Erstellt am 13. Mai 2015, 08:57

von Melanie Windbüchler

"Lieber sterbe ich am Meer". Ein Somalier kam vergangenes Jahr aufgrund des Dschihad-Krieges über das Mittelmeer nach Österreich. Ein Martyrium nahm ein glückliches Ende.

Flüchtlinge. Mohammed, Ali und Abdi wohnen im Heim.  |  NOEN, Windb.

Im Caritas Haus in Neudörfl sind seit 2013 30 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge – kurz UMFs – beherbergt. Unter den Jugendlichen, welche im Haus Sarah wohnen, befinden sich auch neun Somalier.

16-jährige Ali im Gespräch mit der BVZ 

Der 16-jährige Ali ist einer der neun Flüchtlinge und erzählt der BVZ seine Geschichte, welche im Jänner 2014 begann: „Von Somalia aus reisten wir mit Schmugglern in einem LKW nach Äthiopien. Von dort aus ging es dann zu Fuß in den Sudan. Wir wurden von Schmuggler zu Schmuggler weitergereicht.“ Anschließend ging es mit einem PKW über die Wüste nach Libyen, ohne etwas zu trinken oder zu essen. „Das war das schlimmste“ so der Somalier.

In Libyen wurden sie einzeln in kleine Räume gestoßen, wo sie nun die Schmuggler bezahlen mussten. Seine Mutter hatte zuvor schon ihr Land verkauft, um seine Flucht zu ermöglichen. Denn sie wollte nicht, dass ihm das gleiche Schicksal ereile, wie seinem Bruder: „Mein Bruder ist im Dschihad gestorben. Laut den Milizen als „Held“. Als sie mich rekrutieren wollten, flüchtete ich.“ Für die Reise selbst mussten die Flüchtlinge 3.000 Dollar zahlen, für die Bootsfahrt, die von Tripolis aus ging, 1.000 Dollar. „Wer nicht bezahlen konnte, wurde nach einer Nierenspende gefragt“ Für die Bootsfahrt ließ man die Flüchtlinge drei Tage lang hungern, denn so passten mehr Menschen aufs Boot.

Das Schlauchboot hatte ein Loch

Wenn man sich dazu entschlossen hatte, mit dem Boot – welches ein zwölf Meter langes Schlauchboot mit einem kleinen Motor war – zu fahren, gab es kein zurück mehr: „Das Boot hatte sogar ein Loch. Dennoch dachte ich: Lieber sterbe ich auf dem Mittelmeer, als in Libyen zu bleiben. Denn dort wären wir im Gefängnis gelandet“, so Ali.

Auf dem Boot waren mehr als 100 Personen, vermehrt Kinder und Jugendliche. Das Boot trieb mit 10 km/h 20 Stunden lang auf dem Meer Richtung Italien, bis der Sprit leer war. „Wir haben noch in Tripolis von den Schmugglern ein Telefon erhalten, damit wir die italienische Küstenwache anrufen können.“ Diese holte nach einer weiteren Stunde die Flüchtlinge von dem Boot und brachte sie nach Sizilien.

Zwei Personen starben auf dem Boot der Küstenwache

Einige waren in einem kritischen Zustand. Zwei Personen starben auf dem Boot der Küstenwache. Die Flüchtlinge wurden dort versorgt, mussten aber zwei Tage darauf bleiben, da sie erst auf Krankheiten untersucht werden mussten. Anschließend wurden sie in ein Camp gebracht, in dem sie Kleidung erhielten. Ab da waren sie frei. „In Italien konnte ich aber nicht bleiben. Ich fand dort keine Polizeistation, somit konnte ich nicht um Asyl ansuchen“, so Ali. Daher ging er 20 Kilometer zu Fuß in eine andere Stadt, wo er von einem dort lebenden Somalier ein Ticket nach Rom bekam.

In Rom musste er eine Nacht auf der Straße übernachten, ehe er von einer Gruppe Somalier ein Zugticket nach Österreich bekam. Er wusste nicht, wohin die Reise ging, bis er von österreichischen Zollbeamten abgefangen und ins Erstaufnahmezentrum Traiskirchen gebracht wurde. „Ich bekam dort neue Kleidung und war froh, endlich in guten Händen zu sein. Nach drei Monaten kam ich nach Neudörfl“, so der Flüchtling. Dort lebt er seither und hat täglich Deutschkurs. Er lernt fleißig, denn er möchte eines Tages Lehrer werden, aus einem ganz einfachen Grund: In Somalia ist es durch den Krieg nicht möglich, eine gute Schulbildung zu bekommen.