Erstellt am 06. Mai 2015, 18:31

von Elisabeth Kirchmeir

5,5 Jahre für Ex-Banker. Kundengelder veruntreut - Oberstaatsanwältin spricht von "Casino-Mentalität" - Bank macht sechs Millionen Euro Schaden geltend.

 |  NOEN, Elisabeth Kirchmeir
Am Mittwoch, 6. Mai, musste sich ein 53-jähriger ehemaliger Angestellter der Bawag Mattersburg wegen großangelegter Malversationen mit Kundengeldern vor einem Schöffensenat unter dem Vorsitz von Richterin Karin Lückl verantworten. Der Mann, der von Jänner bis Oktober 2014 in U-Haft gesessen war, bekannte sich weitgehend schuldig.

Der Angeklagte habe in der Bank eine Machtstellung gehabt, sei verfügungsberechtigt über Kundenkonten gewesen und habe - ohne Zustimmung der Kunden - deren Geld in hochspekulative Geschäfte investiert, weil er glaubte, damit größere Gewinne erwirtschaften zu können, hielt Oberstaatsanwältin Beatrix Winkler dem 53-Jährigen vor.

Von 1997 bis 2014 sollen rund 50 Kunden geschädigt worden sein; die Bawag machte vor Gericht einen Schaden von mehr als sechs Millionen Euro geltend. Teilweise hätte der Angeklagte für die Transaktionen gemäß dem Vieraugen-Prinzip die Zustimmung eines Kollegen einholen müssen. Diese Vorschrift umging er, indem er in unbeobachteten Augenblicken die Berechtigungskarten der Mitarbeiter und deren zuvor ausgekundschafteten Passwörter benutzte.



"Einen Teil des Geldes überwies er auf ein Spekulationskonto in Amerika, das nicht auf seinen Namen lautete", berichtete die Anklägerin. "Über dieses Konto wurden 900.000 Euro verspekuliert."
Den Namen für dieses Konto stellte ein Kunde zur Verfügung. "Es war der Vorschlag des Angeklagten, die Veranlagungen über ein amerikanisches Konto zu machen", berichtete dieser Bawag-Kunde. "Ich vertraute ihm zu 100 Prozent, dachte, das wäre eine gute Sache. Ich nahm nicht, dass mit diesem Konto etwas Unrechtes passiert."
Der Bankangestellte selbst hätte aufgrund von Vorschriften der Bawag ein derartiges Konto gar nicht eröffnen dürfen.

"Er hat gezockt, hat alles verloren", brachte es die Anklägerin auf den Punkt.
Der Angeklagte argumentierte damit, er habe Kunden vor Verlusten bewahren wollen, die auf seine Empfehlung in Argentinien-Anleihen investiert hatten. Als sich abzeichnete, dass der Staat Argentinien 2002 in die Pleite schlittern würde, verloren die Anleihen rasch an Wert, die Anleger hätten nur mehr rund 20 Prozent ihrer ursprünglichen Investitionen zurückbekommen. "Er zahlte sie aus, als ob nichts gewesen wäre", erklärte die Staatsanwältin. "Damit riss er das Loch auf, das sich schneeballartig vergrößerte..."

"Ich war feige, fühlte mich schuld, dass diese Anleihen einen geringeren Wert hatten", sagte der Angeklagte. Er habe den Kunden 100 Prozent der Summe ausbezahlt. Aus Geldern, die er durch Spekulation mit dem Geld anderer Kunden erwirtschaftet hatte. Bereits 1997 soll er zwei Millionen Schilling eines Kunden verspekuliert haben - das bestritt der Angeklagte übrigens: Er habe diese Malversation erst 2002 begangen.
Im Jänner 2014 hatte der Bankangestellte 54.000 Euro Bargeld zuhause. Das Geld stammte von den Mitgliedern eines Sparvereins und war bereits am 4. Dezember 2013 ausbezahlt worden. Er habe es am 15. Jänner einzahlen wollen, behauptete der Angeklagte. Am 13. Jänner wurde er verhaftet.

Er habe nicht die Absicht gehabt, sich das Geld zu behalten, erklärte er. Das Verhalten des Mitarbeiters sei regelwidrig gewesen, stellte ein leitender Angestellter der Bawag klar. Das Geld hätte in der Filiale an einen Funktionär des Sparvereins übergeben werden müssen.

"Die Gesamtbilanz ist mehr als ernüchternd", sagte die Staatsanwältin abschließend: "Er begann Kunden zu bestehlen, um einen möglichen Schaden aus der Argentinien-Anleihe auszugleichen." Den Kunden habe der Angeklagte durch "falsche Auszüge und Depotbestätigungen vorgegaukelt, dass sie noch reich sind", so Beatrix Winkler. Fremdes Geld sei sein Spielkapital gewesen. Er habe eine Casino-Mentalität auf fremden Konten ausgelebt. "Ich ersuche Sie, bestrafen Sie ihn dafür", appellierte sie an den Schöffensenat.

"Er hat sich nicht selbst bereichert. Es tut ihm leid und er wird versuchen, den Schaden gutzumachen", brachte Verteidiger Adalbert Hausmann für seinen Mandanten vor.
Dieser wurde wegen Untreue, schweren Betruges, Veruntreuung und weiterer Delikte zu einer unbedingten Haftstrafe im Ausmaß von fünfeinhalb Jahren verurteilt. An die Bawag muss er drei Millionen Euro als Schadensgutmachung zahlen, für den restlichen Betrag wurde die Bank auf den Zivilrechtsweg verwiesen.
Der Angeklagte nahm das Urteil an, die Staatsanwältin gab keine Erklärung ab.