren und habe erfahren, dass sein Bruder Geräte verkaufen wolle. Beim Eingang angekommen, habe er den Bruder noch aus dem Auto heraus angeherrscht.

"Ich baller' dich weg" und Pfefferspray

Nach dem Aussteigen seien auch Worte wie "Ich baller' dich weg" gefallen. Der ältere Bruder habe den 54-Jährigen mit Pfefferspray angesprüht, sei in die Küche gelaufen und habe die Tür verschlossen. Der Angeklagte habe dann von außen auf die Verglasung der Küchentür geschossen und den 61-Jährigen getroffen, der einen Unterarmdurchschuss und einen Bauchsteckschuss erlitt.

Laut den Ausführungen der Sachverständigen habe das Glas und ein Vorhang die Kugel so verlangsamt, dass sie nicht tiefer eindringen konnte, so Prinke. Nach der Tat sei der Angeklagte zur Polizei gefahren und habe seinen Bruder wegen der Pfefferspray-Attacke angezeigt.

Nicht ein Erbschaftsstreit, sondern ein Streit innerhalb der Familie des Angeklagten habe sich bereits seit Jahren hingezogen, führte Verteidiger Gerald Ruhri aus. Sein Mandant habe wegen der Alkoholsucht des Vaters schon in jungen Jahren den landwirtschaftlichen Betrieb führen müssen. Der Vater habe seinen Hälfteanteil vor seinem Tod auf den 61-jährigen Bruder übertragen.

Alkoholprobleme: Zweimal besachwaltert

Die Mutter, die 2015 starb, überschrieb ihre Hälfte dem Angeklagten, womit die beiden Brüder, die völlig unterschiedlicher Auffassung über die Führung der Landwirtschaft gewesen seien, durch die Miteigentumsverhältnisse "aneinandergekettet" gewesen seien.

Der 61-jährige Bruder sei zudem wegen Alkoholproblemen zweimal unter Aufsicht eines Sachwalters gestellt worden. Nach der Beendigung dieser Maßnahme habe er begonnen, Geräte vom Bauernhof zu verkaufen, um seinen Lebensunterhalt und seine Alkoholsucht zu finanzieren, schilderte Ruhri. Der 61-Jährige sei schon wegen einer früheren Pfefferspray-Attacke auf den Angeklagten einmal weggewiesen worden.

Am Tattag habe der 61-Jährige seinen Mandanten schon nach dem Eintreffen beim Anwesen einmal mit Pfefferspray angesprüht. Aus der Küche heraus habe er den 54-Jährigen dann noch einmal besprüht, worauf dieser in seine Tasche griff, die Pistole zog und geschossen habe. Die Waffe habe der Angeklagte vor einigen Wochen im Haus gefunden. An diesem Tag habe er die Pistole lediglich bei sich gehabt, um sie zurückzubringen.

"Mein Mandant bestreitet nicht, dass er durch diese Scheibe geschossen hat", sagte Ruhri. Aber der 54-Jährige habe nicht gezielt, sondern "aus der Hüfte" geschossen. Der Angeklagte werde sich "im Sinne einer Körperverletzung" schuldig bekennen.

Angeklagter zu Körperverletzung geständig

Mehr als zwei Stunden wurde der Angeklagte vom Geschworenensenat zu den Ereignissen vom 25. März befragt. "Ich bekenne mich nur für die Körperverletzung schuldig", betonte der 54-Jährige eingangs. Dem Gericht schilderte er, wie er sich in Vergangenheit um die Erhaltung der Landwirtschaft bemüht habe, während der Angeklagte beispielsweise "sündteure Geräte" gekauft hätte.

Sein Bruder habe die Wälder ausgeschlagen und das Milchkontingent verkauft. Schon damals habe der 61-Jährige den Finanzbedarf nicht decken können, die Schulden seien gestiegen. "Er hat sich einfach übernommen", schilderte der Angeklagte. Im Jahr 2006 habe man bereits einen Käufer für den Betrieb gefunden, aber die Mutter habe nicht weg gewollt.

2011, als die in der Zwischenzeit über seinen Bruder verhängte Sachwalterschaft aufgehoben worden sei, hätten die Streitereien erst richtig begonnen. Der heute 61-Jährige habe damals begonnen, Geräte zu verkaufen.

Schon vor dem Zwischenfall am 25. März habe es eine Pfefferspray-Attacke durch den Bruder gegeben, erzählte der 54-Jährige. Die Pistole vom Kaliber 7,65 Millimeter habe er einmal gefunden, als er den Typenschein für einen Traktor gesucht habe. Am Tattag habe er sie nicht bewusst mitgeführt.

Als er gegen 9.00 Uhr am Anwesen eingetroffen sei, habe ihn der Nachbar "informiert, dass wieder etwas verkauft wird", und dass sein Bruder im Haus sei, erzählte der Angeklagte: "Man muss ja wissen, wenn man ihm begegnet, gibt es jedes Mal Streit". Beim Eingang angekommen, habe ihm der 61-Jährige "praktisch den Zugang verweigert. Nach dem zweiten Schritt fängt er mich zum Anspritzen an", erzählte der Angeklagte.

Nach diesem Zwischenfall sei er zwar "ein bisschen aufgebracht" gewesen, aber nicht so sehr, um auf jemanden zu schießen, meinte der Angeklagte. Er sei dann ins Haus gegangen. Auf die Frage aus dem Senat, warum er nicht einfach weggefahren und so der Konfrontation aus dem Weg gegangen sei, antwortete er: "Sonst hätte es eben eine Woche später wieder einen Vorfall gegeben."

"Das war Hölle", dann habe er zur Waffe gegriffen

Weil er mit seinem Bruder über den Hausverkauf reden wollte, damit es "keine Berührungspunkte mehr" gebe, sei er nochmals zu ihm hingegangen. Der 61-Jährige befand sich in der Küche und sei hinter der Tür gestanden. "Das habe ich schon gesehen", sagte der Angeklagte. Dann sei die Tür aufgegangen "und er hat mich angespritzt, mindestens zweimal, aber voll". Dabei sei er in ein Auge und in den Mund sowie im Gesicht getroffen worden.

Was da in ihm vorgegangen sei, wollte der Senatsvorsitzende wissen. "Das war Hölle", er habe Schmerzen gefühlt, schilderte der Angeklagte. Dann habe er zur Waffe gegriffen - vom Ansprühen bis zum Schuss sei alles in etwa zehn Sekunden vorbei gewesen.

"Ich habe einfach die Fassung verloren. Mir war das einfach zu viel. Es war eine Gemeinheit, mich mit Pfefferspray anzuballern", versuchte der Angeklagte zu beschreiben, was ihn in dem Moment bewegt habe: "Ich habe die Folgen nicht bedacht. Ich habe mich total vergessen", meinte er und fügte hinzu: "Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich ihn verletzt habe."

Außer dem 61-jährigen Bruder des Angeklagten sollen am Mittwoch auch noch ein Ermittler und weitere Zeugen befragt werden.